Erinnerung Immer den Blick gen Westen gerichtet

In Gesprächen und Diskussionen im Familien-, Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis ging es fast immer um den Vergleich BRD und DDR. Das Ergebnis: "Im Westen ist alles besser." Damit waren aber nie Freiheit und Demokratie gemeint, sondern es war stets ein Vergleich der materiellen Werte: Auto, Urlaub, Bekleidung etc. Zumindest galt das für hunderte oder sogar tausende Gespräche, an denen ich teilgenommen habe. In kleinen Kreisen von Pfarrern oder Künstlern können natürlich auch Gespräche auf intellektuell höherem Niveau geführt worden sein. Aber davon gehörte niemand zu meinem Bekanntenkreis.

Immer wieder der Westen ...

Eines Tages kam ich in meine Schlosserwerkstatt, wo vier Kollegen beieinander standen und erregt diskutierten. Trotz des Erscheinens des Chefs und laufender Arbeitszeit wurde immer weiter diskutiert. Ich stellte mich dazu. Die Diskussionen verliefen immer nach dem gleichen Prinzip: Weil es in der DDR nichts gab schimpften alle, obwohl es nichts gab hatten alle fast alles, obwohl alle fast alles hatten, schimpften alle, dass es in der DDR nichts gab ... So verlief auch die von mir gehörte Diskussion.

Der eine hatte von einem Westverwandten 200 Westmark geschenkt bekommen und sich dafür im Intershop eine schöne Sache gekauft und diese zur Bewunderung mit in den Betrieb gebracht. Der Zweite bewunderte das Stück und fragte sich deprimiert, warum die DDR das nicht könnte. Ein Dritter stellte bedauernd fest, dass er leider nur 20 Westmark habe, die der Opa von seinem Begrüßungsgeld abgezweigt hätte und sich deshalb die Sache nicht kaufen könnte. Einer schimpfte auf das schlechte Warenangebot und erzählte, dass die von einer Westreise zurückgekehrte Oma berichtet hätte, dass es sogar im Januar Erdbeeren zu kaufen gab. "Siehst du", meinte der Nächste, "bei uns gibt es nicht mal welche im Juni oder Juli, oder man muss sich stundenlang anstellen." Und so ging es immer weiter.

Die Westmark in der Hand

Ich mischte mich in die Diskussion ein und versuchte die ideologische Klarheit wieder herzustellen: "Nun geht wieder an eure Arbeit und schafft was. Damit könnt ihr die DDR stärken und euren Lebensstandard verbessern. Außerdem: Was braucht ihr Erdbeeren im Januar? Esst Äpfel und rohen Weißkohl. Die gibt es bei HO und Konsum auch im Januar reichlich und gesünder als importierte und gespritzte Erdbeeren sind sie auch. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Westmark in der Hand gehalten und bin trotzdem ganz zufrieden." Daraufhin kramte einer der Schlosser in seiner Geldbörse, nahm meine Hand, legte eine Westmark hinein und drückte sie zu. "So", meinte er, "jetzt können Sie nie wieder behaupten, noch nie eine Westmark in der Hand gehabt zu haben". Die Westmark wollte er natürlich zurück, sie hätte nur Demonstrationszwecken gedient ... Natürlich amüsierten sich alle köstlich über den Spaß auf Kosten des Chefs und gingen wieder an die Arbeit.

Mir war das Glück allerdings nicht hold. Es war und blieb tatsächlich die einzige Westmark, die ich bis zum Begrüßungsgeld im Jahr 1990 in der Hand halten sollte. Das Begrüßungsgeld habe ich sinnigerweise in einer Filiale der Deutschen Bank in der Karl-Marx-Straße in West-Berlin abgeholt. Und nun werden Sie an meinem Verstand zweifeln: Ich hatte für das Geld keine Verwendung. Ich schenkte es deshalb meiner zehnjährigen Enkelin, die ganz genau wusste, was gerade "in" war und sehr glücklich war, das Geld schnellstens ausgeben zu können.

Die Beurteilung

Reisen gen Westen waren der Traum fast jeden DDR-Bürgers und in den 80er Jahren nahm der Anteil der Westreisenden, die noch im berufsfähigen Alter waren, stark zu. Dazu war aber eine umfangreiche Prozedur notwendig, an die ich mich nicht mehr genau erinnere. Es musste wohl beim Rat des Kreises, Abteilung Inneres ein Antrag gestellt werden. Diese forderte eine Beurteilung des Reisewilligen von der Kaderleitung des jeweiligen Betriebes und diese wiederum von der Abteilung bzw. dem Gewerk, in dem der Antragsteller arbeitete. Auf diese Weise musste auch ich eine Reihe von Beurteilungen schreiben.

