Autobiografie 4. Dresden hatte kein Westfernsehen

Wir lebten trotzdem unser Leben am oberen Rand des Dresdner Elbtales. Wir lebten unser Leben ahnungslos von jeglicher Werbung und ahnungslos von den Mainzelmännchen des ZDF, die meine Mutter später, als auch wir "Westen" hatten, so lustig fand, dass wir sie jedes Mal, wenn die erschienen, schnell rufen mussten und sie sekundenschnell aus der Küche in das Wohnzimmer gerannt kam.

Ich wusste nichts von Rudi Carell, dessen ewig blöd grinsender Mund mich damals begeisterte, und den ich stolz auf einer Plastiktüte, die sein grinsendes Gesicht zeigte, mit mir führte. Die Verkäuferinnen sahen Rudi Carell. Sie mussten ihn gekannt haben, denn sie lächelten dankbar zurück.

Ich ging gern einkaufen. Meine Großmutter hatte mir öfter Kleingeld zugesteckt, so dass ich mir auch eigene, kleine Wünsche erfüllen konnte. Ich musste nur aufpassen, dass ich die Konsummarken nicht vergaß. Sonst hätte mich auch Rudi Carell nicht vor den strafenden Blicken meiner Mutter oder meiner Großmutter bewahrt. Diese wollten, so schien es mir, mit den Marken vorzeitig ihre Rente sichern.

So lebte unsere Familie friedlich dahin. Wir fühlten uns sicher und auf irgendeine Art und Weise sogar frei. Wir wussten ja nicht, was wir verpassten. Wir hatten kein Westfernsehen, und zumindest ich vermisste es zumeist auch nicht. Nur manchmal spürte ich etwas. Dann fehlte mir der Westen doch. Ich spürte den Verlust während der Besuche mit meinen Eltern bei Verwandten, Freunden und Bekannten in Leipzig und in Elsterberg.

Während solcher Besuche sog ich alles in mich hinein. Die Sportschau, die Werbung, die Sonnabendabendshows. Mir war es in solchen Momenten egal, was im Fernsehen kam, ich blieb bis morgens vor der Glotze sitzen. Wieder zu Hause in Hellerau spürte ich, je älter ich wurde, immer öfter, dass ich doch etwas vermisste.

Ein ganz besonderes Fußballspiel.

Zum Beispiel an einem Mittwochnachmittag. Aus der "Fuwo", unserer wöchentlichen Fußballzeitung, die meine Eltern für mich abonniert hatten, wusste ich, dass die Bayern an diesem Tag in Prag spielten. Kurz vor 17.00 Uhr schaltete ich im Wohnzimmer unseres Hauses den Fernseher ein und suchte den tschechischen Sender.

Nach kurzem hektischen Verstellen an der Feinabstimmung hatte ich ihn gefunden. Anfangs war das Bild noch stark verschwommen, so dass ich mit der Zimmerantenne in der Hand umherwanderte und einen besseren Empfang suchte. Je mehr ich sie bewegte und mich dem Fenster näherte, um so klarer wurde das Bild. Schließlich erkannte ich die ganz in rot spielenden Bayern. Ich befestigte die Antenne am Fenster, schaute in den Fernseher und erkannte die für mich unerreichbaren Idole Breitner, Rummenigge und Sepp Maier.

Ich war mit dem Empfang zufrieden. Nur der Ton fehlte jetzt noch. Ich rannte hoch in mein Zimmer und holte meinen Kassettenrecorder "Anett", den ich zur Jugendweihe bekommen hatte. Nach erneutem hastigen, verzweifelten Drehen und Suchen fand ich auf der Mittelwelle endlich einen westdeutschen Sender, der das Spiel übertrug. In diesem Augenblick war ich wirklich glücklich und stolz, denn ich hatte es geschafft!

Für mich begann ein schöner Fußballnachmittag. Während tausende andere Mitbürger gelangweilt vor den staatlichen Fernsehsendern DDR 1 oder DDR 2 saßen und auf das Störbild, welches das Ende des Programms anzeigte, warteten, saß ich mit dem Radio in der Hand vor dem Fernseher und verfolgte das Spiel der Bayern gegen Prag. Die Bayern gewannen 4:1, und am nächsten Tag berichtete ich meinen Klassenkameraden in der Schule voller Stolz von dem Spiel.

