Autobiografie 1. Von Sportfesten und Fußballspielen

Thomas Nitschke schreibt über seine Kindheit und Jugend in Dresden. Er erzählt von Familie und Freunden, von Fußball und ungeliebter Lehre, von Gedichten und der Stasi, der spät entdeckten Liebe zu Büchern, dem Erwachsenwerden und der Wende...

Es war Sommer.

Meine Eltern hatten meine Schwester, mich und die Kinder der Nachbarschaft zum Sportfest in den kleinen Garten vor unserem Haus eingeladen. Der Garten verwandelte sich an diesem Tag in einen Sportplatz. Die Obstbäume und die kleinen Sträucher entlang der Hecke dienten als Markierung für den Schlängellauf. Auf der großen Wiese fand der Dreisprung statt. Kirschkerne mussten meterweit gespuckt werden und zum Abschluss forderte der von allen Kindern gefürchtete Ausdauerlauf dreimal um den gesamten Garten noch einmal alle Kräfte.

Obwohl ich im Sportunterricht das Gerätturnen und die albernen Turnübungen auf der verstaubten, grauen Bodenmatte in der Turnhalle unserer Schule hasste, war ich ganz gewiss nicht unsportlich. Trotzdem wurde ich an diesem Nachmittag nur Vierter. Von meiner Schwester, meiner Klassenkameradin, die zugleich unsere Nachbarin war und die mich jeden Morgen zum gemeinsamen Schulweg abholte, und von meinem Freund geschlagen, durfte ich nicht mit auf das von Kisten und Stühlen erbaute Siegerpodest. Es kam aber für mich noch schlimmer.

Meine Eltern gaben mir die Urkunden, Preise und Medaillen, und ich sollte diese den Siegern überreichen. Wenige Minuten später stand ich barfuß auf der Wiese meiner freudig strahlenden Schwester gegenüber und schaute verärgert zu ihr hinauf. Doch statt sie zu beglückwünschen und ihr die Medaille zu überreichen, beschenkte ich sie mit einem leichten Tritt gegen das Schienbein. Meine Schwester war außer sich vor Wut. Sie schrie laut “Blödmann”. Meine Eltern verwiesen mich daraufhin auf mein Zimmer.

Enttäuscht lief ich in das Haus. Ich ging in mein Zimmer und schloss hinter mir die Tür. Ich trat an das schmale Dachfenster. Von dort schaute ich in den Garten, wo gerade die Preisverleihung begann. Diese hatte meine Mutter für mich übernommen und obwohl meine Schwester, die immer irgendwie schneller, klüger und in allem besser war als ich, mit der Siegerurkunde ausgezeichnet wurde, hörte ich, wie sie noch immer über mich, ihren jüngeren und kleineren Bruder, schimpfte.

Doch in Wahrheit störte mich dies alles nicht. Ich stand auf der Kommandobrücke meines Hausschiffes. Der nach vorn immer spitzer werdende Garten offenbarte sich mir als Schiffsvorderdeck. Ich war der Kapitän. Mit einem unsichtbaren Steuerrad in der Hand nahm ich mitsamt den auf dem Vorderdeck spielenden Kindern, mitsamt meiner schimpfenden Schwester und meinen nichts ahnenden Eltern Kurs auf den vor dem Schiff liegenden Heller, den es nun zu erobern galt.

Der Heller.

Wenige Meter vor dem Haus meiner Eltern begann ein kleines Wäldchen, welches sich entlang einer großen Binnendünenlandschaft, den Heller, bis zur nördlichen Grenze des Dresdner Stadtzentrums erstreckte. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als noch keine Straßenbahnen bis in den Dresdner Norden fuhren, mussten die Einwohner von Hellerau über den Heller laufen, wenn sie nach Dresden wollten. Das war während meiner Kindheit nicht mehr so. Es gab eine Straßenbahn, so dass die meisten Menschen, wenn sie vom Norden nach Dresden wollten, mit dieser fuhren und den Heller nicht mehr überquerten.

