Kurzbiografie & Interview Burkhard Kunst - Regisseur Teil 5

Burkhard Kunst ist in Frankfurt/Oder und Berlin aufgewachsen. In Leipzig und Leeds studierte er Journalistik und Religionsgeschichte. Seit 1992 ist er freiberuflich als Autor und Redakteur für TV und Radio tätig. Reportagereisen führten ihn unter anderem nach Äthiopien, Eritrea und Tadschikistan. 1998 bis 2003 war er Reporter und Planungsredakteur in der MDR-Nachrichtenabteilung. Darüber hinaus arbeitete er an mehreren ARD-Projekten. Seit Oktober 2003 ist er Redakteur in der Redaktion Zeitgeschehen.

MDR.DE: Was will die Fernsehdokumentation „Damals in der DDR“ vermitteln? Weshalb sind vier Dokumentationsfolgen vorgesehen?

"Damals in der DDR" ist ein Projekt, das die DDR-Geschichte umfassend darstellen will. So etwas hat es seit vielen Jahren nicht gegeben. Es geht um gut vier Jahrzehnte deutscher Nachkriegsgeschichte. Aus einer Besatzungszone entwickelt sich unter historisch konkreten Bedingungen ein Staat, dessen Bürger just im 40. Jahr des Bestehens diesen friedlich "abwickeln".

Die Fernsehdokumentationen erzählen diese DDR-Geschichte. Allen daran Beteiligten ging es darum, dass der Alltag der Menschen im Mittelpunkt steht. Also was haben Menschen in der DDR in konkreten Lebenssituationen erfahren? Was haben sie empfunden? Was haben sie gehofft und wovon geträumt? Ich finde es sehr spannend zu erleben, wie sich in den Geschichten einzelner Menschen die DDR-Geschichte widerspiegelt. Denn was ihnen widerfährt und was sie mit ihren Familien erleben, hat ja immer auch mit den Auswirkungen von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu tun.

Die Fernsehdokumentation will darüber hinaus die Zeit von damals lebendig werden lassen. So dass ich als Zuschauer auch den Zeitgeist der jeweiligen Dekaden erfahren kann. Vier Dokumentationen für das Fernsehen gibt es jetzt als erstes im Programm der ARD. Es folgen dann im MDR zehn Fernsehdokumentationen. Das ist ein gewaltiger Umfang in einer Zeit, in der das Geld ja überall knapper wird. Ich finde, dass es gelungen ist, so viele Programmverantwortliche von diesem Projekt zu überzeugen, das ist ein sehr großer Erfolg.

Bedeuten vier Autoren auch vier unterschiedliche Ansätze, sind Unterschiede beabsichtigt? Welches sind die verbindenden Elemente?

Jeder Autor hat seinen Kopf. Das ist klar. Dennoch sind es nicht vier unterschiedliche Dokumentationen, sondern es ist eine Staffel geworden. Kein Autor arbeitete im luftleeren Raum. Es gab einen Produzenten. Es gab eine verantwortliche MDR-Redaktion und neben den Autoren gab es den Serienregisseur, Karsten Laske. Er war von Anfang an dafür verantwortlich, vieles wie aus einem Guss werden zu lassen. Zum Beispiel gab es eine Verabredung, wie die Protagonisten bei den Interviews ins Bild gesetzt werden sollten. Das ist ein solches verbindendes Element aller Dokumentationen.

Das stärkste Verbindende ist wohl die fiktionale Ebene. Hier war die Zusammenarbeit aller am stärksten. Aufgrund der Erzählungen eines Protagonisten haben wir, Produzent, Redakteur, Serienregisseur und Autor, kurze fiktive Szenen erarbeitet. Diese Szenen sind die Erinnerungen des Interviewten. Also bei "Partei ohne Volk" erzählt eine Frau, wie sie nachts mit ihrem Mann im Auto saß und von Erfurt nach Saalfeld fuhr. Immer wieder das gleiche Auto vor ihnen und das gleiche hinter ihnen. Irgendwann beschloss der Mann, rechts in einen Waldweg zu fahren, um Gewissheit zu erlangen, ob sie beobachtet werden. Licht aus. Motor aus. Im Wald standen sie dann mehrere Minuten mit pochendem Herzen und Angst.

Dieses real Erlebte hat Karsten Laske fiktiv in einer sehr schönen kleinen Filmgeschichte nacherzählt. Letztlich sind das 40 Sekunden innerhalb der Dokumentation, in denen sehr viel Kraft steckt und die jetzt dem Zuschauer sehr viel Sehvergnügen bereiten. Über diese Szenen haben wir viel diskutiert, schon weil sie mit sehr viel Aufwand produziert werden mussten. Die Diskussionen waren teilweise sehr anstrengend. Aber unter dem Strich haben sie sich sehr gelohnt.

