Ein halbes Jahr Vorbereitung für den Bulgarien-Urlaub

Es war 1981 und ich war 11 Jahre alt und um mich herum tobte noch der real existierende Sozialismus.

Ich bin in einer typisch ostdeutschen Patchwork-Familie aufgewachsen. Die Eltern geschieden und mit frischem Partner wieder neu organisiert. Ich werde meine Mutter hier nur "Ingrid" nennen und ihren Lebensgefährten "Peter". (So mache ich das schon immer. Würde ich von Mutter und Vater schreiben, hätte ich das Gefühl, dass es sich um Fremde handelt.)

Festes Urlaubsziel: das sonnige Bulgarien

Der Höhepunkt unseres Familienlebens war in jedem Jahr eine Bulgarienreise. Per Wartburg vollgeladen mit Fress- und Tauschwaren ging es in den 13. Monat – den Urlaubsmonat. Es waren unglaubliche Vorbereitungen nötig, um dieses Abenteuer abzusichern. Ein halbes Jahr vorher begannen meine Eltern mit diversen Hamstertätigkeiten. Kommisbrot - zum Beispiel – das haltbare Vollkornprodukt der NVA war nur zu einem bestimmten Fest zu ersteigern.

Kofferraumklappe auf und rein mit den Büchsen. Tütensuppen, eingekochte Bratwürste (ja, das geht...), "Clip"-Getränkepulver und und und. Vier Wochen vor Antritt der Reise konnte man in unserer Küche nicht mehr Kochen, nicht mehr Essen – dieser Raum war einzig und allein der Vorratsgewinnung gewidmet!

Ich hatte als Mädchen (praktischerweise) eine sehr schlanke Gestalt. Mein Stiefbruder Jens ebenfalls. Der Tag der Abreise war noch fern, da mussten wir schon stundenlang "Probe sitzen" im metallicblauen Wartburg mit 70er-Jahre Rallyestreifen (ähnlich wie bei Starsky & Hutch nur irgendwie kreativer). Es wurde geübt: Schlafsäcke, Zelt und Decken in den Kofferraum. Opas alte Klamotten (zum Verkaufen an Rumäniens arme Bevölkerung - die Rumänen kauften alles) in die Sitzbänke.

"So, Andi. Setz du dich mal rein... und jetzt du Jens." Pause – Türknallen - "Geht das?" - Tür auf - umbauen. Ich glaube, ich habe Jens während der vier Wochen Urlaub maximal dreimal gesehen, die ausgeklügelte Konstruktion zwischen uns war einfach zu hoch.

Das Herzstück unseres Hoheitsbereiches im Heck des Fahrzeugs war ein "Stern-Rekorder". Der Kassettenrekorder mit Holzgehäuse thronte auf seinem Griff liegend in der hinteren Ablage. "In the Year 2525" von Zager & Evan und "San Francisco" von Scott McKenzie sind heute noch meine ganz großen Favoriten. Die Musiksammlung war begrenzt und daher sehr einprägsam.

Unternehmen Urlaub - ein halbes Jahr vorausgeplant

Losgefahren wurde meist gegen vier Uhr morgens. Das war spannend. Die frische Morgenluft, diese flüsternde Aufregung, Haus abschließen, vom Hof rollen. "Hast du auch die Benzinpumpe aus der Garage mit?" Ersatzteile wie Keilriemen und Dichtungsringe durften genauso wenig fehlen wie ein zweiter Vergaser und genügend Benzinkanister. Im ersten Jahr fuhr sogar eine ERSATZWINDSCHUTZSCHEIBE mit – ehrlich!

Während Peter für die Funktionstüchtigkeit des Fahrzeugs verantwortlich war, herrschte Ingrid über die Reisedokumente. Visa, Zollerklärungen, Benzintalons – all das konnte sie bis zum Ende des Urlaubs so perfekt ausradieren, bleichen und manipulieren, dass wir noch gut Wochen im sozialistischen Ausland hätten bleiben können.

Man muss dazu sagen, dass die DDR-Regierung den Aufenthalt ihrer Bürger in den befreundeten Republiken übersichtlich gestalten wollte. Das hieß: Für 40 Liter Benzintalons, um ohne Umweg durch Ceausescus Land zu kommen.

Im Visier der Staatssicherheit

Zollerklärungen für die begehrten ungarischen Forint gab es pro Person für 100 Ostmark. Das reichte natürlich hinten und vorne nicht. Immerhin gab es in Ungarn schon beachtlich viel "Westware". Phantasie war gefragt. Das bekam auch die Stasi zu spüren. In Peters Akte kann man heute nachlesen:

IM ROBERT gibt zu Protokoll.

