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Lexikon Schallplatten in der DDR

Amiga | Eterna | Litera | Nova | Schola

26. Mai 2010, 09:10 Uhr

Weltberühmte Klassikaufnahmen, die Stars der DDR-Unterhaltungsmusik und beliebte Märchen- und Kinderplatten - die Schallplattenproduktion der DDR brachte es zu Erfolgen im Inland und der Welt. Dabei hatte auch die Schallplatte mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, die die Mängel der Planwirtschaft und der Dirigismus von Partei und Staat ihr aufzwangen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lag auch die Schallplattenproduktion Deutschlands in Trümmern, Matrizen waren ausgelagert, die Produktionsstätten waren zerstört oder lagen in verschiedenen Besatzungszonen. 1946 erteilte die Sowjetische Militäradministration dem Sänger Ernst Busch eine Lizenz zur Herstellung von Schallplatten. Die "Lied der Zeit Schallplatten-Gesellschaft mbH" produzierte zunächst nur Lieder, 1953 wurde sie zum volkseigenen "VEB Deutsche Schallplatten" und blieb bis zum Ende der DDR einziger Hersteller von Schallplatten und Musikkassetten. Neben dem "VEB Deutsche Schallplatten" entstand 1954 auch ein "VEB Verlag Lied der Zeit".

Die "VEB Deutsche Schallplatten" produzierte unter den Labeln "Eterna", "Nova", "AMIGA" und "Litera". Einige Jahre lang erschienen unter dem Etikett "Schola" auch Platten für den Unterricht.

"Eterna" - hervorragende Einspielungen klassischer Musik

In der "Eterna"-Serie erschienen Aufnahmen klassischer europäischer Musik, Kirchenmusik, Opern und Operetten, aber auch Arbeiterlieder. Der Zweig der neuen E-Musik aus der DDR wurde später unter das Label "Nova" gefasst. Herausragend sind die "Eterna"-Aufnahmen mit den großen Orchestern der DDR und den Stars der klassischen Musik wie Kurt Masur, Peter Schreier, Theo Adam und Ludwig Güttler.

Durch Austausch-Programme entstanden auch Einspielungen mit internationalen Interpreten und Dirigenten. Herbert von Karajan war ebenso auf "Eterna" zu hören wie Colin Davis. Eine publizistische Großtat war die Veröffentlichung des kompositorischen Gesamtwerks von Ludwig van Beethoven auf 116 Langspielplatten im Jahr 1977. 1978 erschien eine Gesamtausgabe der gemeinsamen Werke von Bertolt Brecht und Hanns Eisler.

"Amiga" - von Chanson bis Rock und Pop

Den wohl größten Erfolg hatten die Aufnahmen mit Chansons, Liedermachern, Pop- und Rockmusik unter dem Label "Amiga". Die Platten mit literarischen Texten, Theateraufführungen und politischen Beiträgen der "Litera"-Serie fanden zwar eine wesentlich kleinere Fangemeinde, waren jedoch ebenso sorgfältig produziert wie die gesamte Herstellung der "VEB Deutsche Schallplatten". Unter dem Namen "Aurora" schließlich wurde eine Sonderausgabe der Lieder und Balladen herausgebracht, mit denen Ernst Busch die Schallplattenindustrie der DDR begonnen hatte.

CD-Produktion wegen hoher Produktionskosten nicht genehmigt

Aufnahmestudios gab es in Berlin, Leipzig und Dresden, Firmensitz war Berlin. Seit Mitte der 60er Jahre wurde in Stereo produziert, seit Mitte der 80er Jahre erfolgten die Aufnahmen auch digital. Die Produktionsstätten in Potsdam-Babelsberg (Schallplatten) und Berlin-Johannisthal (Musikkassetten) bemühten sich stets um den besten Stand der Technik, konnten aber auch mit ständig gesteigerten Auflagen (1980 wurden 20 Millionen Tonträger produziert) nie den enormen Bedarf befriedigen.

