Lexikon Literatur der DDR III

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Auch was an den Schulen gelesen werden sollte, entschied die Partei. Der Lektürekanon beinhaltete die großen Werke der deutschen humanistisch-bürgerlichen Literatur von Goethe, Lessing bis Heine und Heinrich Mann sowie die Autoren der neueren sozialistischen Literatur, besonders der Sowjetunion und deutscher Autoren wie Anna Seghers, Hermann Kant und anderer.

Texte von Franz Kafka waren als formalistisch und pessimistisch bis zum Ende der DDR verpönt. Die Identifikation mit dem positiven Helden, die die Herausbildung des vorwärtsgewandten "sozialistischen Menschen" befördern sollte, stand an erster Stelle der Aufgaben des Deutschunterrichts in den Schulen.

Vorwiegend volkseigene Verlage sicherten SED-Einfluss

Das Verlagswesen selber befand sich fast vollständig in der Hand des Staates, von Parteien und Massenorganisationen. Von den 78 Verlagen waren über 60 Verlage volkseigene Betriebe. Die SED betrieb den "Dietz-Verlag", die CDU den "Union-Verlag", der "Verlag der Nation" gehörte der NDPD, "Der Morgen" der LDPD, der FDGB besaß den "Tribüne-Verlag", die FDJ den "Verlag Neues Leben", "Volk und Welt" gehörte der DSF usw.

Hoffnung auf Lockerung mit Honeckers Antritt erfüllt sich nicht

Der DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker winkt von einer Ehrentribühne in der Berliner Karl-Marx-Allee. (1986)
Mit Erich Honecker schien zunächst ein frischer Wind in der Literatur zu wehen. Bildrechte: dpa

Mit dem Regierungsantritt von Erich Honecker 1971 verband sich auf vielen Gebieten des Lebens die Hoffnung auf eine Lockerung von Kontrolle und Bevormundung. Auch in der Literatur schien sich zunächst frischer Wind bemerkbar zu machen. Zu einer tatsächlichen Veränderung kam es nicht. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 offenbarte erneut Starrheit und Ohnmacht des Regimes. Die Unfähigkeit, sich sogar mit innerparteilichen kritischen Stimmen auseinanderzusetzen, führte zum vielleicht tiefsten Vertrauensverlust, den die DDR-Kulturpolitik erleiden sollte.

1979: Ausschlüssen aus Schriftstellerverband folgt Ausreisewelle

Zu einer erneuten Verschärfung der Situation kam es 1979. Gegen Stefan Heym, der neben seinem bereits 1953 geschriebenen Roman "5 Tage im Juni" nun auch den in hohen Funktionärskreisen spielenden Roman "Collin" in einem westdeutschen Verlag veröffentlichte (in der DDR war die Veröffentlichung abgelehnt worden), wurde im Zusammenhang mit dem durch den Verkauf gemachten Gewinn unter dem Vorwurf eines Devisenvergehens eine Geldstrafe verhängt.

Und nachdem "SED-Literaturkritiker" in der Parteipresse heftige Angriffe auf kritische Schriftsteller veröffentlicht hatten, wandten sich acht Autoren in einem offenen und in der westdeutschen Presse veröffentlichten Brief an den Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, um ihre Besorgnis über "die Koppelung von Zensur und Strafgesetzen" zum Ausdruck zu bringen. Den daraufhin ausgesprochenen Ausschlüssen aus dem Schriftstellerverband, Publikationsbeschränkungen und -verboten folgte eine erneute Ausreisewelle von Schriftstellern: Jurek Becker, Sarah Kirsch, Günther Kunert, Erich Loest, Thomas Brasch und andere verließen die DDR.

80er Jahre: Suche der Schriftsteller nach innerer Autonomie…

Auch unter den Bedingungen eines sich immer stärker bemerkbar machenden Gegeneinanders von Verboten, Diffamierungen und andererseits staatlicher Förderung von Kultur und Literatur suchten in den 70er und 80er Jahren Autoren nach innerer Autonomie und einem "gewissenhaften" literarischen Ausdruck: Ulrich Plenzdorf ("Die neuen Leiden des jungen W.", 1973), Brigitte Reimann ("Franziska Linkerhand", 1974) und Erich Loest ("Es geht seinen Gang", 1978) ebenso wie die mit Verfahren der Autobiographie arbeitenden Hanns Cibulka ("Sanddornzeit", 1971), Franz Fühmann ("22 Tage oder Die Hälfte des Lebens", 1973), Sarah Kirsch ("Die Pantherfrau", 1973) und Christa Wolf ("Kindheitsmuster", 1976). Diese Autoren bestanden auf einer genauen Untersuchung der Wirklichkeit und sperrten sich gegen die einfache Lösung der Konflikte.

…und etablieren von Literatur als Ersatzort für gesellschaftliche Kritik

Christoph Hein am 4.11.89 in Berlin
Christoph Hein am 4.11.89 auf einer Demo in Berlin Bildrechte: DRA/ DDR Fernsehen

Auch in den 80er Jahren konnten Zensur und Druck die Literatur nicht im von der Partei gewünschten Maß unter Kontrolle halten, der Dialog zwischen Schriftsteller und Leser nahm immer mehr den Charakter einer Ersatzöffentlichkeit an, Literatur wurde zunehmend zum Ersatzort für anderweitig kaum mögliche innergesellschaftliche Kritik. Sowohl Leser als auch Kritiker verfuhren nach dem Prinzip des "Lesens zwischen den Zeilen". Oft, und das betrifft besonders die (ausländische und bundesdeutsche) Kritik, wurde Literatur aus der DDR nur noch unter diesem Gesichtspunkt gelesen.

