Autobiografie 6. Von schwierigen Lehrjahren und der Welt der Bücher

von Thomas Nitschke

Ein Jahr später beendete ich die Schule.

Die quälenden, langen zehn Jahre waren endlich vorbei. Das Leben riss jeden mit sich fort. Und doch, wir blieben Freunde. Uli, Peter, Wiege und ich. Das Band der Freundschaft, es wurde gewebt und wir merkten es nicht. Es wurde gewebt in den Briefen, die zwischen uns, zwischen den Kasernen und den Arbeitstellen, wo wir uns die meiste Zeit ohne es zu wollen aufhielten, umherwanderten. Es wurde gewebt an den Wochenenden, an denen wir uns trafen, wenn auch nicht mehr so frei wie einst und so unbeschwert.

Es wurde gewebt in Ulis Zimmer, im Haus seiner Eltern, das in den nächsten Jahren Zentrum und Ausgangspunkt unserer Unternehmungen werden sollte. Die Moritzburger Seenlandschaft, ein Jahr zuvor noch Ziel rasanter, unbeschwerter Badetouren, fing uns, erschöpfte junge Männer an den Sonnabendabenden mit ihren sanften, grünen Hügeln auf. Wir zogen, tief atmend die Sommerluft in uns ein und vergaßen den Kummer der letzten Tage.

Wir tranken in der Umgebung von Moritzburg, in den Wiesen liegend, den ungarischen Grauen Mönch und Portugieser Weißherbst und erst nachts, im Dunkeln, fuhren wir heim. Die Disco- und Konzertbesuche in Hellerau und auf den Dörfern im städtischen Umland wurden seltener. Irgendwann gaben sie uns nichts mehr. Wir fuhren lieber nach Dresden, zogen durch die Stadt und besuchten Theateraufführungen, Lesungen und vom Staat verpönte Kinofilme im städtischen Filmtheater Ost.

Wir schlichen uns, von den Kontrolleuren unbemerkt, in die Veranstaltungen der Studenten. Wir schlenderten durch die Dresdner Neustadt. In der Kamenzer und in der Sebnitzer Straße stieg ich mit Wiege durch offen stehende Fenster in verlassene, an den Eingängen abgesperrte Häuser. Wir suchten geeignete Wohnräume für eine WG. Wir wollten raus, weg von unseren Eltern, raus aus Hellerau.

Ich entdeckte das Lesen.

Ulis Vater lieh mir Bücher von Hermann Hesse, von Erich Kästner und von Thomas Mann. Ich setzte mich im Sommer in den Garten vor dem Haus meiner Eltern und begann darin zu lesen. Bald wurde ich süchtig nach guten Büchern. Ich konnte nicht mehr genug davon kriegen. Mein knappes Lehrlingsgehalt ging dafür drauf. Ich fuhr in die Stadt, stöberte in den kleinen Bücherläden und Antiquariaten und kaufte mir Bücher von Kurt Tucholsky, Hans Fallada und Stefan Zweig. Jetzt erst offenbarten sie sich mir.

Jetzt erst lernte ich sie verstehen, die Dichter und Denker vergangener Zeiten. Ich nahm die Bücher mit auf Arbeit. Dort versteckte ich mich im Schaltraum des Umspannwerkes und las, von den mich suchenden Kollegen und vom Meister unbemerkt, Gedichte von Erich Mühsam, vom frühen Johannes R. Becher und von Georg Heym. Ich las auf dem Heimweg nach der Arbeit das "Trunkene Schiff" von Rimbaud und merkte gar nicht, dass ich hätte längst aussteigen müssen.

Ich las in meiner kleinen Dachstube im Haus meiner Eltern den "Woyzeck" von Georg Büchner. Ich hörte in Gedanken die Schreie der erdolchten Marie und schaute des Nachts auf den vor mir liegenden geheimnisvollen, dunklen Heller. An den Wochenenden fuhr ich mit dem Fahrrad an den Moritzburger Großteich, setzte mich neben den von August dem Starken erbauten Leuchtturm und las Heines "Buch der Lieder".

Mit Erich Kästner in der Hand lief ich durch die Dresdner Neustadt. Ich blieb die Nächte wach, oben in meiner Kammer, und las die russischen Dichter Dostojewski, Jessenin und Tolstoi. Ich holte den "Faust" aus dem Regal meiner Eltern, fest entschlossen, ihn endlich zu verstehen. Der Nebel hatte sich gelichtet, der bisher zwischen mir und den Büchern stand. Was die Schule mit ihrem öden und langweiligen Unterricht nicht vermochte, das Leben zwang mich nun dazu: Ich musste lesen. Alles!