Auch während der Treffs mit meinen Freunden ahnte ich, je älter ich wurde, immer deutlicher, das mir ohne den "Westen" doch etwas entging. Ich ahnte es zum Beispiel, wenn ich Friedemann besuchte. Seine Eltern bewohnten ein schönes, geräumiges Einfamilienhaus am oberen Ende vom Heideweg. Das Haus stand fast in einer Höhe mit dem Festspielhaus, so dass sie manchmal Westfernsehen empfingen. Es geschah häufig, dass er, wenn seine Eltern an den Wochenenden in die Stadt fuhren, um eine Veranstaltung im Theater oder in der Semperoper zu besuchen, Uli, Peter, Wiege und mich zu sich einlud.

Friedi hatte vor unserem Kommen Räucherstäbchen angezündet, so dass uns fremdländischer, eben nach Westen riechender Duft empfing. Nachdem wir die Wohnung betreten hatten, legten wir uns auf die Sofas im Wohnzimmer. Während er für uns in der Küche indischen, milde duftenden Tee kochte, schaltete Wiege, dessen Eltern keinen Fernseher besaßen, voller Ungeduld den Fernseher ein. Dann schauten wir den ganzen Abend hindurch "Westen".

Gückselige Zeiten brechen an.

In Hellerau hatte sich drei Jahre vor der Wende eine Antennengemeinschaft gegründet und auf dem Dach des sich am oberen Ende der Gartenstadt befindlichen Wasserturmes riesige Empfangsgeräte installiert. Die Gartenstadt sollte verkabelt werden. Jeder Haushalt, der es wollte, sollte in Zukunft "Westen" empfangen können. Eine glückselige, fernsehreiche Zukunft stand uns bevor.

Diese Aussicht beflügelte die Einwohner der Gartenstadt zu nie wieder erreichten Höchstleistungen. Obwohl entlang der Straßen und Gärten alle jungen und alten männlichen Angehörigen jeder Familie eine bestimmte, vorher genau berechnete und festgelegte, Meterzahl frei schachten und frei hacken mussten, waren an den nächsten Wochenenden alle Einwohner von Hellerau bereits seit den frühen Morgenstunden unermüdlich auf den Beinen.

Ich sah Nachbarn, die ich schon fast vergessen hatte und grüßte eifrig. Überall, auf den Straßen, Plätzen und in den Gärten wurde geschaufelt, gehackt und geschachtet. Entlang der Fußwege und quer über die Straßen türmten sich riesige Erdhaufen. Die Gartenstadt glich in dieser Zeit einem Ort, in welchem die Einwohner nach einem Schatz suchten. In gewisser Hinsicht stimmte das ja auch.

Das Westfernsehen, das wir bald haben würden, erschien für uns wirklich wie ein Schatz. Endlich würden wir mehr sehen können als DDR 1 und DDR 2. Endlich würden wir uns ein eigenes Bild machen können von denen da drüben. Endlich waren mir nicht mehr auf Karl Eduard von Schnitzler angewiesen und seinen "Schwarzen Kanal".

Alle bisherigen vom Staat angeordneten kollektiven Arbeitseinsätze die bei uns "Subotniks" hießen, zur Rettung der Wälder oder zur Verschönerung der Städte und Gemeinden, erreichten nicht annähernd die Zahl der jetzt freiwillig in den Gräben schwitzenden Jungen und Männer. Diese wurden während der Arbeit von den Töchtern, Schwestern oder Frauen angefeuert und in den Arbeitspausen mit kühlem Coschützer Pilsner und Hackepeterbrötchen liebevoll versorgt.

Ein Vierteljahr später war die Arbeit beendet. Ein kilometerlanges Kabel wurde verlegt und danach feierte die Gartenstadt ein riesiges Fest. Jeder Haushalt, der es wollte, wurde angeschlossen und war bereit "Westen" zu empfangen. Die Freude über den Westempfang war so groß, dass die Hellerauer bereits wenige Tage später das Feiern vergaßen. Die Menschen, die gemeinsam in den Gräben geschwitzt hatten, verkrochen sich in ihre Häuser und schauten voller Glückseligkeit endlich Westen.

Urplötzlich schien die Gartenstadt verwaist. Die Straßen blieben tagsüber leer. Auch abends füllten sie sich nicht. Die Menschen zogen sich in ihre Wohnzimmer zurück und genossen dort vor den Fernsehern ihre neue Freiheit. Diese Freiheit erhob uns nun noch deutlicher über die Stadt. Voller Stolz schauten wir nun auf Dresden herab; wissend, dass wir etwas besaßen, was für die Menschen da unten noch jahrelang ein Wunschtraum bleiben sollte.