Autobiografie 12. Das Thälmann-Wehner-Kapitel

von Thomas Nitschke

Während meines ersten Besuches im Westen, ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer, fragte mich mein in Bonn wohnender, zwanzig Jahre älterer Westverwandter: "Habt ihr in Dresden eigentlich eine Herbert-Wehner-Straße? - Nein. So wie ich weiß, gibt es eine Straße mit diesem Namen bei uns nicht", entgegnete ich. "Warum sollten wir diese denn haben? - Was, du kennst Wehner nicht? - Wehner... noch nie gehört." Verlegen schüttelte ich den Kopf.

"Und du willst Geschichte studieren?" Enttäuscht stellte mein Verwandter, der ein überzeugter Sozialdemokrat war und mit seinem Vollbart Wolfgang Thierse ähnelte, sein angetrunkenes Bierglas auf dem Kneipentisch ab. Er lehnte sich zurück und schaute mich an, so als wollte er sagen: VWas rede ich eigentlich mit dir, du verstehst ja doch nicht, was ich meine."

Unser Gespräch, welches bisher recht gestenreich und spannend verlaufen war, trat in eine beklemmende Schweigepause. Wahrscheinlich wollte mich mein Verwandter auf Grund meines Nichtwissens nicht noch weiter blamieren und ich wagte nicht, nachzufragen oder andere Themen anzusprechen. Ich kannte damals Herbert Wehner wirklich nicht. Ich wusste nicht, dass er wie ich aus Dresden kam, ich wusste nicht, dass er, nachdem die Nationalsozialisten Ernst Thälmann verhaftet hatten, in den folgenden Jahren das Überleben der Kommunistischen Partei in Deutschland sicherte.

Ich wusste nicht, dass er nach dem Krieg in der Sozialdemokratie der jeweils zweite mächtige Mann hinter Willy Brand und später hinter Helmut Schmidt gewesen war und ich wusste nicht, dass er bis ins hohe Alter legendäre Reden im Bundestag gehalten hatte. Es war mir umso peinlicher, da ich Geschichte studieren wollte und in diesem Fach ein Jahr zuvor in der Abiturprüfung an der Abendschule eine eins erhalten hatte. All das wusste auch mein Verwandter und nun kannte ich nicht einmal Herbert Wehner.

"Ich dachte bisher, dass Thälmann der entscheidende Mann für die KPD gewesen war", sagte ich und beschloss, das Gespräch doch fortzusetzen. "Sicher war Thälmann das. Doch eben nur bis zu seiner Verhaftung. Danach war Wehner der wichtigste Mann für die KPD. - Das habe ich nicht gewusst. Uns wurde gelehrt, dass Thälmann, den wir Teddy nannten, selbst im Gefängnis die Fäden der Partei in der Hand hielt und diese von dort auch leitete. - Da bist du wirklich naiv gewesen. Wie soll denn das gehen vom Gefängnis aus?"

Ich zuckte mit den Schultern, da mir keine Antwort auf diese Frage einfiel. Vielleicht, so überlegte ich, sollte ich doch noch einmal mein Geschichtsstudium überdenken. Wie sollte ich denn das Studium schaffen, wenn ich nicht einmal Herbert Wehner kannte? Dennoch: Trotz der Unwissenheit war ich mir eigentlich keiner Schuld bewusst. Meine Geschichtsausbildung in der Schule war, wenn ich es genau betrachtete, sehr einseitig gewesen. Ich hatte spätestens ab der neunten Klasse alle wichtigen und unwichtigen Parteitage und Parteitagsbeschlüsse der SED auswendig lernen müssen und selbst die meisten Fragen während der Abiturprüfung bezogen sich darauf.

Meine Geschichtslehrer, die ihre Anweisungen von der Parteileitung und den Lehrplan vom Zentralkomitee der SED erhielten, hatten lediglich die Rassenkampfideologie der Nazis mit der Klassenkampfideologie der Kommunisten eingetauscht. Alles, was nicht in dieses Schema passte, wurde uns nicht gelehrt oder wenn, dann verfälscht vermittelt. Für mich waren Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Ernst Thälmann die größten Kommunisten. Sie wurden von den Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrern zu Helden ohne Fehler und menschliche Makel stilisiert.

Sie sollten unsere Vorbilder sein, denen wir ein Leben lang nacheifern sollten und so kam es, dass ich auch ein überzeugter Thälmann-Pionier war. Dass in Wahrheit selbst Thälmann nicht frei von Fehlern und charakterlichen Schwächen war, wurde mir erst viele Jahre nach meinem Schulabschluss bewusst. Im uns gelehrten Geschichtsbild gab es nur schwarz oder weiß, es gab nur Freunde oder Feinde. Wer nicht für uns war, war gegen uns und somit auf der falschen Seite.

Thälmann war ein Kommunist und er kämpfte somit auf der richtigen Seite gegen die Faschisten und gegen den Hunger auf der Welt. "Thälmann hatte bestimmt nie Angst", dachte ich als Thälmannpionier. Ich bewunderte ihn wirklich, denn er ging für seine Überzeugungen ins Gefängnis und kurz vor dem Kriegsende sogar in den Tod. In unserem Geschichtslehrbuch gab es ein Foto, auf welchem Thälmann als Häftling über den Gefängnishof lief und dort, trotz Bewachung, fest entschlossen die Faust zum Kampf gegen die Nazis ballte.

Wie sollte ich angesichts dieses Fotos an seiner moralischen Integrität zweifeln? Wie sollte ich daran zweifeln, dass er sogar im Gefängnis die Partei zum Sieg führen konnte. Auf die Idee, die uns gelehrte Geschichte über Thälmann kritisch zu hinterfragen, war ich bis zu dem Gespräch mit meinem Westverwandten nicht gekommen. Meine Geschichtslehrer hatte mir die Welt nur einseitig erklärt und sie hatten mich zumindest in diesem Fach belogen.

Vielleicht waren sie schuldlos daran? Vielleicht waren sie sich ihrer Lüge nicht bewusst? Vielleicht konnten sie mir das Fach wirklich nicht besser lehren? Alle Vermutungen erschienen mir möglich, aber eigentlich waren mir die Antworten auf diese Fragen an diesem Abend egal.

Ich saß mit meinem Westverwandten in einer gemütlichen Bonner Altstadtkneipe. Wir tranken Kölscher Bier und schwiegen seit geraumer Zeit. Endlich durchbrach mein Verwandter das sinnlos gewordene Schweigen. Er wechselte, um mich zu schonen, das Thema und fragte mich nach meinen Urlaubsplänen. Ich erzählte ihm von meinen geplanten Kibbuzreisen nach Israel und den anderen künftigen Reisen in die Welt.

Er erzählte mir von seinen Reisen nach Frankreich, Italien und Australien. Seine Augen glänzten und er strahlte dabei. Ich hörte ihm glücklich zu, denn ich wusste, dass diese Reisen nun auch für mich möglich wurden.

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2004, 17:27 Uhr