Allein sollte ich ihn meiden; so warnten mich meine Eltern. Ich hörte zumeist auf ihren Rat. Allein ging ich nicht auf den Heller. Ich fürchtete mich vor den dort stationierten russischen Soldaten. Ihnen wollte ich allein lieber nicht begegnen. Der Heller hatte etwas Unnatürliches und zuweilen erschien er mir unheimlich. Unheimlich war es auch, wenn ich nachts von meinem Zimmer aus durch das offene Fenster auf den Heller starrte, Stimmen hörte und die Dunkelheit langsam die Körper der Stimmen verschlang.

Leise und bedacht, um die Aufmerksamkeit der Stimmen nicht auf mein erleuchtetes Zimmer zu lenken, entfernte ich mich in solchen Momenten vom offenen Fenster. Dann schaltete ich das Licht aus, schaute im Schutz der Dunkelheit noch einmal nach draußen und verkroch mich danach im Bett. In meinen Träumen malte ich mir die schrecklichsten Verbrechen aus, die sich nur wenige hundert Meter entfernt von mir auf dem Heller ereigneten.

Mit den Kindern der Nachbarschaft jedoch eroberte ich den Heller. Hier jagten wir uns und hier nahmen wir uns gefangen. Hier beobachteten wir, in den zahlreichen Schützengräben und Panzerlöchern versteckt, aus sicherer Entfernung die Soldaten beim Manöver. Die Schüsse, die wir manchmal hörten, machten das Spiel nur noch spannender.

Der Heller wurde auch Schauplatz weitaus ernsterer Kämpfe zwischen unserer Jungenbande vom "Grünen Zipfel" und den Banden anderer Straßenzüge. Zwischen der Gartenstadt und der Nachbargemeinde Klotzsche herrschte in unserer Einbildung jahrelang der Ausnahmezustand. Diese Kämpfe verdrängten den Spaß. Eine Gefangennahme durch die Klotzscher Jungen wollte ich unbedingt vermeiden. Bevor es so weit kommen konnte, war ich zumeist schnell weggerannt oder hatte mich in einem Panzerloch versteckt und darin gewartet, bis die Luft wieder rein war für den Rückweg.

Auf dem Heller lernte ich das Fußballspielen.

Zwischen den mächtigen Stämmen der Kiefernbäume, die unsere Tore waren, übte ich mit Uwe das Kopfballspiel. Eine Lichtung im kleinen Wäldchen, welches sich unmittelbar vor den Sanddünen befand, bauten wir aus zu unserem eigenen Stadion. Wir fällten kleinere Bäume und mit dem Fuchsschwanz meines Vaters sägten wir uns aus den Baumstämmen die Torpfosten und die Querlatten für die Fußballtore zurecht. Gemeinsam mit unseren Freunden Falk, Geralf und Jens spielten wir fast täglich nach der Schule auf dem Heller Fußball.

Uns war es egal, ob es im Herbst regnete, im Winter kräftig schneite oder ob im Sommer unentwegt die Sonne schien. Unsere Mütter schimpften nach jedem Regen über unsere verdreckten Sachen. Wir gaben die schmutzigen Sachen wortlos hin. Dann senkten wir unsere Blicke, hörten uns das Geschimpfe und Gezeter scheinbar schuldbewusst an und liefen danach mit neuen Sachen nach draußen zum Spielen.

Das Fußballfeld im Stadion war nicht eben gewesen. Kleine Sandhügel, Regenrinnen, die sich in den Boden gegraben hatten, und andere Unebenheiten erschwerten das Spiel. Uns störte das nicht. Die Kunst, den Ball trotzdem zu behaupten, erschien uns nur noch anspruchsvoller als oben auf dem glatten Sportplatz in Hellerau. In einem Sommer bauten wir uns zwei verschiedene Stadien. Wir bauten auf der Lichtung ein großes Stadion für die normalen Fußballspiele und ein kleines im Kiefernwäldchen für die Wettkämpfe im Kopfballspiel. Dort trafen wir uns jährlich zweimal zum Kopfballturnier.

Falk und Geralf hatten für den Sieger einen Wanderpokal aus Holz geschnitzt und ich führte jahrelang in einem kleinen Heft gewissenhaft Statistik. In der konnte man nachlesen, wer wie oft, wann und wie hoch gegen wen gewonnen hatte. Obwohl wir alle gute Fußballer waren, schaffte es keiner von meinen Freunden zu unserem Lieblingsverein Dynamo Dresden. Das war eben so, aber mich ärgert das manchmal noch heute.