Lexikon Literatur der DDR II

Ankunftsliteratur | Aufbauliteratur | Bitterfelder Konferenzen | Brigadetagebuch | Literaturgeschichte | Schulliteratur | Schriftsteller | Zensur

Christa Wolf, 1963
Christa Wolf, 1963 Bildrechte: dpa

Nach dem Auftrittsverbot von Wolf Biermann und der Kritik auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 versuchte die Partei, die Literaturszene zu "disziplinieren". Dennoch folgten die meisten Autoren auch in der Folge ihrem eigenen Weg. Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T." und Günther de Bruyns "Buridans Esel" (beide 1968), die stellvertretend für ihre Zeit stehen können, beschreiben die zähe Suche nach dem eigenen Weg.

Wolf und de Bruyn: Zeitkritik wächst aus den Geschichten der Figuren

Ihre Figuren ringen um die Balance in einer das Individuum verunsichernden, es zu Boden drückenden Gegenwart. Dabei nimmt die beschreibende Kritik an den Umständen der Zeit nie den Charakter des lärmenden Widerspruchs an. Was die Erzählungen an Zeitkritik offenbaren, wächst aus den Geschichten der Figuren und ist ihnen nicht von außen eingegeben. Die Romane dieser Autoren sind daher nicht der Zeit verschuldete Publizistik, sie behalten über den Zeitpunkt ihrer Entstehung hinaus einen allgemeinen literarischen Wert. Die Wiedergabe der Spannung erreicht hier keine Auflösung.

Kants "Die Aula" avanciert zur Schullektüre

Gleiches gilt im Prinzip auch für den 1965 erschienenen Roman "Die Aula" von Hermann Kant, dem DDR-Roman schlechthin, der in immensen Auflagen verbreitet wurde und zur Schullektüre avancierte (wie sein Autor zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes der DDR und zum Mitglied des ZK der SED). Kants Figurenkollektiv - eine Lerngruppe an der frisch gegründeten Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald - kämpft sich, nicht ohne Verluste zu erleiden, durch das Frühstadium des sozialistischen Aufbaus. Der Roman ist kunstvoll komponiert, die Erzählung brillant. Die differenziert wirkende Darstellung ist auf das genaueste berechnet.

Bobrowski und Becker mit eindringlichen Werken über die Nazi-Zeit

Wie außen vor dem sich zuspitzenden Konflikt standen zwei Autoren, die zwar Themen der Vergangenheit aufgriffen, wegen ihrer künstlerisch gekonnten Werke jedoch an der Spitze der in der DDR wirkenden Autoren der Zeit standen: Johannes Bobrowski mit schlichter, doch fein gearbeiteter Lyrik und Prosa besonders über die Deutschen und den europäischen Osten ("Levins Mühle", 1964) und Jurek Becker, dessen 1968 erschienener Roman "Jakob der Lügner" zu den eindringlichsten deutschen Romanen über die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zählt.

Förderung und Ausbildung des literarischen Nachwuchses

Der Ausgrenzung von unliebsamen Schriftstellern stand seit Beginn der DDR ein engmaschiges Netz von Fördermaßnahmen gegenüber. Das nach dem sowjetischen Vorbild des Gorki-Instituts in Moskau organisierte "Institut für Literatur J.R. Becher" in Leipzig bot jungen Talenten die Möglichkeit, sich in einer zweijährigen Ausbildung von anerkannten Autoren unterrichten zu lassen. Zu den Unterrichtsfächern gehörten neben Erzähl- und Schreibtechnik auch Literaturtheorie und -geschichte sowie Marxismus-Leninismus. Mancher heute anerkannte Autor ist durch das Leipziger Institut gegangen, so Ralf Giordano, Erich Loest, Kurt Bartsch und Sarah Kirsch.

"Bitterfelder Weg": Arbeiter und Bauern an der Seite der Künstler

Auf den sogenannten Bitterfelder Konferenzen von 1959 und 1964 wurde der Versuch gemacht, Literatur und Produktion einander näher zu bringen - Ulbrichts Forderung vom V. Parteitag der SED 1958 war Programm: "... in Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen." Kunst, also auch Literatur, Arbeitsprozess und öffentliches Leben sollten sich verbinden.

Nach den Bitterfelder Konferenzen, auf denen sich Berufsschriftsteller und schreibende Arbeiter trafen, kam es zwar zu vereinzelter kultureller Zusammenarbeit von Schriftstellern und Betrieben, aber nur wenige Autoren waren gewillt, sich längerfristig in der Produktion umzutun. Kurzbesuche waren die Regel.

Neues Genre "Brigadetagebuch" soll etabliert werden

Und obwohl nach der Aufforderung "Greif zur Feder, Kumpel!" zahlreiche Anthologien mit Arbeiter-Literatur die Regale der Buchhandlungen füllten, lief der Verkauf schleppend. Sicherlich war die mangelnde literarische Qualität hierfür der Hauptgrund. Dennoch bildeten hunderte von Schriftstellerzirkeln in Betrieben, in Stadtteilen oder an Schulen zeitweilig eine ernst zu nehmende Bewegung, deren positives Engagement nur durch die ideologische Überfrachtung von Seiten der Partei gehemmt wurde.

Das neue Genre des Brigadetagebuchs etwa wollte nicht nur die Arbeit des Kollektivs beschreiben, sondern auch zwischenmenschliche Begebenheiten widerspiegeln. Einen Beitrag zur Herausbildung des "neuen Menschen" leisten, sich in ästhetischer Hinsicht mit den höchsten schriftstellerischen Leistungen messen, wie von der Staatsführung gefordert - das konnte es nicht.

