Kurzbiografie & Interview Karsten Laske - Serienregisseur

Das Interview mit Karsten Laske wurde anlässlich der Erstaustrahlung der ersten vier Folgen von "Damals in der DDR" im Herbst 2004 geführt.

Karsten Laske, Jahrgang 1965, absolvierte ein Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspiel "Ernst Busch" in Berlin. Nach einem vierjährigen Engagement am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin war er ein Jahr lang als künstlerischer Mitarbeiter an der HFF "Konrad Wolf" im Fachbereich Regie tätig. Karsten Laske ist seit 1998 freischaffender Autor und Regisseur und lebt in Berlin. Seine letzte Kinoproduktion war "Hundsköpfe".

Was möchte die Fernsehdokumentation "Damals in der DDR" vermitteln?

Ein komplexes, lebendiges, farbiges Bild vom Leben in der DDR. Schicksale von Menschen in einer Diktatur. Nach der Wende wurden die Biografien der DDR-Bürger massenhaft entwertet. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, wurde ihnen vermittelt – bei vielen kam an: dein Leben und deine Arbeit waren sinnlos.

Wir versuchen, den Menschen ihre Biografie zurückzugeben. Der Wechsel aus subjektiv erzählten Geschichten, wie sie "damals in der DDR" geschahen, und historischen Einordnungen, die die subjektiven Ansichten objektivieren – dieser Wechsel scheint uns die ideale Herangehensweise zu sein, dem tatsächlichen Leben in der DDR jenseits von Schwarzweiß-Malerei und Ostalgie gerecht zu werden.

Natürlich haben wir Geschichten ausgewählt, die wir für spannend und in gewissem Sinn auch für repräsentativ halten. Es gibt neben Alltäglichem also durchaus auch das Besondere, Beispiele für Selbstbehauptung und Emanzipation stehen neben Stories über Repression und Angst.

Weshalb sind vier Dokumentationsfolgen vorgesehen?

Vier Jahrzehnte, vier thematische Schwerpunkte. Wir verfolgen den Weg einer Utopie – vom Beginn bis zum Scheitern. Wir stellen die Frage: was hielt die DDR eigentlich 40 Jahre am Laufen?

1. Teil - die 50er: Einfluss der Sieger/Befreier, also der Sowjetunion, auf das Leben in der SBZ/DDR.

2. Teil - die 60er: Mauerbau und Utopie. Die alte Menschheitshoffnung auf Brüderlichkeit und Gleichheit, der Glaube an eine lichtvolle kommunistische Zukunft – und der Bau der Mauer. Einen größeren Gegensatz kann man sich kaum denken. Ihn hatten die Menschen in der DDR auszuhalten.

3. Teil – die 70er: Die Wirtschaft in der DDR. Das merkwürdige System der Planwirtschaft (das nicht funktionieren konnte, so viel sich die Verantwortlichen auch mühen mochten) – und das Wurschteln und Wirtschaften der "kleinen Leute": Tauschwirtschaft, Hamsterkäufe etc.

4. Teil – die 80er: Die Rolle der SED. Die Partei hat das Sagen. Die demokratischen Strukturen sind nur Fassade, Wahlen spielen keine Rolle – außer zur propagandistischen Bestätigung der führenden Rolle der Partei. Das System muss scheitern. Als die Mauer fällt, bricht alles zusammen.

Der Anlass der Dokumentation ist der 15. Jahrestag des Mauerfalls - braucht es 15 Jahre Distanz, um ein authentisches Bild der DDR zeichnen zu können?

Sicherlich. Wissenschaftliche Kenntnisse über die DDR wurden gesammelt. Und einen mentalen Abstand brauchte es auch. Jetzt kann man das "abgeschlossene Sammelgebiet DDR" ohne zu viel Zorn und Eifer – was nicht heißt: ohne Emotion - als eine vergangene historische Epoche betrachten.

Die Fernsehdokumentation arbeitet mit historischem Filmmaterial, Zeitzeugenaussagen im Rückblick und fiktionalen Szenen - wie erfolgt die Einbindung in die Dramaturgie, wie erfahren die einzelnen Elemente eine Objektivierung?

Also zunächst einmal ging es natürlich immer darum, vier gute Filme zu machen, also spannend und emotional zu erzählen. Es sollen Kenntnisse über die DDR vermittelt werden, ohne belehrend zu sein oder trockenes Unterrichtsfernsehen zu liefern.
Da wir uns entschieden hatten, persönliche Geschichten zu erzählen und diese mit historischen Einordnungen zu verknüpfen, war das "storytelling" auch dramaturgisches Prinzip.

