Autobiografie 7. Die Partei, die Partei, die hat immer Schuld

von Thomas Nitschke

Wenn man den Mund vor lauter Versprechungen zu voll nimmt, verkehren sich irgendwann die nicht eingehaltenen Versprechungen zum eigenen Nachteil. Diese schmerzliche Erfahrung durchlitt in der DDR auch die allmächtige Partei. Spätestens in den achtziger Jahren hatte auch ich begriffen, dass sich die von ihr vorgegebene Losung, dass sie immer Recht habe, nicht stimmte.

Sie hatte bereits seit mehreren Jahren nicht mehr Recht und sie wurde dafür von den Menschen für alles, was geschah, oder besser was nicht geschah, verantwortlich gemacht. Die Menschen gaben ihr die Schuld, wenn es nicht die Lebensmittel gab, die sie gerade kaufen wollten. Sie hatte Schuld daran, dass es keine Ersatzteile für den neu gekauften Staubsauger gab und sie hatte Schuld, dass es ab Oktober jeden Tag regnete. Sogar für den im Dezember 1987 über Nacht einsetzenden und unerwartet kräftigen Schneefall wurde sie verantwortlich gemacht.

Während ich am Morgen des Neuschnees halb Sechs mit mehreren Dresdner Arbeitern auf einem Bahnsteig im Neustädter Bahnhof stand und vergeblich auf die von Meißen kommende S-Bahn wartete, hatten einige Arbeiter bereits den Bahnsteig verlassen und waren gut gelaunt in die geöffnete Mitropa gerannt, wo sie sich ihre ersten Tassen Kaffee bestellten.

Wenige Minuten später teilte uns eine nur schwer verständliche Lautsprecherstimme mit, dass die nächste S-Bahn erst in einer Stunde kommen würde. Der plötzliche Wintereinbruch hatte nicht nur die Partei, sondern auch die Dresdner Verkehrsbetriebe überrascht. Nach dieser Nachricht verließen auch die letzten Wartenden den Bahnsteig. Sie gingen in die Mitropa, die sich trotz des frühen Morgens hoffnungslos überfüllte. Ich stand zwischen den Arbeitern, trank eine Tasse Kaffee und hoffte insgeheim, dass auch der nächste Zug ausfallen möge.

Acht Stunden später, nach Arbeitsschluss, fiel noch immer kräftig Schnee. Gemeinsam mit den Arbeitern vom frühen Morgen wartete ich auf dem Bahnsteig der S-Bahnstation Dresden-Zschachwitz erneut vergeblich auf den Zug. Während es morgens im Neustädter Bahnhof eine wärmende Mitropa und Kaffee gegeben hatte, standen wir dieses Mal ungeschützt am Bahnsteig frierend im Schnee. Es gab nicht einmal eine plärrende Lautsprecherstimme, so dass wir nicht wussten, wann der Zug aus Pirna kommen würde.

"Scheiß Kommunisten", schimpfte ein Arbeiter neben mir. "Die versauen uns die letzte Freude am Leben. Aber wartet nur Genossen! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Ich jedenfalls bin morgen krank!" Vielleicht war der Arbeiter morgen wirklich krank. Aber eigentlich war das egal. Für ihn stand bereits am Nachmittag fest, dass er am nächsten Tag zum Arzt gehen würde.

Seine Sätze offenbarten die allgemein übliche Arbeitsmoral. Während morgens die Nachricht über den Ausfall des Zuges von den meisten Arbeitern freudig aufgenommen wurde, verkehrte sich diese Freude am Nachmittag in Wut, Hass und Intoleranz. Der Feierabend war ihnen wichtiger als die Arbeitszeit. Ich verstand die schimpfenden Arbeiter und ich fühlte genauso wie sie.

Was wollte ich auf Arbeit, wo es besonders während der Wintermonate nur selten eine sinnvolle Beschäftigung gab und wir, statt zu arbeiten, bis zu acht Tassen Kaffee tranken? Die Zeit konnte ich auch sinnvoller verbringen. Zudem brauchte ich keine Angst vor Mietschulden oder vor einer drohenden Arbeitslosigkeit zu haben.

Wahrscheinlich ging es den meisten Arbeitern ähnlich wie mir. Wahrscheinlich fuhren sie morgens frustriert auf Arbeit, um abends noch frustrierter nach Hause zu fahren. Wahrscheinlich hatten sie dieses Leben satt. Der Staat dachte für uns, er umsorgte uns und er beschäftigte alle. Jeder, der es wollte, hatte Arbeit und jeder hatte acht Stunden am Tag irgendwo irgendetwas zu tun. Die Menschen genossen diese Sicherheit und sie richteten sich im Staat behaglich ein.

Aber nur die Wenigsten fragten nach der Effektivität dieses Systems. Die Wenigsten fragten nach dem Preis für diese Politik. Das Fragen danach war den meisten DDR-Bürgern irgendwann abhanden gekommen. Es war sinnlos geworden, weil sie die Antwort schon kannten. Die Partei machte keine Fehler und wenn, dann gab sie diese nicht zu. Sie konnte die Fehler nicht zugeben, denn sie hatte Recht.

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2004, 16:28 Uhr