Zu beobachtende Person P. sagt in einem Gespräch mit bei einer Wanderung durch den Thüringer Wald zu einer Kollegin:

"Es gibt drei Möglichkeiten, um an ungarische Forint zu kommen:
1. Er besticht eine Staatsbankangestellte und erschleicht sich so Devisen (Also D-Mark –das konnte aber gar nicht funktionieren).

2. P. erhält von einer Bekannten, die auf dem Passamt arbeitet, zusätzliche Zollerklärungen, um diese dann gegen Forint einzutauschen (schon wahrscheinlicher)

3. Die Dokumente müssen manipuliert werden (auf jeden Fall...)"

Und so sollte es geschehen.

Peter war zu dieser Zeit "Angehöriger der Intelligenz", sprich Lehrer, um genau zu sein, Sportlehrer. Da Peter auch noch ein sehr guter Fußballer war, stand er in der "OK Fußball" besonders unter Beobachtung der Staatssicherheit. Eigentlich war an dem, was Peter machte nichts wirklich staatsfeindliches, aber gesellschaftspolitisch wurde er von der Stasi als "unsicher" eingeschätzt. Schön zu wissen, wenn sich jemand für einen interessiert.

Ein Prosit auf die Völkerverständigung!

Zurück nach Ungarn. Nach einem Ritt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h durch Ostdeutschland, über den Grenzübergang Reitzenhain in die CSSR bis nach Bratislava. In diesem Jahr war Budapest vorerst unser Ziel. Man traf sich mit Bekannten, wohnte bei ihnen in einer viel zu kleinen Neubauplatte und trank jede Menge auf die Völkerverständigung.

Ein Freund der Gastfamilie sollte vom Budapester Flughafen abgeholt werden. O.k. – wir hatten das Auto – die den Freund. Da wir nicht an dieser Begegnung beteiligt waren, sahen wir uns im Flughafengelände etwas um. Da entdeckte der "staatspolitisch unsichere Peter" einen Zeitungsstand. Das Magazin "DER STERN" mit Sonderteil "Die Mauer". Die knapp bemessene Reisekasse wurde geplündert. "DER STERN" musste mit. Also ging die druckfrische Westliteratur mit auf die Reise nach Osteuropa. An den Strand.

Kapitalismus und Sozialismus lagen Handtuch an Handtuch

Schnittstelle Ost/West: Die Schwarzmeerküste. Hier traf sich das geteilte deutsche Volk. Nirgendwo spürte man die Unterschiede der Gesellschaftssysteme so krass und so nah wie in den Badeorten der Volksrepublik Bulgarien. Da lagen Kapitalismus und Sozialismus Handtuch an Handtuch und wussten noch nichts von Ozonloch, Aids und Solidaritätszuschlag.

Der Ost-Reisende, minderbemittelt durch mangelnde Devisenkraft, schielte mit Respekt und Neid auf die Ruhrgebietsbienen. Der westdeutsche Landsmann ging derweil mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in die Restaurants am Strand, um lachend die komplette Menüpalette für seine Nachzucht zu bestellen. Die Reisekasse des Ossis wäre damit restlos erschöpft gewesen.

Es wurden Kontakte geknüpft – Strandtuch übergreifend erzählten die einen und die anderen lauschten gespannt. Manchmal entstanden Freundschaften zwischen Ost und West. Es wurden Adressen ausgetauscht. Der ein oder andere bereitete im Urlaub seine Übernahme vor – sprich die Flucht. Das war aber nicht die Regel.

Die bunten Zeitschriften durften nicht mit nach Hause

Die Regel aber war: Waren die sonnengebräunten Wessis auch schon längst wieder in der Heimat angekommen, all ihre Zeitschriften verblieben bei den ostdeutschen Brüdern am Strand. Für Monate, manchmal auch länger. Sie wurden von den Abreisenden an sympathische Nachbarn weitergegeben. Mit nach Hause nehmen ging nicht. Der Besitz von antisozialistischen Hetzschriften zogen erhebliche Folgen für den Ostbürger nach sich. Das konnte bis zu "Visa-Sperre" und "Berufsverbot" führen.

