Lexikon Gespräch mit Gudrun Loettel, Magdeburger Stadtmission

Gudrun Loettel arbeitet seit 27 Jahren in der Magdeburger Stadtmission der evangelischen Kirche. Die Pädagogin baute seit 1972 die Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung auf. Sie erinnert sich an die Einführung des "Gesetzes über die Unterbrechung der Schwangerschaft" durch die DDR-Volkskammer am 9. März 1972. Das Resultat: 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen ...

MDR: Wie empfanden Sie damals dieses Gesetz, das den Schwangerschaftsabbruch legalisierte?

Loettel: Zuerst einmal muss ich sagen, der Text implizierte etwas, was nicht real war. Schließlich hieß es ja "Unterbrechung" und nicht "Abbruch" der Schwangerschaft. Nach dem medizinischen Eingriff kann ja ein Leben nicht weitergehen. Zum anderen war die damalige Abstimmung in der Volkskammer so etwas wie eine kleine Revolution. Das Gesetz galt offiziell als das i-Tüpfelchen der Gleichberechtigung der Frau und dagegen lehnte man sich auf.

Welche Rolle spielte dabei die Gleichberechtigung der Frau?

Ganz einfach. Sie konnte allein entscheiden, musste niemanden fragen und hatte schlicht gesagt das Recht den Abbruch ohne wenn und aber vornehmen zu lassen.

Im kirchlichen Rahmen wurde die offizielle Entscheidung viel diskutiert ...

Wir in der Kirche empfanden auf der einen Seite das Gesetz als eine Befreiung, denn es gab für einen Schwangerschaftsabbruch keine strafrechtliche Verfolgung mehr. Doch trotzdem ging uns die Regelung zu weit. Das Verfahren als solches, das ja die Tötung von Leben sanktionierte, war in seiner Pauschalität moralisch und ethisch fragwürdig. Und so sahen es nicht nur gläubige Frauen. Den Schwangerschaftsabbruch bezeichnete das Gesetz zudem als eine Möglichkeit der Empfängnisverhütung. Das konnten wir so nicht hinnehmen. Die Kirche wollte die Frauen verstehen und nicht verteufeln, sie kritisierte in erster Linie die Art und Weise, wie die DDR ein "Problem" löste.

Wie erging es im Endeffekt den betroffenen Frauen?

Die blieben allein. Es gab Druck durch Eltern, den Freund oder Ehemann, die den Abbruch als etwas völlig normales sahen. Niemand kümmerte sich um ihre seelischen Probleme. Den Ärzten fehlte die Zeit zum Gespräch. Beratungsstellen gab es so gut wie nicht. Allein die Evangelische Kirche betrieb bei der Einführung des Gesetzes gerade einmal 16 Ehe- und Familienberatungsstellen in der ganzen DDR. Dazu kam, dass trotz der rechtlichen Regelung der Schwangerschaftsabbruch ein gesellschaftliches Tabuthema blieb. Er war legal, aber man sprach nicht darüber. Jeder Abbruch wurde regelrecht vor der Familie und vor Freunden geheim gehalten. Die seelischen Probleme wurden noch durch die schlechte Behandlung der Frauen in den Krankenhäusern verstärkt. Ärzte und Schwestern nahmen diese Pflichtaufgabe oft nur widerwillig an. Ich muss aber auch sagen, dass es viele christlich gebundene Ärzte gab, die es ablehnten, den Abbruch auszuführen, Ebenso weigerten sich die Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.

(Erstveröffentlichung 1999)