Kurzbiografie & Interview Ute Gebhardt - Regisseurin Teil 4

Ute Gebhardt, Jahrgang 1963, studierte Kunst und Germanistik. Danach war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Erfurt tätig. Von 1992 bis 1996 war sie Mitarbeiterin des MDR, bevor sie 1996 als freie Fernsehjournalistin vorwiegend für ORF, MDR, ARTE und die ARD tätig wurde. Ute Gebhardt lebt in Weidling/Österreich und Erfurt.

MDR: Was will die Fernsehdokumentation „Damals in der DDR“ vermitteln?

Ute Gebhardt: "Damals in der DDR" erzählt Alltagsgeschichte. Es geht um Ereignisse, die "Jedermann" so oder so ähnlich erlebt hat. Das ist sicher das Neue an dieser Konzeption und das war auch das Schwierige: Geschichte von unten zu erzählen, aus der Perspektive ganz normaler Menschen und gleichzeitig Ereignisse zu finden, die spannend, emotional und nachvollziehbar sind. Darüber hinaus sollten diese Alltagsgeschichten einen historischen Bogen um das jeweilige Thema spannen.

Es sind vier Filme, weil vier Jahrzehnte mit einem jeweils eigenen thematischen Schwerpunkt betrachtet werden. Hier war der Ausgangspunkt der Überlegungen: Was hat das jeweilige Jahrzehnt am stärksten geprägt? Bei dieser Fragestellung landet man in den fünfziger Jahren bei den Russen und dem Aufbruch, in den sechziger Jahren bei der Utopie und der Mauer, in den Siebzigern bei den goldenen Jahren und dem Mangel und im letzten Jahrzehnt bei der Erosion des Machtapparates.

Bedeuten vier Autoren auch vier unterschiedliche Ansätze?

Vier Autoren bedeuten vier Handschriften. Bei der Arbeit an einer Reihe oder Serie ist sich ein Autor aber im Klaren, dass es sich nicht um einen Autorenfilm handelt. Man hat sich dabei inhaltlich und gestalterisch dem Serienkonzept unterzuordnen. Das ist zwiespältig. Das ist einerseits formal lästig und andererseits eine Herausforderung. Sich mit seiner Arbeit ständig an die Arbeit der anderen anzupassen ist aber auch spannend, weil man andere Wege als die gewohnten gehen muss.

Einheitlich an den vier Filmen ist eine Menge: Die inhaltliche Herangehensweise und das "Outfit". Die Auswahl der Geschichten und Protagonisten folgt dem oben beschriebenen Konzept. Die Interviews spielen eine große Rolle und sind nach einem gemeinsamen optischen Konzept aufgenommen. Die Geschichten der Protagonisten sind teilweise mit inszenierten Spielszenen gestaltet, die natürlich auch optisch einer gemeinsamen Idee folgen.

Die Musik wurde für die Reihe komponiert und verbindet die Filme natürlich auch. Dokumente und Fotos fließen in ähnlicher Gestaltung ein. Und dann gibt es natürlich noch den gemeinsamen Vorspann, Abspann, Grafik etc.

Hat sich das Konzept während des Drehprozesses verändert?

Das Konzept entstand im Vorfeld in gemeinsamen Debatten. Die einzelnen Arbeitsschritte wurden immer wieder aneinander gemessen. Bei den ersten Dreharbeiten machten wir alle die Erfahrung, dass das Konzept schwer einzuhalten ist. Manches wurde mehr als einmal gedreht, weil mal der Inhalt nicht passte, mal die Gestaltung.

Der Anlass der Dokumentation ist der 15. Jahrestag des Mauerfalls - braucht es 15 Jahre Distanz, um ein authentisches Bild der DDR zeichnen zu können?

In den ersten Jahren nach der Wende ging es medial vor allem um die politische Auseinandersetzung mit der DDR. Schwerpunkt war der "Unrechtsstaat". Diese Zeit ist vorbei.

Wie hilft die Distanz bei der Darstellung der DDR-Geschichte?

Hilfreich ist natürlich vor allem, dass die Historiker inzwischen viele Facetten der DDR aufgearbeitet haben. Diese Analysen sind die Basis, sich der Geschichte zu nähern.

Wie haben Sie sich dem Stoff genähert? Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

Am besten ein Beispiel: In meinem Film geht es um die Wirtschafts- und Sozialpolitik in den siebziger Jahren. Die neue DDR der Siebziger beginnt mit dem 8. Parteitag der SED, mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörte damals die Enteignung der verbliebenen Privatunternehmen. Die Recherchefrage war also: "Wo finde ich jemanden, der damals enteignet wurde?"

