Der stellvertretende Kultusminister der DDR während der 38. Internationalen Frankfurter Buchmesse am 1. Oktober 1986.
Bildrechte: dpa

Leseland DDR

Der stellvertretende Kultusminister der DDR während der 38. Internationalen Frankfurter Buchmesse am 1. Oktober 1986.
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"Der geteilte Himmel" von Christa Wolf, "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann, "Fremder Freund" von Christoph Hein oder der "Wundertäter" von Erwin Strittmatter sind nur vier Beispiele für Literatur, die verschlungen wurde und in Massenauflagen erschien. In diesen Büchern fanden die Leser ein Stück ungeschöntes DDR-Leben wieder. Das war selten und sonst vielleicht nur noch im Kabarett oder in der satirischen Zeitschrift "Eulenspiegel" zu finden.

Schreiben und Lesen zwischen den Zeilen

Leser und Autoren gingen stillschweigend einen Pakt ein. Die einen schrieben und die anderen lasen zwischen den Zeilen. Das verband und fand seinen öffentlichen Ausdruck bei manchen Schriftstellerbasaren und Lesungen. Trotz dieser öffentlichen Anerkennung hatten es Schriftsteller nicht leicht. Es war schwierig, den schmalen Grat zu finden zwischen dem Mut, die Wahrheit zu schreiben, und der (Ohn)Macht, nicht alles schreiben zu dürfen. Wer zu mutig war, wurde nicht gedruckt.

Ich habe gehört, dein neues Buch ist schon vergriffen. Ist es so gut? - Nein, die Partei hat es kritisiert.

Anekdote unter Schriftstellern

Lesen als preiswertes Fenster zur weiten Welt

Bücher wurden viel gelesen. Die DDR sah sich deshalb gern als Leseland. 1989 etwa wurden über 6.000 Titel veröffentlicht (Gesamtauflage 136.869.000 Exemplare). Kontakt zu ausgewählter Literatur anderer Kulturen war die einzige Möglichkeit, der sozialistischen Realität wenigstens in der Phantasie zu entrinnen. Und in Büchern eigener Autoren fand sich mitunter Kritik an der Gegenwart.

Kostenlose Ausleihe in zahlreichen Bibliotheken

Viele Titel hatten nur eine geringe Auflage, und Bücher waren billig. Mit Leselust gepaart, waren dies Gründe, weshalb manche Bücher schnell vergriffen waren. Wer Glück hatte, fand den ersehnten Titel in einer der 11.692 staatlichen oder 5.792 gewerkschaftlichen Bibliotheken. 1970 wurden in ihnen über vier Millionen Leser und etwa 60 Millionen Entleihen gezählt.

Die Ausleihe eines der rund 30 Millionen Bücher war denkbar einfach. Paragraph 1 der 1956 beschlossenen Bibliotheksordnung bestimmte: "Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, der das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist berechtigt, die allgemeinen öffentlichen Bibliotheken zu benutzen." Bücher zu entleihen, war kostenlos. Wo das dichte Netz der Bibliotheken zu weite Maschen hatte, dorthin kamen in regelmäßigen Abständen Bibliotheksbusse.

Die Kleinsten waren häufig die treuesten Leseratten. In größeren Städten gab es spezielle Kinderbibliotheken. Die Favoriten der Kinder hießen "Blauvogel", "Lütt Matten", "Pony Pedro", "Tinko" oder "Käuzchenkuhle".

Verbote und Giftschränke

In den Regalen der Bibliotheken standen fast ausschließlich Bücher aus den Verlagen der DDR. Hinzu kamen vielleicht eine Ausgabe von Brehms Tierleben oder andere völlig unbenkliche Publikationen aus der Zeit vor 1945. So bliebem dem Leser ganze Bereich der modernen Literatur verschlossen. Gänzlich verboten waren kritische Bücher über den Sozialismus oder osteuropäische und sowjetische Dissidenten. Der Besitz eines Buchs von Alexander Solschenyzin konnte zu großem Ärger führen, der im Falle einer Weitergabe solchen "staatsfeindlichen Schrifttums" auch Gefängnisstrafen einschloss.

In größeren wissenschaftlichen Bibliotheken kam man nicht umhin, auch "bürgerliche" Literatur aufzubewahren bzw. neu anzuschaffen. Für ihre Benutzung galt ein kompliziertes und willkürliches System von Einschränkungen. Die toxischen Grade waren in der Regel auf der Katalogkarte und auf dem Buchrücken vermerkt. Für die niederen Giftgrade reichte ein Zertifikat (ironisch: Giftschein) eines Dienstvorgesetzten oder an der Universität des Professors. Für ideologischen Sprengstoff höheren Grades wie Solschenyzins Werke gab es eigene Lesesäle. Die inkriminierten Schriften durften nur dort unter Aufsicht gelesen werden. Selbstverständlich durften keine Kopien angefertigt werden. Dies betraf auch Zeitschriften und Zeitungen. Der "Spiegel" war seit der Publikation des angeblichen Manifests eines "Bundes Demokratischer Kommunisten" zur Jahreswende 1977/78 nicht einmal mehr im Giftlesesaal erhältlich.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2010, 11:36 Uhr