Kurzbiografie & Interview Reinhard Joksch - Regisseur

Reinhard Joksch, Jahrgang 1965, studierte zunächst Klavier und Kontrabass an der Musikschule Berlin-Köpenick. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Berlin und Hamburg arbeitete er als Regieassistent beim Deutschen Fernsehfunk, war Mitglied beim "Filmstudio 69" in Berlin Lichtenberg und Redakteur für die SFB-Sendung "Wochenmarkt". Seit 1996 ist er als freiberuflicher Fernsehjournalist, Autor und Regisseur tätig. 1998 gründete er die Firma "Vidicon TV- und Videoproduktion GmbH". Reinhard Joksch lebt und arbeitet in Berlin.

MDR: Was will die Fernsehdokumentation "Damals in der DDR“ vermitteln? Weshalb sind vier Dokumentationsfolgen vorgesehen?

Reinhard Joksch: Die Dokumentation will ein umfassendes, komplettes Bild der 40 Jahre DDR vermitteln. Es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe Veröffentlichungen zur DDR-Geschichte, aber kaum solche, die die DDR in ihrer Gesamtheit, das heißt auch in ihrer Entwicklung betrachten. Hier setzt "Damals in der DDR" an: in vier Folgen werden die einzelnen Jahrzehnte betrachtet. Dadurch entsteht ein sehr vollständiges Bild.

Die Reihe ist ja für zehn Folgen konzipiert, die für den MDR produziert und 2005 ausgestrahlt werden sollen. Die vier Folgen für die ARD bilden den Kern des Projektes - müssen daher kompakter und dichter sein. Sie sind speziell für das gesamtdeutsche Publikum gedacht, also für Zuschauer von Flensburg bis Freilassing und von Aachen bis Frankfurt an der Oder.

Bedeuten vier Autoren auch vier unterschiedliche Ansätze?

Unterschiedliche Autoren für die einzelnen Folgen bedeuten keinesfalls, dass hier vier Individualfilme entstanden sind, die nur durch ein gemeinsames Projekt zu einer Serie werden. Im Gegenteil: Unterschiedliche Autoren bedeuten zwar auch eigenständige Köpfe mit eigenen Ideen, aber diese Ideen sind immer in die gesamte Serie eingeflossen. Wir haben im Vorfeld der eigentlichen Produktion sehr viel Zeit und Energie aufgewendet, um aus einer Vielzahl von Ideen ein Konzept "aus einem Guss" zu machen. Und ich denke, das hat sich gelohnt.

Außerdem gab es mit dem Serienregisseur Karsten Laske - der übrigens auch die gesamte fiktionale Produktion für alle Folgen verantwortet hat - jemanden, der speziell den Seriencharakter im Auge hatte und mit uns Autoren in einer ständigen, sehr kreativen Diskussion stand.

Hat sich das Konzept während des Drehprozesses verändert?

Konzepte verändern sich immer während der Arbeit. Das war auch hier so. Schließlich ist die Arbeit am Film ein kreativer Prozess. Wir haben aber nicht ein Konzept gehabt und das mehrfach komplett geändert. Man kann sagen, das Konzept ist durch die konkrete Arbeit ständig weiterentwickelt worden. Am Anfang stand eine Idee, die wurde dann immer weiter optimiert. Und hier war die Arbeit des Serienregisseurs immer besonders gefragt: Karsten Laske hat die Erfahrungen der einzelnen Autoren dann in die Serie eingebaut.

Der Anlass der Dokumentation ist der 15. Jahrestag des Mauerfalls – braucht es 15 Jahre Distanz, um ein authentisches Bild der DDR zeichnen zu können?

Es braucht sicher nicht 15 Jahre, um ein komplettes Bild der DDR-Geschichte zu zeichnen. Es besteht ja vielleicht sogar eher die Gefahr, dass mit den Jahren auch Erinnerungen verblassen oder Zeitzeugen weniger werden. Andererseits musste nach 1989 zunächst erstmal viel der DDR-Geschichte historisch aufgearbeitet, Quellen erschlossen werden. Insoweit haben wir 2004 natürlich eine ganz andere Grundlage gehabt, als es beispielsweise 1992 der Fall gewesen wäre.

Distanz hilft natürlich auch immer, eine Sache objektiver zu betrachten. Dadurch ändert sich auch der Blickwinkel. "Damals in der DDR" untersucht besonders, was die DDR in ihren 40 Jahren zusammengehalten hat, warum und vor allem wie der Staat funktioniert hat und wie die Leute damals gelebt haben. Und das ist schon eine andere Sichtweise.

Das spielt natürlich auch bei dieser Serie eine Rolle, aber nicht nur. Es gab eben auch Alltag in der DDR, Menschen, die Sorgen hatten, liebten, lachten oder einfach nur in ihrer Heimat leben wollten. Diese Menschen und ihr Alltag haben die DDR viel stärker geprägt und haben viel mehr zu ihrer Existenz beigetragen, als man das bisher gesehen hat. Und das ist auch der Ansatz der Serie: Geschichte "von unten" erzählen, über persönliche Erlebnisse der Zeitzeugen.

Wie haben Sie sich dem Stoff genähert?

Die Zeitzeugen und ihre Geschichten waren Dreh- und Angelpunkt unserer Herangehensweise. Wir haben Menschen gesucht, die uns mit ihren Geschichten die DDR-Geschichte erzählen können. Und diese Geschichten wurden eingebunden in die Elemente der Dokumentation: Historische Ereignisse, dokumentiert durch Archivmaterial.

Wobei auch der Blick auf das Archivmaterial ein anderer war: Wir haben vor allem privates Material gesucht, das uns einen authentischeren Eindruck vermitteln konnte, als das "offizielle" Material. Dann haben wir eng mit Historikern zusammengearbeitet, die wichtig waren, um die historischen Fakten nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie erlebten Sie die Zeitzeugen - wie erfolgte ihr Rückblick?

Es war sehr spannend, zu beobachten, wie Zeitzeugen im Rückblick ihre Erlebnisse betrachten. Da gilt ihnen vor allem ein großer Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben und uns in ihr Leben blicken ließen. Man muss ja bedenken, dass in fast allen Fällen die Zeitzeugen ihre Geschichten erstmalig öffentlich gemacht haben, mit fremden Menschen über sehr private Dinge sprachen.

Man merkte dann, dass die Zeitzeugen schnell die Distanz zu den Ereignissen verloren haben, dass sie über ihre Geschichten sprachen, als wären sie gestern passiert.

Bei den Dreharbeiten: Welches Schicksal hat sie besonders beeindruckt?

Die Geschichte, die mich am meisten berührt hat, ist die von Wolfgang Engels. Er ist 1963 in den Westen geflohen und seine Mutter hat sich von ihm losgesagt. Hat ihn verleugnet, auch am Telefon: "Wer sind sie? Ich kenne sie nicht."

Wobei man bedenken muss, dass sie hauptamtlich im Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hat. Dass so etwas möglich ist, dass eine Mutter einer Ideologie - oder wenn man so will eines Feindbildes wegen - ihren eigenen Sohn verleugnet, dass hat mich lange beschäftigt.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 11:02 Uhr