Eines Tages wollte auch meine etwa 25-jährige Sekretärin zu einer Familienfeier reisen. 80. Geburtstag der Großmutter oder so etwas ähnliches. Die Kaderleitung forderte von mir eine Beurteilung. Ich setzte mich hin und schrieb auf einen Zettel folgenden Text:

1.) Sie meckert ständig über die Verhältnisse in der DDR
2.) Sie erzählt öffentlich Witze über die SED und Erich Honecker
3.) Sie hört trotz meines Verbots sogar an ihrem Arbeitsplatz Westsender
4.) Sie kommt oft zu spät zur Arbeit und hat immer faule Ausreden
5.) Sie geht oft zum Schwatzen zu befreundeten Kollegen und kommt erst nach 20 bis 30 Minuten zurück
6.) Sie bezahlt keinen Solidaritätsbeitrag beim ADGB
7.) Sie überschreitet die Pausen um bis zu 20 Minuten usw.

Dann rief ich sie in mein Büro: "Das müssen Sie mal schreiben. Das ist wieder so eine Beurteilung für eine dieser Westreisen." Sie nahm den Zettel, ging in ihr Vorzimmer – und kam schon nach 30 Sekunden entsetzt und schimpfend in mein Zimmer zurückgestürmt: "Das ist ja meine eigene Beurteilung! Das können Sie doch nicht so schreiben!" "Ist etwas falsch an dem, was ich geschrieben habe?", fragte ich. Fast weinerlich entgegnete sie: "Nein, falsch ist das nicht, aber mit solch einer Beurteilung lassen die mich doch nie in den Westen fahren. Den anderen haben Sie doch auch immer ein hohes sozialistisches Bewusstsein angedichtet. Warum nicht auch mir?"

"Gut", meinte ich, "schmeißen Sie den Zettel weg und kommen Sie mit dem Stenoblock, ich sage Ihnen eine andere Beurteilung an". "Den Zettel zerreiß ich aber in ganz kleine Schnipsel", sagte sie. Heute, wo Stasi-Schnipsel für 50 Millionen Euro wieder zusammengeklebt werden, hätte das keinen Zweck gehabt. Im folgenden diktierte ich:

1.) Sie arbeitet aktiv in der FDJ-Gruppe des Bereiches mit
2.) Sie hat sich erfolgreich an der Messe der Meister von morgen (MMM) mit zwei Exponaten beteiligt und dafür sogar eine Urkunde erhalten
3.) Bei Diskussionen mit Kollegen vertritt sie immer den Standpunkt der Arbeiterklasse
4.) Trotz ihrer Jugend hat sie sich nach ihrer Ausbildung zu einer der besten Sekretärinnen des Betriebs entwickelt
5.) Sie erfüllt alle ihr übertragenen Aufgaben mit großem Fleiß und höchster Einsatzbereitschaft
6.) Sie wird an einem Computerlehrgang teilnehmen, um später die moderne Bürotechnik zu beherrschen usw.

Zu ihrer Ehre muss ich sagen, dass auch diese Beurteilung im Prinzip richtig war. Sie war sehr zufrieden, hatte den Text sogleich geschrieben und zur Kaderleitung gebracht. Ob sie auch wirklich in den Westen reisen durfte, weiß ich heute nicht mehr. Wenn nicht, so hat es bestimmt nicht an meiner Beurteilung gelegen. Mit ihrer Kritik an meiner ersten Beurteilung hatte sie übrigens Recht: Was meine Beurteilungen betraf, so hatte ich ausschließlich Mitarbeiter mit höchstem sozialistischem Bewusstsein.

