Rolf Müller
Rolf Müller Bildrechte: Rolf Müller

Lexikon Gespräch mit Rolf Müller, Kfz-Meister

Der selbstständige Kfz-Meister Rolf Müller betreibt in Leipzig eine BMW-Vertretung. Früher reparierte er Trabants und Wartburgs.

Rolf Müller
Rolf Müller Bildrechte: Rolf Müller

MDR: Sie hatten fast 30 Jahre lang einen eigenen Kfz-Betrieb in der DDR. Das Handwerk hatte überall mit Einschränkungen und Vorgaben zu kämpfen. Obwohl es für Sie eine Sondergenehmigung für 24 Angestellte gab, hätten Sie doch wahrscheinlich noch viel mehr Leute beschäftigen können - wie hat das funktioniert?

Rolf Müller: Das hat eigentlich nicht funktioniert. Es gab Kunden ohne Ende und die Reparaturkapazitäten waren mehr als knapp. Das ist der Gegensatz zu heute: Wir hatten damals Kunden und kein Material, heute haben wir Material und nicht genügend Kunden. Heute muss um den Kunden gekämpft werden und damals kämpften wir um Teile, also Material.

Wie haben Sie sich beholfen, wenn etwa ein Karosserieteil fehlte. Haben Sie das dann einfach selbst hergestellt?

Wir sind sehr gute Handwerker gewesen. Aus Teilen, die man heute nicht angucken würde, wurde wieder etwas gemacht. Und dann musste man natürlich pfiffig sein. Es gab ja alle Teile, nur man musste sie kriegen. Da ging dann das damals übliche Tauschgeschäft los. Es hieß: "Ich habe etwas und du könntest es von mir kriegen, ich brauche aber ..."

Und irgend etwas hatte man doch immer rumliegen, oder?

Man hatte es nicht "rumliegen". Als Karosseriebetrieb konnten wir ja immer Leistungen anbieten und waren auch in der Lage mit Ersatzteilen zu helfen. Und dann hat man eben gesagt, Mensch du kriegst eine Karosse von mir, aber ich hole zwei Zentner Spargel ab. Dann hat man den Spargel abgeholt und der wurde geschält und portioniert und eingefroren. Und später, wenn an Spargel eigentlich gar nicht mehr zu denken war, wurde der Spargel aus der Tiefkühltruhe geholt, um irgendwelche Teile dafür zu tauschen. Die Leute, die auf den geringen Mengen an Material saßen, wurden eben mit Spargel oder solchen Dingen gefügig gemacht.

Das haben Sie selbst erlebt?

Das habe ich selbst gemacht! Wir hatten ja damals Wartburgs und Trabants repariert und haben die Ersatzteile dafür selber rangefahren. Meine Frau fuhr mit einem W 50-Laster und Hänger ins Trabantwerk nach Zwickau und holte das Zeug zusammen. Es wurde gleich gekauft und gleich aufgeladen. Das musste sofort mitgenommen werden, weil es am nächsten Tag sonst ein anderer mitnahm.

Waren diese Hamsterkäufe nicht auch ein Grund für die Mangelwirtschaft?

Natürlich, das war das Schlimmste. Sie können überall rumfragen, wer irgendein Auto besaß, der hatte meist auch die Garage voller Ersatzteile. Wenn es irgendwo was gab, wurde es nach Hause geschleppt und dort eingelagert. Es hat viele Leute gegeben, die hatten drei oder vier Auspuffanlagen liegen. Damit konnte man gute Tauschgeschäfte machen.

War das Herumschrauben in der heimischen Garage so etwas wie Konkurrenz für Sie?

Wir hätten zehnmal soviel machen können und das hätte nicht gereicht. Wir konnten uns erlauben, vier Wochen Betriebsurlaub zu machen. Und dann am Sonntag bevor wir wieder aufmachten, saßen die Leute schon mit Stühlen vor dem Hoftor und haben gewartet, damit sie einen Termin für ihr Auto bekamen.

Was passierte mit denen, die nicht drankamen?

Es gab ja auch Leute, die nichts zum Tauschen hatten. Ein Lehrer oder ein Arbeiter, der am Band arbeitete, für die ist es natürlich ganz schwierig gewesen. Denen haben wir genauso versucht zu helfen. Aber die sind immer ganz besonders frustriert gewesen. Die meinten, weil sie nichts zu tauschen haben, kriegen sie auch keinen Termin.

Auch wenn die Leute selbst an ihren Autos herumschraubten - irgendwann kamen sie ja vielleicht doch mal zu Ihnen. Was war denn das Wunderlichste, was Sie gesehen haben?

Einmal kam jemand, der brauchte eine neue Wartburg-Karosse, weil seine völlig kaputt war. Trotz eines Bezugsscheins bekamen wir aber für ihn keine neue Karosse, jedenfalls dauerte es noch mindestens ein halbes Jahr. Der hatte sich selbst geholfen. Der hatte einen großen, dicken Blechstreifen genommen, hatte den am Dach befestigt und dann über die Heckscheibe in den Kofferraum reingefädelt und dort verschweißt, damit er das Heck nicht verlor.

Hat Sie eigentlich noch irgendwas erschrecken können in dieser Richtung?