Als Thüringerin fielen mir die verstaatlichten Spielzeugfirmen in Sonneberg ein, weil das typische Betriebe waren und weil das optisch ansprechend zu werden versprach. Ich rief dann eine Sonneberger Spielzeugfirma nach der anderen an, bis ich einen Unternehmer gefunden hatte, auf den dieses Schicksal zutraf und der seine Geschichte auch erzählen wollte.

Dann habe ich nach Material gesucht. Im Sonneberger Spielzeugmuseum bekam ich den Kontakt zum Sonneberger Amateurfilmstudio und von dort neue Archivfilme. Das war ein Weg. In anderen Fällen wurden auch Anzeigen geschaltet.

Wie schätzen Sie die Zeitzeugen ein - wie erfolgt deren Rückblick?

Die Perspektive der Zeitzeugen entspricht dem, was sie erlebt haben. In manchen Fällen überwiegt Trauriges, in manchen Lustiges. Insgesamt fand ich meine Zeitzeugen vor allem realistisch. Es hat niemand versucht, die DDR ostalgisch schönzureden. In meinem Film gibt es aber auch keine hasserfüllte Abrechnung. Auffallend fand ich, dass es vielen schwer fiel, wirklich in der Ich-Form zu erzählen. Es wurde sehr oft gesagt: "Das hat man eben so gesehen, so gemacht."

Die Fernsehdokumentation arbeitet mit historischem Filmmaterial, Zeitzeugenaussagen im Rückblick und fiktionalen Szenen - wie erfolgt die Einbindung in die Dramaturgie, wie erfahren die einzelnen Elemente eine Objektivierung?

Auf jede Geschichte folgt eine Art Mini-Dokumentation, die die Ereignisse einbindet. Der Kommentartext benennt Fakten und ordnet sie ein. Darüber hinaus gibt es in jedem Film einen einordnenden Zeitzeugen. Das ist jemand, der die Geschehnisse aus einer verantwortlichen Position miterlebt hat.

In meinem Film ist es der damalige stellvertretende Minister für Preise - Professor Winfried Maier. Er hatte den schwierigsten Part, denn er musste das ganze Jahrzehnt erinnern und einordnen. Aber er hat das wunderbar hinbekommen und ich bin sehr froh, dass er sich dieser Aufgabe gestellt hat.

Welche Rolle spielt die (Film-)Musik?

Die ganze Reihe "Damals in der DDR" soll den Zuschauer emotional mitnehmen. Das ist praktisch undenkbar ohne Musik. Deshalb war ich etwas besorgt, denn die Musikproduktion lief recht spät an. Aber ich finde, dass Carl Carlton sehr inspiriert war. Es hat viel Spaß gemacht, seine Vorschläge aufzugreifen.

Welches Schicksal, welche Geschichte, welche Szene hat sie besonders beeindruckt?

Jeder Zeitzeuge berührt mich. Das sind allesamt keine Profis gewesen und sie haben es alle geschafft, ihre Erinnerungen vor der Kamera richtig gut rüberzubringen.

In meinem Film gab es ein kleines Problem. Ich habe nach einer Trabi-Geschichte gesucht. Sie sollte vom Mangel an Ersatzteilen erzählen. Ich suchte also nach jemanden, der eine Reparaturwerkstätte betrieben hat. Nun könnte man meinen, dass man davon wirklich viele finden müsste. Aber das war die schwierigste Sache. Der erste Kandidat wurde krank, wollte dann plötzlich nicht mehr. Als ich endlich ein Interview bekam, war das leider recht langweilig und nicht überzeugend.

Der nächste Kandidat sagte zu und dann plötzlich wieder ab. Kurzum: Ich habe schon am Film geschnitten und hatte keine gute Trabi-Geschichte. Kurz vor Fertigstellung des Films fand sich jemand. Ich hatte eigentlich keine Lust mehr, es noch einmal zu versuchen. Als wir das Interview dann doch noch geführt haben, waren die Geschichten so viel drastischer und komischer, als ich gedacht hatte. Dazu hatte der Zeitzeuge wirklich Charme und Humor. Das war einfach ein nettes Geschenk.

Insgesamt war es ein aufwendiges, schwieriges Projekt. Aber ich bin überzeugt, dass das Ergebnis viele interessieren wird und dass wir eine gute Mischung aus "Geschichtenerzählen" und Dokumentation hinbekommen haben.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 11:53 Uhr