Alles, jetzt und sofort! Die Bücher retteten mich. Nur sie zeigten mir einen Weg zum freien Leben, welcher mir bisher im tatsächlichen Leben verschlossen blieb. Erst jetzt blickte ich wahrhaftig in die Welt. Erst jetzt erahnte ich ein Verstehen von Malerei, von Musik und von Literatur und von all dem Geheimnisvollen, das ich bisher nur spöttisch verlacht und weit von mir geschoben hatte.

Die Wochenenden erlösten mich kurzzeitig.

Meine Lehre in einem kleinen Städtchen in der Niederlausitz hatte begonnen. Ahnungslos fuhr ich nach dem Ende der letzten Sommerferien an einem Montagmorgen dorthin. Die nächsten Wochen und Monate hatte ich mir so nicht vorgestellt. Das Leben zeigte mir in den nächsten Jahren seine unbequeme und dunkle Seite. Ich wollte den Beruf des Elektromonteurs nicht erlernen. Doch was wollte ich überhaupt? Ich wusste es damals noch nicht. Ich hatte mir darüber während der gesamten Schulzeit keine ernsthaften Gedanken gemacht.

Zu schön und zu unbeschwert war meine Kindheit. Nun wachte ich zwei Jahre lang jeden morgen halb sechs auf, schlüpfte eine Woche lang in einen blauen Kombianzug, und die andere Woche trottete ich ohne Kombianzug lustlos in die Schule, die sich neben dem Lehrlingswohnheim befand. Auch in dieser Schule lernte ich nicht und verstand von alldem nichts. Ich konnte den Unterrichtsstoff nicht verstehen, denn ich wollte ihn nicht verstehen.

Ich zweifelte an mir und an meinen Fähigkeiten, die sich bei einer genaueren Betrachtung als Unfähigkeiten erwiesen, wenn es darum ging, in einer bestimmten Zeit einen Schaltschrank fertig zu montieren und die Kabel daran anzuschließen. Ich verzweifelte, wenn der Lehrmeister mitten im tiefsten Winter von mir verlangte, die schweren und klobigen Steigeisen aus der Werkstatt zu holen, an meinen Füßen anzulegen und einen vier Meter hohen, glitschigen Holzmast hinaufzuklettern.

Ich kletterte so gut es ging den Holzmast hoch und versuchte, die losen Kupferleitungen mit einem Kreuzbund fest zu verbinden. Obwohl ich mit beiden Händen arbeiten sollte, hielt ich mich mit einer Hand krampfhaft am Strommast fest, während ich mit der anderen Hand den Kreuzbund zumindest versuchte. Mein Glück war, dass der Lehrmeister unten stehen blieb. Der Kreuzbund hielt für eine Weile und zufrieden kletterte ich wieder den Mast herunter.

Ich hatte mir diesen Beruf nicht ausgesucht. Er war eine Notlösung. Während alle anderen Mitschüler spätestens nach den Herbstferien in der zehnten Klasse bereits ihre Lehrverträge unterschrieben hatten, irrte meine Mutter verzweifelt mit mir durch Dresden und durch mehrere missglückte Bewerbungsgespräche. Mir drohte nach dem Abschluss der zehnten Klasse in der sozialistischen DDR zumindest kurzzeitig die Arbeitslosigkeit.

Erst mein Onkel, der als Generaldirektor eines großen staatlichen Unternehmens genügend Einfluss besaß und mich in dem von ihm geleiteten Unternehmen unterbrachte, rettete mich und vor allem meine Mutter aus der für sie als misslich empfundenen Situation.

Triste Zugfahrten und Zuflucht Mitropa.

Es waren traurige Zugfahrten von Dresden nach Calau und wieder zurück. Während der Hinfahrt am Sonntagabend suchte ich den Wagen mit den Studenten. Ich setzte mich in ihre Nähe und lauschte ihren Gesprächen. "Zeig’ mal deine Platte. Ravi Shankar. Ist ja irre. Wo gab`s denn die? - Auf der Görlitzer in der Neustadt. Aber ich hatte die Platte bestellt." Die Langspielplatte wurde herumgereicht und ich erkannte einen Inder, der eine Sitar in seinen Armen hielt.

Ich hatte noch nie indische Musik gehört. Diese Platte wollte ich auch haben. Einen Tag später rief ich meine Mutter von Calau aus an und sie bestellte die Platte für mich. Die Studenten setzten die Unterhaltung fort. "Wann musst du morgen raus? - Ach, ich komme erst um zehn. Jürgen schreibt für mich mit." Entsetzt vernahm ich diese Worte. Das durfte nicht wahr sein. Während ich morgen halb sechs unglücklich und verschlafen im Blaumann durch den Betrieb schleichen würde, schliefen die Studenten noch oder hörten indische Musik.