So wurden an die Arbeiterliteratur Aufgaben gestellt, die sie nicht zu leisten imstande war. Die Bewegung - von vielen belächelt, von vielen aber auch mit Freude getragen - versandete. Immerhin aber hatten sich auf der zweiten Bitterfelder Konferenz auch junge Autoren wie Wolf Biermann und Armin Müller dem Publikum präsentieren können.

50 verschiedene Literaturpreise werden verliehen

Die DDR unterstützte ihre Autoren mit einem dichten Netz an Literaturpreisen. Zu den bedeutendsten der insgesamt 50 staatlichen und nichtstaatlichen Preise zählten der Nationalpreis, der Heinrich-Mann-Preis, Heinrich-Heine-Preis und der Lessing-Preis. Mitglieder der Akademie der Künste erhielten ein Honorar, weniger bekannte Autoren konnten als Lektoren, Dramaturgen oder wissenschaftliche Mitarbeiter ein Auskommen finden.

Lyriker wurden mit Übersetzungsaufträgen unterstützt. Wer sich im anerkannten Literaturbetrieb aufhielt, musste sich um die Finanzierung des täglichen Lebens selten Sorgen machen. Der "Berufsschriftsteller" erlebte im Klima des realen Sozialismus eine Renaissance, nicht selten im Gewand des Hofpoeten.

Die Förderung beinhaltete aber stets auch die Verpflichtung zu mindestens unauffälliger Konformität. Im offiziellen DDR-Literatursystem gab es keinen Platz für alternative Arbeit. Auch für die Literatur hieß es: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Leseland DDR – Mythos und Wirklichkeit

Der Mythos vom "Leseland DDR" nährte sich aus den zum Teil immensen Auflagen, die einzelne Titel - staatlich gelenkt - erreichten, so etwa Hermann Kants "Die Aula" mit etwa einer Million verkaufter Exemplare, und aus dem in der Tat hohen Verbreitungsgrad belletristischer Literatur in der Bevölkerung. Der staatliche Buchvertrieb und die staatlichen Bibliotheken mit weit über 100.000 Bänden erreichten über kostenlose Ausleihe eine hohe Zahl an Menschen, vor allem Kinder. Kulturelle Programme wie "Wochen des Buches", Buchbasare oder Lesungen bereicherten zusätzlich das Leben der Gemeinden. Dennoch blieben auch in der DDR die traditionellen sozialen Schichtungen im Leseverhalten bestehen.

Hoher Stellenwert der Literatur in der DDR-Gesellschaft

Die Unterhaltungsliteratur (Abenteuerroman, Science Fiction, "sozialistischer Kriminalroman" usw.) übertraf auch in der DDR die "hohe Literatur" an Auflagenzahl. Die Pro-Kopf-Produktion an Büchern erreichte Weltspitze (neben der Sowjetunion und Japan), lässt sich jedoch kaum mit den unter freiheitlichen, demokratischen Bedingungen erreichten Zahlen vergleichen. Andererseits - und damit sei die These vom "Leseland DDR" nun doch erhärtet -: Literatur besaß in der DDR-Gesellschaft einen außerordentlichen Stellenwert.

Beide, das Regime und seine Untertanen, maßen ihr eine besondere Rolle zu: Erzieherin zum sozialistischen Menschen die einen, kritische Halböffentlichkeit die anderen. Der DDR-Leser war - anders als sein Pendant in freiheitlichen Gesellschaften - darauf angewiesen, ein beinahe professioneller Literaturkritiker zu werden. Das Gespür für die Botschaft zwischen den Zeilen bildete sich früh heraus.

Literatur: Durch Zensur beschnitten…

Trotz der freiheitlichen Bekenntnisse ihrer Kulturfunktionäre betrieb die DDR eine Zensur. Das Ministerium für Kultur mit seiner "Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel" (bis 1956 "Amt für Literatur und Verlagswesen") war Dreh- und Angelpunkt der Literaturproduktion. Ihm unterstanden auf Bezirks- und Kreisebene zahlreiche Kommissionen. Hauptaufgabe war, so die Selbstdefinition,

die Verlage zu lizenzieren, die unterstellten Verlage anzuleiten....; die thematische Jahres- und Perspektivplanung der Verlage anzuleiten, zu koordinieren und ihre Erfüllung zu kontrollieren; die Manuskripte der Buchverlage und die Erzeugnisse der nicht lizenzierten Verlage zu begutachten und Druckgenehmigungen zu erteilen.

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Des Weiteren wurden durch das Amt die Papier- und Druckkapazitäten verteilt, die Bibliotheken "ideologisch und fachlich" unterstützt und die jeweiligen Schwerpunkttitel einer Saison genehmigt. Die enge Zusammenarbeit mit der Abteilung Kultur des Zentralkomitees der SED räumte auch hier der Partei die größten Einflussmöglichkeiten ein.

..aber auch beschränkt durch Selbstzensur und fehlende Kapazitäten

Brachte allein die Macht über Erteilung und Entzug einer Lizenz die Verlage auf den Kurs der Partei - was mit den Jahren dank fester Treueverhältnisse und innerer Überzeugung auszusprechen kaum mehr nötig war -, so stellte die Handhabe der Druckgenehmigung für bestimmte Titel die eigentliche Zensur dar. Um eine Genehmigung zur Veröffentlichung zu erhalten, arbeiteten der Lektor des Verlages und der Autor Hand in Hand. Zensur durch den Lektor, Selbstzensur bereits während des Schreibaktes auf Seiten des Autors.

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2011, 11:57 Uhr