Der Ende der 80er Jahre versuchten Produktion von CDs wurde wegen der hohen Produktions- und Umstellungskosten von Seiten des Wirtschaftsministeriums die Genehmigung verweigert. Die wenigen produzierten CDs der 80er Jahre waren von der Prager Schallplattenfirma "Supraphon" hergestellt, zu der der "VEB Deutsche Schallplatten" enge Kontakte unterhielt, wie überhaupt zu den Studios der anderen sozialistischen Länder.

Liedermachern waren Studios meist nicht zugänglich

Waren einige Aufnahmen wie die der FDJ-"Singebewegung" nach anfänglichen Verkaufserfolgen weit über Bedarf produziert worden, blieben unabhängigen Liedermachern oft die Studios verschlossen. Hans-Eckardt Wenzel wartete bis 1986 auf seine erste Veröffentlichung auf einer Langspielplatte, Gerhard Gundermann bis 1988. In den 80er Jahren war die Nachfrage nach Platten mit Gruppen wie den "Folkländern" und Liedermachern wie Kurt Demmler, Rheinhold Andert und Gerhard Schöne wieder stark angestiegen. Schönes Platte "Kinderland" wurde über 200.000 Mal verkauft.


Trotz der Schwierigkeiten für regimekritische Liedermacher waren die Veröffentlichungschancen in der Schallplattenbranche der DDR verglichen mit denen in den benachbarten Medienbereichen von Rundfunk und Presse relativ gut, da der "VEB Deutsche Schallplatten" nicht der Abteilung Agitation und Propaganda des ZK der SED, sondern dem Ministerium für Kultur unterstand. So kam auch Stephan Krawczyk zu einer Veröffentlichung, die ihm die Ideologiewächter des ZK wohl nicht zugestanden hätten. Ebenfalls unter dem "Amiga"-Label erschienen die Kinderplatten des VEB. Der "Traumzauberbaum" mit Reinhard Lakomy etwa oder die Märchen der Brüder Grimm, die hervorragend produziert waren.

Schallplatten-Preise - subventioniert und stabil

Die Preise für die Platten des VEB waren bis zuletzt staatlich gestützt und veränderten sich kaum. 12 Mark kosteten die Platten der "Litera"-Reihe, nur 10 Mark die der "Nova". Für eine "Amiga"-Platte waren 16 Mark zu bezahlen. Dabei wurden die höheren Erlöse aus den Amiga-Verkäufen auf "Litera" und "Nova" umgeschlagen, um Klassik und Neue Musik zu unterstützen. Zusätzlich zum Produktpreis waren beim Kauf einer Schallplatte 10 Pfennige "Kulturabgabe" zu bezahlen, mit der das "sozialistische Kulturleben" gefördert werden sollte.

Auch ohne Werbung fanden Amiga-Platten reißenden Absatz

Werbung wurde kaum betrieben, die etwa 40-jährlichen Schallplattenproduktionen der "Amiga"-Serie (darunter meist fünf bis sechs Neuerscheinungen) sollten möglichst "bedarfsdeckend" für den kleinen DDR-Markt hergestellten werden. Und sie fanden ihre Kunden auch ohne Werbung. Besonders bei der Auslieferung von in Lizenzpressung hergestellten Platten westlicher Künstler (darunter LPs von Michael Jackson und Tracy Chapman) bildeten sich schlagartig lange Schlangen vor den Verkaufstellen von HO, Konsumgenossenschaft und Buchhandel.

Schallplattenunterhalter Der Feldzug gegen englische und amerikanische Begriffe in der Alltagssprache führte mitunter zu den absonderlichsten Bezeichnungen.

So wurde aus dem international üblichen Diskjockey in der DDR-Funktionärssprache ein "Schallplattenunterhalter", abgekürzt SPU. Nicht jeder konnte als SPU Musik auflegen, man brauchte eine offizielle Genehmigung dafür.