Hat sich das Konzept während des Drehprozesses verändert?

Das inhaltliche Konzept hat sich nicht verändert. Nur ein Konzept ist natürlich erst einmal nur Papier. Beim Drehprozess hat sich sehr schnell gezeigt, was funktioniert und was nicht. Fernsehen hat halt eigene Gesetze. Es ist leider manchmal so, dass die tollsten Erzähler angesichts einer Fernsehkamera schüchtern werden oder dass die optische Präsenz eines Interviewten nicht so stark wie vorher erwartet ist. In solchen Fällen haben wir uns zusammengesetzt und auch einiges verworfen. So etwas ist erst einmal für mich als Autoren ärgerlich, weil dann die Arbeit an einem Punkt noch einmal anfängt. Aber andererseits soll ja niemand vorgeführt werden.

Entdeckungen, die ich als Autor gar nicht planen kann. Plötzlich erzählt dir jemand eine Geschichte, die so unerwartet und gut ist, dass sie es wert ist, das ganze Drehbuch an dieser Stelle in den Papierkorb zu schmeißen.

Der Anlass der Dokumentation ist der 15. Jahrestag des Mauerfalls – braucht es 15 Jahre Distanz, um ein authentisches Bild der DDR zeichnen zu können?

Was ist ein authentisches Bild der DDR? Letztlich hat jeder, der in der DDR lebte, seine DDR im Kopf. Das, was ihm passiert ist, hat ihn geprägt. Das ist ja das Spannende an diesen Dokumentationen. Das DDR-Bild entsteht aus der Erinnerung vieler unterschiedlicher Menschen. Wichtig ist dabei natürlich, dass diese einzelnen Erinnerungen in einen Zusammenhang historischer Ereignisse gebracht werden müssen, denn sonst bleiben sie nur in Raum und Zeit verlorene Anekdoten.

Nach 15 Jahren ist es gewiss einfacher, unbeschwert an das Thema DDR zu gehen. Ich fand es besonders wichtig, vor allem Neugierde zu empfinden und Dinge, die jeder als selbstverständlich in seiner Erinnerung abgehakt hat, zu hinterfragen, warum das so war. Nach 15 Jahren macht das ungemein viel Spaß.

Wie hilft die Distanz bei der Darstellung der DDR-Geschichte?

Distanz ist dann wichtig, wenn es darum geht Ereignisse nüchtern in geschichtliche Zusammenhänge zu stellen.

Wie haben Sie sich dem Stoff genähert? Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

Lesen, Lesen, nochmals Lesen. Frei nach Lenin. So habe ich mich dem Stoff genähert. Es gibt ja gerade viele aus der DDR, die ihre Erinnerungen in den letzten zehn Jahren veröffentlicht haben. Das sind übrigens nicht nur ehemalige Funktionäre sondern auch zunehmend viele andere. Zudem hat die Geschichtswissenschaft in den letzten zehn Jahren vieles an Fakten und neuen Erkenntnissen veröffentlicht.

Ich habe unzählige Stunden bei Gesprächen verbracht. Mit Fachleuten, um Zusammenhänge zu verstehen und dann mit den Menschen, die ich für die Dokumentation interviewen wollte. Denn die Protagonisten fallen einem ja nicht so ohne weiteres in den Schoß.

Von einem kommt man zum anderen bis man den richtigen gefunden hat. Dann folgen viele Telefonate. Dann persönliche Gespräche. Es muss ja bei einem solchen Unterfangen viel Vertrauen zwischen Interviewten und Interviewer wachsen. Das klingt ein wenig sehr nach Zufallsprinzip. Es ist es aber nur zu einem Teil.

Denn bevor ich überhaupt den Telefonhörer nehme, muss die Frage beantwortet sein, wen oder was suche ich eigentlich. Das ist die entscheidende Vorüberlegung. Auch wenn man es nicht denkt, hinter manchem Protagonisten in der Doku stecken drei, vier Wochen harte Recherchearbeit.

Welche neuen Bildquellen haben sie erschlossen?

Vieles stammt von Privatleuten. So bin ich besonders froh über Aufnahmen aus der Innenstadt Halles Ende der 80er Jahre. Ein Privatmann hat sie mit einer aus dem Westen stammenden Videokamera gemacht. Einfach so. Entstanden ist ein bemerkenswertes Zeitdokument, das zeigt, wie die DDR-Innenstädte immer mehr verfallen.

Jeder, der heute diese Aufnahmen sieht, der kann dann doch sehr gut erkennen, wie viel sich in den letzten 15 Jahren in den Innenstädten verändert hat. Auch wie rasant der städtebauliche Verfall am Ende der DDR war.