Die Bedrohung aus den tiefsten Tiefen des menschlichen Verbrechens: Kochrezepte, Stylingtipps, Informationen aus königlichen Häusern und erotische Urlaubserlebnisse. Ich kann mich noch genau an die unglaublich farbigen Fotos und Texte erinnern. Die westliche Welt war bunt, roch gut und fühlte sich sehr erwachsen an. Unser in Ungarn erstandener "STERN" teilte das Schicksal seiner Strandkolleginnen Gala, Bunte und Woche der Frau ebenfalls. Er wurde von vorne bis hinten ausgelesen, ging über drei Sonnenschirmreihen und wieder zurück. Ein politisches Magazin war eher selten zu ergattern und sorgte somit unter der Landeskameraden Ost für rege Nachfrage.

"DER STERN" als blinder Passagier...

Irgendwie schaffte es die "August-Ausgabe mit Sonderteil: Die Mauer", wieder in den metallicblauen Wartburg zu gelangen. Vollkommen unbemerkt legte sich "DER STERN" unter seinen Namensvetter den "Sternrekorder" und verharrte dort für ca. 2000 km durch das sozialistische Osteuropa. Er passierte die Grenze von Bulgarien zu Rumänien, von Rumänien zu Ungarn, von Ungarn in die CSSR. "DER STERN" lauschte heimlich den Klängen von Cat Stevens und "Ha" - wird er sich gedacht haben "jetzt unterwandere ich gleich die Deutsche Demokratische Republik".

Gut, wenn sich keiner für einen interessiert.

Es war gegen 23.00 Uhr. Wir erreichten den Grenzübergang Reitzenhain. Ein braungebranntes Pärchen am Steuer und zwei elfjährige Kinder im Fond. Der Grenzpolizist überprüfte die Papiere. Schien alles in Ordnung. Mit der Taschenlampe musterte er das Interieur. Ingrid und Peter drückte das Gewissen: Zollerklärungen gefälscht, Waren in Rumänien verkauft, in Ungarn eine Coca Cola geklaut, am Strand mit Westdeutschen gesprochen und gefeiert. Der Grenzer schickte sich an, die Papiere zurück zu geben und eine gute Weiterfahrt zu wünschen.

...wird doch noch enttarnt

Beim Hinunterbeugen fiel sein Blick noch einmal in den Fahrgastraum. Plötzlich verfinsterte sich seine Miene noch mehr. "Bitte mal aussteigen!" befahl das Pokerface. Wir gehorchten. "Bitte mal in die Garage fahren!" – DIE GARAGE! Wir wussten, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Der Wartburg wurde auseinander genommen.

"Koffer raus. Alles auspacken." (Da war bulgarisches Geschirr drin - eingewickelt in schmutzige Reisewäsche). "Sitze raus." (Da war selbstgebrannter bulgarischer Slibowitz drin, ca. 10 Liter – eigentlich viel zu viel, aber das interessierte nicht.) "Türverkleidung ab." (Da war nix drin.) Das Spiel dauerte Stunden.

Ganz am Ende seiner Exkursion durch unser geliebtes Fahrzeug, als nichts mehr fest im Auto installiert war, ging der Genosse Grenzpolizist zähneknirschend auf den treuen "Sternrekorder" zu. Siegessicher zog er seinen Fund mit gespreizten Fingern unter dem Objekt hervor. "Wie können sie mir das erklären?" Sprachlosigkeit. Keiner hatte mehr an den ideologischen Begleiter gedacht. Der prangte nun vorwurfsvoll in der Hand des Gesetzes: "DER STERN" eine August-Ausgabe von 1981 mit Sonderteil "Die Mauer".

"Mitkommen!" Ingrid und Peter verschwanden.

Ein wenig später wurde die Heimreise fortgesetzt. Die Stimmung im Auto war leicht eisig. "Meldung an die Dienstelle" sollte gemacht werden und "Das wird Konsequenzen haben". Leider fand der Grenzer nichts wirklich Bedrohliches – kein Westgeld – keine Adresse aus Düsseldorf, Essen oder dem Saarland. Auch in Peters Stasi-Akte kann man heute nichts über den Vorfall erfahren.

Epilog

Acht Jahre später verschwand der Sonderteil "Die Mauer" von selbst. Das System hatte sich selbst erlegt. Für Peter und Ingrid stand schon 1989 sofort das neue Reiseziel fest: Griechenland - mit Wartburg natürlich. 1990 war dann schon alles neu organisiert. Ingrid eröffnete ein Sportgeschäft und Peter wurde Geschäftsführer eines Joint-Venture-Projektes einer Münchner Sportartikelfirma. Kurz darauf abonnierten sie den "STERN".