Ich wollte auch studieren. Was hatte ich in Calau zu suchen, während das Leben woanders seine Sinfonien spielte? Nach fast zwei Stunden Zugfahrt stieg ich in Doberlug-Kirchhain aus. Auf dem Bahnhof wartete ich auf meinen Anschlusszug. Ich ging in die Mitropa, bestellte mir ein Glas Bier und setzte mich auf einen beliebigen freien Stuhl. Die Luft im Gastraum war drückend vom Rauch der Zigartetten und mich bedrückte meine Situation.

Noch vor wenigen Minuten hatte ich im warmen Zug gesessen und hatte vom freien Leben der Studenten gehört. Hier in der Mitropa umgab mich nur Tristesse und Hoffnungslosigkeit. Ich sah rauchende, miteinander redende Montagearbeiter und Jugendliche in meinem Alter, die genauso wie ich ihre ersten Erfahrungen mit der Arbeitswelt machten und sich diese mit Bier und Schnaps erträglich tranken.

Auf den Stuhl neben mir hatte sich eine ältere, fast zahnlose Frau gesetzt, die, jedes Mal, wenn sie ihre Nase schnäuzte, ihr verbrauchtes Taschentuch aus einer vergilbten Handtasche holte. Dieses Taschentuch ekelte mich an. Mein Leben ekelte mich an. Ich bestellte mir noch ein Bier. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Es war um neun und mein Zug fuhr erst halb zehn.

Vietnamesen waren in unserer kleinen DDR keine Seltenheit.

Sie galten als fleißig und zuverlässig und dieses positive Urteil war sogar bis in das kleine Städtchen in der Niederlausitz vorgedrungen. Gleich neben unserem Lehrlingswohnheim wohnten in vier nebeneinander stehenden Wohnbaracken mehrere Vietnamesen. Unser Staat hatte ihre Berufsausbildung zum Elektromonteur übernommen. Wir sahen sie tagsüber zumeist nur in den Pausen.

Angetrieben von ihren Lehrmeistern schluckten sie genauso hastig wie wir im Betriebesspeisesaal ihr Mittagessen herunter. Abends nach der Arbeit saßen sie vor ihren Baracken und blickten verstohlen zu uns herüber. Ihnen ging es genauso wie uns. Auch sie wussten nicht so recht, was sie nach Beendigung der Arbeit in diesem verwunschenen Städtchen machen sollten. So lebten wir mehrere Wochen und Monate nebenher. Wir blieben uns in dieser Zeit fremd.

Dieser Zustand änderte sich erst, als eines Tages ein Lehrling aus dem zweiten Lehrjahr mit einer völlig neuen Jeans zu uns kam. An seinen Beinen klebten andere Jeans als die, die wir kannten. Das waren keine "Wisent" und keine "Boxer" aus unsere eigenen, staatlichen Produktion. Das waren aber auch keine "Wrangler" oder "Levis" aus dem Westen. Das waren völlig neue Jeans und an den Außennähten leuchteten kleine weiße Streifen.

Wir fragten ihn, woher er diese Jeans hatte. "Von denen da drüben", sagte er. Wir begriffen zunächst nicht, was er meinte und erstaunt blickten wir ihn an. "Die Vietnamesen haben meine Jeans genäht", erklärte er uns. Von diesem Augenblick an war der Bann, der uns bisher von den Vietnamesen getrennt hatte, gebrochen. Wenige Wochen später trugen fast alle Lehrlinge des Lehrlingswohnheims von den Vietnamesen genähte Jeans.

Auch ich kaufte mir solch eine Jeans und voller Stolz ging ich mit diesen am Wochenende in Dresden zur Disco. Die Vietnamesen wurden in den folgenden Wochen und Monaten unsere Freunde. Trafen wir uns während der Arbeit oder in den Pausen, so grüßten wir uns sehr zum Erstaunen unserer Lehrmeister. Für sie waren die Vietnamesen zunächst nur Ausländer, denen man durch deutsche Disziplin und Strebsamkeit das richtige Arbeiten und die Ordnung bei bringen musste. Uns ging es wie den Vietnamesen. Wir verstanden sie. Vielleicht fühlten wir uns daher verbunden?

Ich suchte vergebens nach einem Sinn.

Nach der Lehre wurde ich Jungfacharbeiter. Ich übte zwar einen Beruf aus, doch ich suchte darin vergeblich einen Sinn. Während einige meiner früheren Klassenkameraden längst ihren beruflichen Einstieg erfolgreich bewältigt hatten, zum Teil sogar Kinder gezeugt und eine Familie gegründet hatten, schleppte ich mich morgens und abends lustlos von Norden nach Süden quer durch die ganze Stadt, um tagsüber noch lustloser zwischen irgend welchen Transformatoren zu stehen. Das Leben machte mir keinen Spaß mehr. So konnte es nicht weiter gehen. Das konnte nicht das Leben sein, das ich für mich erträumte.

