Autobiografie 13. Die neue Freiheit

Ich habe die DDR nicht verstanden. Warum verbot uns der Staat, sich die Welt anzusehen? Warum durften wir nicht raus? Mit welchem Recht sperrte man uns ein? Auf diese Fragen fand auch unser Staatsbürgerkundelehrer in der Abendschule keine Antwort, so dass Mexiko, Israel, Indien und China die unerreichbaren Ziele meiner Reiseträume blieben. Es war die Geschichte, die Kultur und die Religion dieser Länder, die mich zu ihnen zog.

Während ich in den Jahren in der DDR mehrmals mit dem Faltboot durch Mecklenburg fuhr oder über slowakische und bulgarische Gebirgszüge wanderte, waren diese Länder für mich unerreichbar und zu weit entfernt. Irgendwann gewöhnte ich mich daran, dass ich diese Länder nicht sehen durfte. Ich war, je älter ich wurde, ein gelernter DDR Bürger geworden. Irgendwann hatte ich begriffen, dass diese Reisewünsche nur Träume bleiben würden. Ich konnte an dieser Tatsache nichts ändern.

Mit Grauen malte ich mir meine Zukunft aus. Ich sah mich als herzkranken, nach Luft schnappenden alten Mann mit einem Krückstock in der Hand durch die Straßen von Dehli zwängen. Ich sah, wie ich mich verzweifelt mit letzten Kräften an der Brüstung der Chinesischen Mauer festhielt, froh, nicht durch den Wind in die unendlichen Weiten der mongolischen Steppe geweht zu werden. Ich sah mich als Rentner an der Klagemauer in Jerusalem stehen, wo ich meinen Zettel mit den drei größten Wünschen in die Ritzen schob. Dabei brauchte ich dann die Wünsche nicht mehr, denn ich hatte als Rentner mein Leben bereits gelebt.

Durch die Wende wollte es die Geschichte plötzlich anders. Plötzlich schienen alle Träume möglich zu sein. Ich war noch kein Rentner und durfte trotzdem die Welt besuchen. Das Schicksal hatte mir mehr als vierzig Jahre geschenkt. Ich war jung. Ich war gesund. Die Welt lag mir endlich zu Füßen. Im Sommer 1991 packte ich meine Kraxe und bestieg mit meinen bescheidenen Englischkenntnissen, von denen ich in den Jahren zuvor immer geglaubt hatte, dass ich sie in meinem Leben nie anwenden müsste, und mit der Bibel im Gepäck in Frankfurt/Main ein Flugzeug in Richtung Tel-Aviv...