Wir beginnen unsere Filme stets mit einer relativ kurzen Geschichte, die originell und sogar komisch daherkommt (z.B. im 4. Teil: 1. Mai auf Hiddensee – die DDR-Fahne wird gebügelt, bevor man sie hisst), um den Zuschauer schnell ins Geschehen zu ziehen. Dann geben wir eine Orientierung, wo und in welchem Jahrzehnt wir uns befinden, leiten zur nächsten Story über und so fort.

Auch die Geschichten selbst haben ihre Dramaturgie. Wir folgen der äußeren Handlung, die uns unsere Protagonisten erzählen, in den fiktionalen Szenen schauen wir ihnen sogar "über die Schulter", folgen ihnen weit hinein ins Damals. Wir verlassen uns auf den subjektiven Blick, weil er uns als die spannendste Perspektive erscheint. Wir erheben uns nicht besserwisserisch über unsere Zeitzeugen, wir wissen mit ihnen zusammen noch nicht, wie das Abenteuer, das sie erleben, ausgehen wird.

Dem folgt natürlich dann (wie gesagt) eine historische Einordnung, denn natürlich ist der Blick, die Erinnerung, von der sie sprechen, gefärbt / getrübt / geschönt. Aber gerade das ist ja auch spannend: wie funktioniert Erinnerung? Wir haben festgestellt, sie funktioniert bei jedem anders. Manche trauten sich kaum einmal, ICH zu sagen. Das waren keine guten Zeitzeugen für uns, denn sie verleugnen ihre eigenen Erfahrungen, sie stehen nicht wirklich zu dem, was sie taten.

Andere kamen schon nach einem Satz eigenem Erleben immer wieder aufs Relativieren und Einordnen. Auch die waren für uns nicht so interessant, denn wir wollten von ihnen ja keine Historikermeinung, sondern die Unmittelbarkeit des Geschehens. Deshalb sind es am Ende die Geschichten von Leuten, die in die Filme Eingang fanden, die laut und deutlich ICH (und nicht "man") sagen, die zu ihrem Erleben und zu ihrem Tun stehen, auch wenn sie heute zu einigem ausdrücklich eine andere Meinung haben und evtl. bei ähnlicher Gelegenheit ganz anders reagieren würden.

Darüber hinaus gibt es aber pro Film noch jeweils einen Zeitzeugen aus der Ebene der politischen Verantwortungsträger, die uns Rede stehen, was dort damals gedacht und getan wurde. Bei ihnen sind es weniger die persönlichen Geschichten, die uns interessierten, sondern wir wollten einen Einblick gewinnen in das Denken der damals Verantwortlichen.

Welches Schicksal, welche Geschichte, welche Szene hat Sie besonders berührt?

Im Ganzen möchte ich sagen, dass ich sehr glücklich bin über die vielen sehr persönlichen Erlebnisse, die uns anvertraut wurden; und wir haben auch immer darauf geachtet, sehr verantwortungsvoll mit diesem Wissen umzugehen und keinen unserer Zeitzeugen bloßzustellen oder zu denunzieren. Das ist uns auch gelungen.

Besonders glücklich bin ich zum Beispiel darüber, Frau Kruse aus Elbingerode kennen gelernt zu haben. Ihre Geschichte von einer Sehnsucht, die stark genug ist, alle Grenzen zu überwinden, hat mich tief beeindruckt (sie erzählt im 2. Teil). Selbst ihr weiterer Lebensweg, den wir gar nicht erzählen konnten innerhalb unseres Films, spricht von so viel Kraft und Herzensgüte, dass es mir ein großes Geschenk war, diese Frau kennen zu lernen.

Bei den Dreharbeiten für die fiktionalen Szenen, die ich inszeniert habe, war es zum Beispiel berührend im ehemaligen Leipziger Natursteinwerk eine Szene zu drehen, die eigentlich in einer Sonneberger Plüschtierfirma spielt (3. Teil) – denn der ehemalige Besitzer des Natursteinwerks, der uns am Drehort betreute, war genau wie in unserer Geschichte 1972 enteignet worden und hatte ganz ähnliches erlebt. Es entstand eine merkwürdige doppelte Realität. Wir stellten eine Geschichte an einem Drehort nach, an dem eine solche Geschichte wirklich gespielt hatte.

Natürlich war es für mich auch großartig, im Uranbergbau unter Tage zu drehen, auf einen alten Werftkran zu steigen, auf Hiddensee zu drehen, nachts im Wald 70 Komparsen zu dirigieren...

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2005, 10:30 Uhr