Lexikon Brigade

Brigadeleben | Brigadefeiern | Brigadetagebuch

Brigadeleben war nicht nur Malochen, Ärger über fehlendes Material und nervtötende Plandiskussionen. Es hatte auch schöne Seiten. Regelmäßig sollten sich die Mitglieder der Arbeitskollektive treffen, um einen Teil ihrer Freizeit gemeinsam zu verbringen.

In der sozialistischen Gesellschaft hatte der Einzelne für den Staat nur als "arbeitender Mensch" eine Bedeutung. Im realsozialistischen Selbstverständnis war der Betrieb Zentrum des sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Arbeit war das wichtigste Kriterium, das "Herzstück sozialistischer Lebensweise". Durch die Erfüllung sozialer Aufgaben, wie Einrichtung von Kindergärten, Ferienheimen, Ferienlagern, und die organisatorische Zusammenfassung der Arbeitnehmer in Kollektiven und Brigaden erwuchs dem Betrieb eine Funktion als sozialer Raum, die weitaus wichtiger und größer war als in westlichen Ländern. Der Betrieb war Sozialisations- und Kontrollinstanz. Die SED bezeichnete die "Arbeitskollektive" schon früh als "Grundzellen der sozialistischen Gesellschaft".

Brigadebewegung und Brigadetagebuch

Die Brigadebewegung war eng verknüpft mit dem "Bitterfelder Weg", auf dem die Arbeiter, laut Ulbricht, die "Höhen der Kultur" erstürmen sollten. Einige Monate vor der ersten Bitterfelder Konferenz im April 1959 begannen Tausende von Kollektiven um den Titel "Brigade der sozialistischen Arbeit" zu wetteifern und übernahmen "Verpflichtungen zur Erreichung höherer ökonomischer Ergebnisse, zur Vertiefung ihres politischen und fachlichen Wissens und zur Entfaltung des geistig-kulturellen Lebens".

Den Aufruf zum Wettbewerb initiierte die Brigade "Nikolai Mamai" aus dem Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld. Arbeit und Freizeit sollten nicht länger getrennt sein. Die SED proklamierte, dass Egoismus und Konkurrenzstreben der einzelnen Brigademitglieder überwunden werden sollten zugunsten einer neuen Solidarität, die gleichzusetzen war mit der kollektiven Selbsterziehung der Brigademitglieder. Zur Umsetzung dieser Forderungen sollte in jeder Brigade ein "Brigadetagebuch" geführt werden - die "Urform" der Bitterfelder Literatur.

Hinter allem stand das zentralste wirtschaftliche Ziel der Partei: die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Doch die hohen Erwartungen an die Brigadetagebücher konnten nicht erfüllt werden, zudem fürchtete die Staatsführung ein zu weit gehendes Engagement der Arbeiter; die Tagebücher wurden auf ihren literarischen Aspekt beschränkt, zum Beispiel mit Wettbewerben zum "schönsten Brigadetagebuch".

Betrieb als Lebensraum

Trotz aller ideologischen Überhöhung - für den DDR-Bürger war der Betrieb in der Tat mehr als eine beliebige Arbeitsstelle. Immerhin verbrachte er hier jeden Tag rund 8 3/4 Stunden, oft mussten Überstunden geschoben werden, wenn nach einer Durststrecke endlich die erforderlichen Materialien für die Produktion eintrafen.

Im Volkseigenen Betrieb (VEB) und seinen kleinen Einheiten, den Kollektiven oder Brigaden, sollten die Werktätigen zu einer "sozialistischen Persönlichkeit" erzogen werden. In der betriebseigenen Kantine gab es Mittagessen für weniger als eine Mark, in größeren Betrieben gab es eine Poliklinik, die Kinder gingen in den betriebseigenen Kindergarten. Selbst das Privatleben beeinflusste der Betrieb, wenn es um die Suche nach einer Wohnung ging, einen Urlaubsplatz im Betriebsferienheim oder im FDGB-Ferienheim.

Brigade weit mehr als verordnete Zusammengehörigkeit

Für die Mitgliedschaft in einer Brigade war der privilegierte Zugang zu den betrieblichen Sozialleistungen ausschlaggebend, aber auch die Bedeutung der Brigade als Kommunikationsraum und Rahmen für kulturelles Leben. Neben Plandiskussion und der erzieherischen Funktion der Brigade wuchsen die Kollektive und Brigaden durch die oft jahrelange Betriebszugehörigkeit, durch Feiern, Kegelabende und Ausflüge zu einer Art Solidar- und Freizeitgemeinschaft zusammen.

Brigadefeiern zu staatlichen aber auch privaten Anlässen

Feiertage wie der 1. Mai, der Frauentag am 8. März oder der Republikgeburtstag am 7. Oktober spielten für die Betriebe und ihre Brigaden eine wichtige Rolle, diese Tage boten jedes Jahr Anlass für die Verleihung von Auszeichnungen und Prämien. Meist wurde schon mittags mit dem Feiern begonnen, die alltäglichen Probleme, deren gemeinsame Bewältigung das Kollektiv erst Kollektiv werden ließ, traten dann in den Hintergrund.

Richtig große Feiern gab es natürlich, wenn die Truppe als "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" geehrt wurde. Es wurde aber nicht nur die Auszeichnung zum "Aktivisten" gefeiert, auch jedes private Ereignis wie die Geburt eines Kindes oder die Hochzeit des Kollegen wurden ausgiebig gewürdigt.

Brigadetagebuch eines der wichtigsten Dokumente der Gewerkschaftsgruppe, insbesondere von Kollektiven, die um den Staatstitel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" ringen. Als Mittel der politisch-ideologischen und kulturellen Arbeit widerspiegelt das B. das Leben des Kollektivs und fördert die Entwicklung seiner Mitglieder zu sozialistischen Persönlichkeiten. MEYERS UNIVERSAL-LEXIKON, Band 1,
VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1980, S. 343

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2009, 13:21 Uhr