Zwei Wochen, nachdem mich mein Meister beim Lesen von Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" während der Arbeitszeit im Schaltraum erwischt hatte, schickte er mich an einem Montagmorgen ungewöhnlich früh zum Arbeiten in die elektrische Anlage. Obwohl meine Kollegen im Aufenthaltsraum sitzen blieben und ihren ersten Kaffee tranken, zog ich meine Wattejacke an, setzte den Schutzhelm auf und holte im Geräteschuppen eine Spitzhacke und einen Spaten.

Die bereits am frühen Morgen schon wieder blöd brummenden Transformatoren gaben reichlich Verlustwärme ab, so dass man, wenn es in ihrer Nähe nicht so gefährlich gewesen wäre, sich durchaus im Winter mit Hilfe dieser ausströmenden Hitze hätte erwärmen können. Diese Wärme wollten meine Kollegen künftig sinnvoll nutzen. Mit dieser Wärme sollten die Wohnungen meines Meisters und der meisten meiner Kollegen, die unmittelbar neben dem Umspannwerk wohnten, beheizt werden.

Mittels einer kilometerlangen Rohrleitung, die sich wie ein hässlicher, glitschiger Wurm durch die gesamte elektrische Anlage schlängelte, sollte die Wärme in die Häuser geleitet werden. Diese Leitung musste aber erst gebaut werden, und die Fundamente für die Abstützungen der Rohre sollte ich graben. Nur, so dachte ich für mich, während ich in der elektrischen Anlage irgendwo zu schachten begann, was interessiert mich die Wohnung meines Meisters? Was interessieren mich die Wohnungen der meisten, hier wohnenden Kollegen? Was interessierte mich die Verlustwärme der Transformatoren, die mich selber ja doch nicht erwärmte?

Ich verstand das alles nicht. So grub ich inmitten der bedrohlichen Elektrospulen und Transformatoren irgendwo ein Loch. Irgendwie machte mir das Schachten sogar Spaß. Draußen war es kalt und mittels dieser ungewöhnlichen morgendlichen, sportlichen Übungen wurde mir langsam warm. Während ich schachtete, merkte ich nicht, dass mein Meister eine Stunde später seinen Kontrollgang begann und sich auch meinem Loch langsam näherte. "Doch nicht hier", schrie er verzweifelt, als er das Loch erblickte.

Ich trat aus dem Loch, legte die Hacke und den Spaten zur Seite und dachte: Er hat recht, doch nicht hier. Zwar schüttete ich das eben erst gegrabene Loch wieder zu und grub wenig später ich an anderer Stelle weiter, doch an diesem Tag beschloss ich, hier aufzuhören und mein Glück künftig woanders zu suchen.

Nun roch es nach einem neuen Leben.

In den letzten Wochen im Umspannwerk war ich ein anderer geworden. Ich wurde mit jedem neuen Tag heiterer und gelassener. Ich ahnte das Ende meiner beruflichen Laufbahn als Elektromonteur bereits. Mich störte es nicht mehr, wenn Martin, der selbst zum Feierabend seine Arbeitssachen nicht auszog, bereits zum Frühstück nach Schafsscheiße roch. Mich störte es nicht, wenn Hans nach drei Flaschen Felsenkeller Pilsner auf die Russen schimpfte und stolz seine Ringe der abgeschossenen feindlichen Panzer zählte.

Mich störte es nicht, wenn Maik sich selber zum Chef ernannte und mir die Arbeit überließ. Ich zog meinen Kombianzug an, setzte meinen Helm auf, ging raus in die Anlage und schraubte irgendwo ein paar Schrauben locker und wenig später wieder fest. Die Wochen zogen sich noch hin, doch dann war an einem Freitag im Juni endgültig Schluss.

An diesem Tag ging alles ganz schnell. Noch vor dem Frühstück schmiss ich den Blaumann mit dem gelben Helm, der wollenen "Oma" und den klobigen Steigeisen samt Arbeitsschuhen Maik und dem Meister vor die Füße, spendierte genüsslich eine letzte Runde Kaffee und verließ nach drei Jahren für immer das Umspannwerk.

Draußen, außerhalb der elektrischen Anlage wartete die Freiheit auf mich, und es wartete ein neues Leben. An diesem Tag fuhr nicht wie sonst mit dem Zug nach Hause. Unter den Blicken der verdutzten Kollegen zog ich meine Straßenschuhe aus und lief freudestrahlend, barfuss über die große Wiese, die sich unmittelbar neben dem Umspannwerk befand. Ich holte tief Luft und atmete alles in mich ein. Es roch nach frischer Erde, nach duftenden Blumen und nach singenden Vögeln. Das Leben roch endlich nach einem neuen Leben; es roch nach meinem Leben.

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2004, 15:57 Uhr