Über der Auseinandersetzung mit den Grundproblemen der DDR-Gesellschaft, wie sie sich in den Werken der 80er Jahre findet - u.a. in "Der fremde Freund" von Christoph Hein (1982) und "Kassandra" von Christa Wolf (1983) - wurde, wenn auch verständlich, nur allzu oft die den Texten eigene poetische Aussage übersehen.

Arbeitsumstände der Schriftsteller in besonderer Atmosphäre

Die Lebens- und Arbeitsumstände der Autoren in der DDR - Zensur, die Veröffentlichung in illegalen Zeitungen (u.a. "Ariadnefabrik", "Mikado") und im Selbstdruck - schufen eine besondere Atmosphäre der Produktion. Die Literatur abseits der staatlichen Förderung verband sich dabei eng mit anderen Künsten, auch mit der Kleinkunst- und Liedermacherszene. In Dresden, Erfurt, Halle und Leipzig, auch in Kleinstädten, besonders aber in Berlin (und hier am Prenzlauer Berg) entstanden heterogene Künstlergemeinden.

Die Unterwanderung durch Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie sie - zuvor nur vermutet - nach der Öffnung der Archive des Ministeriums nach 1990 zu Tage trat, hatte trotz der menschlichen Folgen wie im Falle Sascha Andersons keinen großen Einfluss auf die Arbeit der Autoren (s. dazu u.a. Jürgen Fuchs' "Landschaften der Lüge" und Wolfgang Hilbigs "Ich").

80er Jahre: Mit historischen Stoffen der Aktualität nähern

Die Literatur der 80er, wie die der 70er Jahre mit einer starken Hinwendung zu historischen und mythologischen Stoffen - auch im Versuch, sich der Aktualität auf diese Weise "unerkannt" nähern zu können -, befreite sich innerlich immer mehr von der staatlichen Literaturkontrolle. Dabei wuchs dennoch das Gefühl der Beklemmung und Verzweiflung im stetig weiter erstarrenden System. In der Lyrik wandte sich eine junge Generation mit eigener Sprache immer deutlicher vom herrschenden Kultur-Regime ab, so u.a. zunächst Lutz Rathenow, später Durs Grünbein.

Das Theater - seit den 70er Jahren dominiert von Heiner Müller, Volker Braun und Peter Hacks - arbeitete auch in den 80er Jahren mit historischen Stoffen (Heiner Müller, "Wolokolamsker Chaussee I-V" 1985/86; Volker Braun, "Siegfried. Frauenprotokolle. Deutscher Furor" 1986; Christoph Hein "Die wahre Geschichte des Ah Q" 1983). Nur wenigen anderen Autoren gelang es, mit aktuellen Stoffen eine größere Aufmerksamkeit zu erlangen.

1987: De Bruyn und Hein fordern Aufhebung der Zensur

Die Literaturszene der DDR litt in den 80er Jahren an der allgemeinen Erstarrung des Systems, die sich in den Texten wiederfindet, so in Volker Brauns "Hinze-Kunze-Roman" (1985), Christa Wolfs "Störfall" (1987), Christoph Heins "Der Tangospieler" (1989) und auch Erwin Strittmatters autobiographischem Roman "Der Laden" (3 Bde., 1983-1992). Da wirkte es wie ein Befreiungsschlag, als auf dem 10. Schriftstellerkongress 1987 zwei renommierte Autoren, Günter de Bruyn und Christoph Hein, öffentlich das Kind beim Namen nannten und die Aufhebung der Zensur forderten. Hein beschloss seine Rede vor dem Kongress mit den Worten:

Die Zensur ist volksfeindlich. Sie ist ein Vergehen an der so oft genannten und gerühmten Weisheit des Volkes. Die Leser unserer Bücher sind souverän genug, selbst urteilen zu können. Die Vorstellung, ein Beamter könne darüber entscheiden, was einem Volke zumutbar und was ihm unbekömmlich sei, verrät nur die Anmaßung, den Übermut der Ämter. Die Zensur ist ungesetzlich, denn sie ist verfassungswidrig. Sie ist mit der gültigen Verfassung der DDR nicht vereinbar, steht im Gegensatz zu mehreren ihrer Artikel. Und die Zensur ist strafbar, denn sie schädigt im hohen Grad das Ansehen der DDR und kommt einer öffentlichen Herabwürdigung gleich. Das Genehmigungsverfahren, die Zensur muss schnellstens und ersatzlos verschwinden, um weiteren Schaden von unserer Kultur abzuwenden, um nicht unsere Öffentlichkeit und unsere Würde, unsere Gesellschaft und unseren Staat weiter zu schädigen.

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Literaturgeschichte der DDR als Abbild der DDR-Geschichte

Mit den jahrzehntelangen Versuchen der führenden Partei, die Autoren auf Regierungskurs und in Verbindung mit der herrschenden Gesellschaftsidee zu halten, mit dem Willen vieler Autoren, sich und ihre Arbeit in den Dienst des "sozialistischen Aufbaus" zu stellen, mit Kritik, Prozessen und Verboten, Ausbürgerungen und Inhaftierungen präsentiert sich die Literaturgeschichte der DDR als das Abbild der DDR-Geschichte selber.

Aber obwohl die Literatur wie jeder Bereich des Lebens in der DDR unter dem ideologischen Diktat der Partei stand und ebenso staatserhaltend war wie es die öffentliche Schule, das staatlich gelenkte Sportwesen oder die Presse waren, offenbarte auch die Literatur der DDR ihr dem Medium innewohnendes kritisches, den gesellschaftlichen Verhältnissen unsicher gegenüberstehendes und sie verunsicherndes Element, das die Sprachkunst nie auf lange Sicht zum Machtmittel der Herrschenden werden, sondern die Literatur sich dem Zugriff der Macht stets aufs Neue - wie von selbst - entziehen ließ.

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2011, 12:07 Uhr