Dort ist auch nicht alles Gold, was glänzt

Einer meiner Mitarbeiter, mein bester Schlosser, durfte, warum auch immer, innerhalb von drei oder vier Jahren gleich dreimal in den Westen fahren. Dabei nahm er eine für mich sehr interessante Entwicklung. Als er das erste Mal zurückkam berichtete er euphorisch: "Das kannst du dir nicht vorstellen, in den Fernsehgeschäften stehen 30 bis 40 Fernsehgeräte von acht verschiedenen Firmen, bei uns stehen lediglich zwei Geräte und die gelten auch noch als "verkauft", weil der Händler sie erst dann ausliefern darf, wenn der Großhandel zwei neue geliefert hat." Als ich erwiderte, dass ich mir einen Laden mit 30 Fernsehern durchaus vorstellen könnte, war der Arbeiter regelrecht empört. "Das kannst du dir nicht vorstellen", konterte er.

Als er das zweite Mal zurückkam, war er etwas nachdenklich. "Dort ist auch nicht alles Gold, was glänzt", meinte er. "Ich habe mal die Mieten verglichen. Ich zahle fünf Prozent meines Netto-Einkommens, mein Bruder 30 Prozent. Und das, obgleich sein Einkommen doppelt so hoch wie meines ist. Wegen der Wasserpreise müssen sie unheimlich sparen. Die lassen das Badewasser in der Wanne stehen und spülen damit die Toilette. Mein Bruder kann sich nur jedes zweite Jahr eine Urlaubsreise leisten."

Als er das dritte Mal zurückkam, war er sehr nachdenklich. Er hatte die Firma besucht, in der sein Bruder arbeitete. Eine Gießerei, die Zulieferteile für die Autoindustrie herstellte. Sein Bruder hatte ihn durch den Betrieb geführt – in DDR-Betrieben wäre das unvorstellbar gewesen. Plötzlich kam der Chef und Besitzer der Gießerei und fragte den Bruder: "Meyer, wen führen Sie hier durch meine Firma?" Der sagte: "Herr Müller, das ist mein Bruder aus der DDR." "Gut Meyer, zeigen Sie ihm alles", meinte der Chef und zu meinem Kollegen: "Und Sie, Herr Meyer, lade ich auf eine Tasse Kaffee in mein Büro ein. Meyer, Sie zeigen ihrem Bruder, wo das ist." "Geht in Ordnung, Herr Müller", sagte der Bruder.

Nach dem Betriebsrundgang ging er die Treppe hoch, zum Büro des Chefs in der ersten Etage. Treppe, Flur, Vor- und Chefzimmer waren mit einer sehr eleganten Teppichware ausgelegt. Mein Kollege merkte an: "Wenn hier ein Kumpel mit seinen dreckigen Schuhen hochkommt, da leidet doch der Fußbodenbelag drunter ..." Daraufhin hielt der Chef des Bruders eine Ansprache der folgenden Art: "Herr Meyer, hier kommt kein Kumpel hoch. Der Kumpel hat seine Probleme mit seinem Meister, eventuell auch dem Betriebsrat zu klären. Für den Kumpel steht mein Büro nicht zur Verfügung. Folglich kann der Kumpel den Fußbodenbelag mit seinen dreckigen Schuhen auch nicht beschmutzen." In seiner Rede gebrauchte er das Wort "Kumpel" mindestens zehnmal, jedes Mal verächtlich in die Länge gezogen. Dieses Erlebnis und die Tatsache, dass der Bruder den Chef als "Herrn" ansprach, selbst jedoch "Meyer" genannt wurde, ließen meinen Kollegen zu der Erkenntnis kommen, dass die Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern sowie den Mitarbeitern untereinander in den DDR-Betrieben kameradschaftlicher, herzlicher und menschlicher waren. Ein Eindruck, den ich durch meine Erlebnisse nach der Wende nur bestätigen kann.

Sie und Du

Übrigens: Ich persönlich habe entgegen des DDR-Trends den größten Teil meiner Mitarbeiter gesiezt und nur langjährigen und disziplinierten Kollegen das Du angeboten. Nach der Wende fingen jedoch auch diese Kollegen an, mich nach und nach als "Herrn Feist" anzusprechen – obgleich ich immer wieder darauf beharrte, dass sie mich duzen dürften. Warum wohl?