Nein, man war daran gewöhnt. Und die ganze Sache hat ja auch funktioniert. Wir hatten außerdem Erfolgserlebnisse, wenn wir den Leuten helfen konnten. Die waren glücklich und wir waren glücklich, dass wir irgendeinen Weg gefunden hatten, die Teile aufzutreiben. Heute bestelle ich die Teile und sie sind in 24 Stunden da. Das ist kein Erfolgserlebnis. Jedenfalls ist es nicht so toll wie früher, wenn ich Teile ins Regal gelegt habe oder dem Kunden abends sein Auto übergeben konnte und er freudestrahlend damit wegfuhr, weil es eben fuhr.

Es gab auch Leute, die sich aus zwei völligen Schrottautos ein neues fahrtüchtiges gebaut haben...

Wir bauten damals ganze Trabantkarossen. In dieser Zeit gab es ja kaum neue Autos. Da wurde ein Auto mehrfach neu aufgebaut aus Ersatzteilen - eine ganz eigentümliche Verfahrensweise, aber es hat funktioniert. Es war ganz normal, dass man solche Reparaturkapriolen gemacht hatte. Ich hatte einen kaputten Volvo, so einen, wie Staat und Regierung fuhren. Dann kaufte ich noch einen kaputten hinzu, weil ich feststellte, dass der eine hinten und der andere vorne kaputt war. Daraus habe ich dann eins gemacht. Und eines Tages lief mir mal einer über den Weg, der bloß noch einen Kraftfahrzeugbrief hatte. So hatte ich ein komplettes Auto.

Hatte denn das Reparieren in der Mangelwirtschaft, das Basteln an den Autos, das Feilen und Improvisieren auch einen eigenen Reiz?

Da muss ich Ihnen widersprechen: Wir haben nicht gebastelt! Alles was ich gemacht habe in meinem Betrieb hatte nichts mit Basteln zu tun. Das waren richtige Reparaturen, die hatten nur andere Ausmaße als heute. Wir haben dabei auch besonders gutes fachliches und handwerkliches Können entwickelt. Auch unsere Lehrlinge waren dadurch handwerklich viel besser ausgebildet, als das zum Beispiel heute der Fall ist.

Hat es denn damals schon so etwas wie eine Konkurrenz unter den Handwerksbetrieben gegeben?

Die Konkurrenz gab es nur bei der Beschaffung von Material. Das war aber schon staatlich geregelt. Es gab einen Verteilerschlüssel. Die staatlichen und volkseigenen Betriebe wurden am besten beliefert, dann kamen die handwerklichen Genossenschaften und zum Schluss die Privatbetriebe. Das hatte mit Konkurrenz nichts zu tun. Das war staatlich festgelegt. Damit mussten wir leben. Und dazwischen mussten wir die Hohlräume suchen, kreativ sein.

Was hat eigentlich eine Reparaturstunde damals bei Ihnen gekostet?

Da erwischen Sie mich auf einem sehr schwierigen Gebiet. Das habe ich schon wieder vergessen. Es gab jedenfalls Festpreise für jeden Arbeitsgang. Da lag eine Kalkulation über Arbeitsstunden zugrunde, ich glaube, wir haben so um die 20 Mark verlangt.

Heute gibt es ja den TÜV - wie hat das früher funktioniert?

Genau wie heute gab es eine Marke, die am Kennzeichen befestigt werden musste. Die technische Abnahme machte die Polizei, aber es gab auch so etwas Ähnliches wie den TÜV, wo bestimmte Anlagen überprüft wurden. Die hatten auch ihre Vorschriften, die eingehalten werden mussten. Und wer eben nicht in der Lage war, das bewusste Teil an seinem Fahrzeug zu wechseln, der musste es still legen, dem nahm man einfach die Berechtigung weg, mit dem Auto rumzufahren. Aber das sind Dinge, an die man sich schon gar nicht mehr so genau erinnern kann.

Sie haben auch zu DDR-Zeiten ihren Betrieb schon immer erweitert, zum Beispiel eine Lackiererei eingerichtet...

Eine der modernsten überhaupt. Aber das gab es nicht als fertige Sache. Irgendwann sagte mal jemand vom Rat des Bezirkes zu mir: "Mensch, einer muss doch mal eine ordentliche Lackiererei auf die Beine stellen, die weltmaßstabähnlich ausgerüstet ist." Da habe ich gesagt: "Das mach ich, aber ich muss mir auch mal eine angucken können." Dann durfte ich vierzehn Tage lang im Westen rumfahren und mir Lackierereien ansehen und Material zusammensuchen. Zu Hause haben wir dann mit Hilfe anderer Betriebe eine nachgebaut. Und weil ich aus dem Westen zurückgekommen war, ließ man mich von da an immer wieder fahren.

Wie war es denn mit einfacheren Werkzeugen bestellt?

Auch hier galt: Immer fleißig gucken. Was es nicht gab, ließ man anfertigen. Ich hatte in Thüringen einen Gesenkschmied gefunden, der mir spezielle Karosseriehammer in großen Mengen anfertigte. Die wurden dann eben wieder getauscht und weiterverkauft. So war es halt mit allem. Und wie gesagt, es hat funktioniert.

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2004, 18:39 Uhr