Ein zweiter toller Fund war ein Film, der "Kollektiverziehung" heißt. Ein Schulungsfilm für Lehrer, den die Rechercheurin von Looksfilm gefunden hat. Dahinter steckt immer viel Arbeit. Bevor man so etwas findet, hat man 20 bis 30 Nieten gehabt.

Wie haben Sie die Protagonisten/Zeitzeugen erlebt?

Ich fand alle Interviews ungeheuer spannend. Ich habe viele äußerst angenehme Überraschungen erlebt. Alle Protagonisten waren sehr offen und hatten große Lust, bei dem Projekt mitzumachen. Ich habe es weder erlebt, dass die Vergangenheit verklärt noch dass sie in Bausch und Bogen verdammt wird.

Eher ging es in den Interviews sehr darum zu erklären, was passiert ist und warum. Das fand ich eigentlich schon in den vielen Telefonaten während der Recherche sehr erstaunlich, wie viele Menschen, die in der DDR gelebt haben, Lust hatten von ihrem Leben zu erzählen. Ihnen ging es einfach darum zu erklären, wie das damals so war.

Die Fernsehdokumentation arbeitet mit historischem Filmmaterial, Zeitzeugenaussagen im Rückblick und fiktionalen Szenen - wie erfolgt die Einbindung in die Dramaturgie, wie erfahren die einzelnen Elemente eine Objektivierung?

Jedes Element hat eine wichtige Funktion. Es gibt Interviews mit Protagonisten, bei denen es um ein konkretes Ereignis oder eine Entwicklung in ihrem Leben geht. Es gibt Dokumente aus dem Leben der Protagonisten wie Fotos, private Filme, Urkunden und anderes. Das ist eine Ebene der filmischen Erzählung. Zu dieser Ebene gehören auch die schon oben erläuterten fiktionalen Szenen.

Diese Geschichten sind eingebettet in historische Passagen, in denen entsprechende Zeitzeugen mit ihrem Wissen als Experten zu Wort kommen. Protagonistengeschichten und historische Passagen sind wichtig, um verstehen zu können, worum es damals eigentlich ging und was das für Menschen in konkreten Situationen bedeutet hat. Was nutzt die beste tollste Geschichte eines Menschen, wenn ich als Zuschauer nicht weiß, wie ich sie in der damaligen Zeit einordnen und bewerten muss?

Ich finde es schon sehr wichtig, dass die Auswirkungen großer Politik in einem kleinen Mikrokosmos wie beispielsweise einer Familie widergespiegelt werden. Aus dieser Dramaturgie der Wechselwirkung von oben und unten erwächst nicht nur sehr viel innere Spannung sondern auch die nötige Objektivierung. Dazu kommt, dass die Geschichten natürlich auch einer filmischen Logik entsprechen. Wir sehen ja alles unter einem thematischen und chronologischen Blickwinkel. Diesen Fokus zu finden und dann auch beizubehalten, war schwere Arbeit.

Bei "Partei ohne Volk" ist ja schon im Titel der Fokus gut umrissen. Es geht um die Sozialistische Einheitspartei, die ein soziales System in der DDR verwirklich hat und die in den 80er Jahren als Partei eine Entwicklung erfährt. Diese Entwicklung widerspiegelt sich in den Erlebnissen von Akteuren wie dem ehemaligen politischen Mitarbeiter einer SED-Kreisleitung.

Welche Rolle spielt die (Film-)Musik?

Eine große. Musik ist ein wichtiges Element. Sie kann uns emotional bewegen und eine Geschichte verstärken. Allerdings so gut die Musik auch ist, eine schlechte Geschichte oder eine schlechte Passage innerhalb einer Dokumentation kann sie nicht rausreißen. Das merkt jeder sofort, wenn die Musik beispielsweise eine Spannung aufbaut, die im Bild nicht existiert.

Bei den Dreharbeiten: Welches Schicksal, welche Geschichte, welche Szene hat sie besonders berührt?

Ich hänge an allen Geschichten, so dass es mir schwer fällt, eine zu bevorzugen. Besonders berührt hat mich das Interview mit einem ehemaligen Offiziersschüler der Bereitschaftspolizei. In unserem Gespräch vor der Kamera ging es um die Auseinandersetzungen Anfang Oktober 1989 rund um den Dresdner Hauptbahnhof. Sehr offen und ehrlich erzählte der damals 19-Jährige, was er erlebt hat und wie er es empfunden hat. Er hat ja zu diesem Zeitpunkt, wenn man es denn heute so sehen will, auf der falschen Seite der Barrikade gestanden und seinen Kopf hingehalten.

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2005, 17:49 Uhr