West-Vorteile bei der "Sozialistischen Hilfe"

Manchmal habe ich aber auch den Westkontakt meiner Mitarbeiter zur Erfüllung meiner beruflichen Aufgaben genutzt. Ich hatte zum Beispiel eine bildhübsche, junge Materialeinkäuferin. Und im Gegensatz zum jetzigen Wirtschaftsstand war es in der DDR viel schwieriger Material einzukaufen anstatt zu verkaufen. Sie bekam von einer Westoma immer die modernsten Westklamotten geschickt. Wenn nun zum Beispiel das dringend benötigte Gummikabel mal wieder knapp oder sogar aufgebraucht war, habe ich sie aufgefordert, ihren von der Westoma geschickten, hochmodernen Leder-Hosenanzug zu tragen und auf Einkaufstour zu gehen. Waren die Materialverkäufer Männer, so hatte sie meist Erfolg und kam mit einem Auto voller Gummikabel zurück. Waren die Materialverkäufer aber Frauen, so war sie meist weniger erfolgreich, da sie mit ihrem schicken Hosenanzug den weiblichen innerdeutschen Neid erweckt hatte.

Oft brachte sie viel zuviel Material mit. Das kam dann auf Lager und lag oft monate- oder jahrelang herum. Da nach diesem System tausende Materialeinkäufer in den Betrieben arbeiteten, übrigens gefördert und gefordert von ihren jeweiligen staatlichen Leitern, also auch von mir, lagen nach meiner Schätzung mindestens zwei Jahresproduktionen wichtiger Industriegüter in den Lagern der Betriebe, während sie an anderer Stelle dringend gebraucht wurden. Deshalb wurde mit diesem Material ein heftiger Tauschhandel betrieben, der die teils ironische, teils ernst gemeinte Bezeichnung "Sozialistische Hilfe" trug.

Der Reptilienfonds

Im Westfernsehen sah ich im Jahr 1980 ein Fernsehspiel, dessen eine Szene ich nie vergessen habe. Ein Betriebsmanager in etwa meiner Position wollte eine neue Maschine kaufen. Der Vertreter des Herstellers erschien mehrmals beim Manager und brachte ihm jedes Mal eine Flasche Wein und der verehrten Frau Gemahlin unbekannterweise ein Schachtel Pralinen mit. Ich dachte mir damals: "Das möchtest du nur einmal in deinem Berufsleben erleben." Denn bei mir lief es ja gerade umgekehrt. Ich musste meinen Materialbedarf oder Dienstleistungen meinerseits mit kleinen Geschenken beschaffen bzw. erkaufen. Dazu hatte ich mir eine "schwarze Kasse" zugelegt, von der der Hauptbuchhalter zwar wusste, aber beide Augen zudrückte. Er wusste, dass es anders nicht gehen würde. Über Einnahmen und Ausgaben habe ich korrekt Buch geführt. Die Statistik existiert heute noch. Doch im Gegensatz zu den Bestechungsgeldern, von denen man heute hört, waren meine Beträge Bagatellen. Ich nannte meine "schwarze Kasse" Reptilienfonds. Hier einige Beispiele:

- 5 Mark – Pralinen für den Heizungsmonteur
- 10 Mark – Kaffee für Zerspannungsarbeiten
- 23 Mark – Schnaps für höheres Elektroenergiekontingent
- 10 Mark – Ersatzteile für Abkantbank
- 60 Mark – Verlegung von Telefonkabel

Die letzte Eintragung ist vom 15.12.1989, als ich für zehn Mark Blumen für meine langjährige, nun in Rente befindliche Sekretärin zum 65. Geburtstag gekauft habe.

Alternative Währungen

Mir stand aber noch eine weitere "Währung" zur Verfügung, mit der sich besonders gut "Handel treiben" ließ. Über drei Ecken hatte ich Kontakt zum größten Herstellungsbetrieb für Keramikwandfliesen, der fast ausschließlich für den Export in den Westen produzierte. Dadurch hatte ich ständig 5.000-8.000 Wandfliesen auf Lager, die nur mit meiner Zustimmung verwendet werden durften. Wir haben sie natürlich in erster Linie zur Rekonstruktion unserer Sozialräume eingesetzt, aber für besonders schwierige Material- und Dienstleistungsaktionen, insbesondere für die Beschaffung so genannter Bilanzanteile, habe ich sie gezielt eingesetzt. Bei entsprechenden Verhandlungen habe ich immer vorsichtig ins Spiel gebracht, dass ich in der Lage sei, privat Wandfliesen zu verkaufen. Und da Wandfliesen neben Bananen und Autos das am stärksten nachgefragte und am seltensten angebotene Produkt waren, hatte ich beim jeweiligen Verhandeln meist vollen Erfolg. Sie wurden auch tatsächlich verkauft und nie verschenkt.