In diesem Dossier:

Lexikon Plan II

Die Teilung Deutschlands machte in den 50er Jahren den Auf- und Ausbau der Grundstoff- und Schwerindustrie nötig. Dies band die Wirtschaft der DDR in den folgenden Jahren an ständig neue Investitionen, die sie jedoch nur unter Vernachlässigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung aufbringen konnte. Die Folge waren veraltete Maschinen, Ersatzteilprobleme, die die Produktion hemmten und die Arbeitsmoral destabilisierten.

1952 verkündete Walter Ulbricht den planmäßigen Aufbau des Sozialismus. So sollte unter anderem die ihm im Wege stehende Mittelschicht wie selbstständige Bauern und kleine Handel- und Gewerbetreibende durch extrem hohe Abgaben ihre Selbständigkeit aufgeben. Die Beschlüsse zum "Aufbau des Sozialismus" hatten ihre Ursache nicht zuletzt in der katastrophalen wirtschaftlichen Situation der jungen DDR. Die Bevorzugung der Schwerindustrie nach sowjetischem Vorbild hatte zu Einschränkungen in der Konsumgüterindustrie und zu Versorgungsengpässen geführt. Die Staatsfinanzen wurden durch die Militärausgaben zusätzlich in Anspruch genommen. Den Werktätigen wurde Enthaltsamkeit, Sparsamkeit und Steigerung der Arbeitsproduktivität auferlegt.

1953: Die Arbeiter werden vergessen und wehren sich

Im Mai 1953 entschied die SED eine mindestens zehnprozentige Normerhöhung, um der wirtschaftlichen Misere entgegenzuwirken. Dies führte zu Unruhen in den Betrieben und einer erneuten Fluchtreaktion. Die SED war aufgrund einer sowjetischen Direktive gezwungen, einen "neuen Kurs" einzuschlagen. Dabei machte sie Zugeständnisse an Bauern, Handwerker und Geschäftsleute und auch an die Kirche, vergaß aber die "herrschende Klasse" - die Arbeiter. Wenige Tage später machten die ihrem Zorn Luft. Der 17. Juni 1953 ging als Arbeiteraufstand in die Geschichte ein.

Utopische Ziele - Ulbricht verkennt die wirtschaftliche Situation

Ende der 50er Jahre widmete sich die SED einer verstärkten Wirtschaftsplanung und -lenkung. Auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 verkündete Ulbricht in völliger Verkennung der wirtschaftlichen Situation die ökonomische Hauptaufgabe: "Die Volkswirtschaft der DDR ist innerhalb weniger Jahre so zu entwickeln, dass die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung [...] gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat eindeutig bewiesen wird und infolgedessen der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft." Dabei hatte Ulbricht scheinbar übersehen, dass in der DDR gerade mal die rationierten Lebensmittelzuweisungen aufgehoben worden waren, wohingegen sich im Westen Deutschlands der Wohlstand schon auf breite Schichten ausgeweitet hatte.

Dennoch konnte in den Jahren 1958 und 1959 ein leichter Anstieg des Lebensstandards verzeichnet werden, auch die Flüchtlingszahlen gingen leicht zurück: Man konnte auf eine Konsolidierungsphase hoffen. Doch es kam anders: Der 1959 erfolgte Abbruch des Fünfjahrplans und die Ersetzung durch einen Siebenjahrplan sowie eine erhöhte Fluchtbewegung durch die Kollektivierungen auf dem Land ließen die Wachstumsraten wieder sinken.

1963: Versuch einer Reform mit dem "NÖS“

Nach dem Mauerbau 1961 waren wirtschaftliche Veränderungen unabwendbar. Vertreter der zentralen Wirtschaftsinstanzen und der "Vereinigungen Volkseigener Betriebe" (VVB) sowie Betriebsleiter und Wissenschaftler erarbeiteten eine Reform. Im Sommer 1963 legten sie die Richtlinie für das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL) vor. Grundlage der Reform war die erhöhte Eigenverantwortung der Betriebe. Dennoch wurde der Plan nicht außer Kraft gesetzt. Das NÖS propagierte zugleich eine Öffnung des politischen Systems und forderte größere Offenheit der Medien sowie die öffentliche Diskussion von Maßnahmen. Dies blieb jedoch nur Theorie. Ulbricht nutzte das NÖS seinerseits als Machtsicherung. Die Bevölkerung war den Neuerungen gegenüber zunächst positiv eingestellt, die Resultate verbesserten sich. Bald wuchsen aber die Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen und der Ruf nach einer zentralen Kontrolle wurde wieder laut.

Scheitern des "NÖS“ - Politik vereitelt eine Neuausrichtung der Wirtschaft

Das NÖS war zum Scheitern verurteilt. Eine wirkliche Reform hätte auch die Demokratisierung der politischen Verhältnisse erfordert. Dazu war die SED nicht bereit. Trotz seines Misserfolgs war das NÖS eines der mutigsten Experimente, das eine sozialistische Regierung je versucht hatte. Der zentrale Plan sollte nicht mehr Gegenpol zum Markt sein, die Preise sollten Ausdruck des wirklichen Wertes werden. Doch mit der Entmachtung Chruschtschows und dem Machtantritt Breschnews zog von Moskau wieder ein kalter Wind nach Berlin, der die Vorgabe Chruschtschows, der Wirtschaft mehr Gewicht als der Politik zu verleihen, wieder umkehrte.

Am 3. Dezember 1965 nahm sich Erich Apel, Chef der Staatlichen Plankommission, das Leben. Am nächsten Tag hätte er das Fünfjahresabkommen zwischen der Sowjetunion und der DDR unterschreiben sollen: Apel wusste, dass das lediglich eine erneute starke Benachteiligung der DDR bedeuten konnte und das Reformprojekt annullieren würde. Der neue Mann stand schon bereit: Gerhard Schürer blieb bis 1989 Leiter der Staatlichen Plankommission.

In den 60er Jahren verbesserte sich der Lebensstandard der DDR-Bürger, doch der stete Blick gen Westen zeigte jeden Tag aufs Neue die Diskrepanzen in der Entwicklung der DDR. Der Staat machte sich den immerwährenden Vergleich zunutze und postulierte den Slogan "Überholen ohne einzuholen". Darauf haben die DDR-Bürger bis zum Ende der Republik vergeblich gewartet.

Wirtschaftliche Probleme verschärfen sich

Die verstärkte Strukturpolitik Günter Mittags - Chefkonstrukteur der DDR-Wirtschaftspolitik -, die ausgewählte Schwerpunkte zentral und vorrangig behandelte, zeigte immer deutlicher die Disproportionen, die sich in fehlenden Zulieferungen für die Betriebe äußerten. Die Bevölkerung spürte sie als Versorgungsengpässe, die sie durch Hamsterkäufe manchmal selbst noch verschlimmerte. Die wirtschaftlichen Probleme bildeten eine leichte Grundlage für die Entmachtung Walter Ulbrichts und den Aufstieg Erich Honeckers.

Honecker setzt auf Sozialpolitik …

Die neue Führung setzte wieder auf zentralistische Planung und höhere Planziffern. Mit Honecker trat eine Wende, wenn auch keine positive, in die Wirtschaftspolitik der DDR ein: Statt wie Ulbricht auf höhere Erträge zu warten, um den Lebensstandard zu verbessern, setzte er auf die Sozialpolitik, um die Werktätigen zu höheren Leistungen zu animieren - die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik". Dass mit den hohen Subventionen kein Geld für Investitionen bleiben würde, konnte oder wollte Honecker nicht sehen. Auch die erwünschte höhere Leistungskraft blieb aus. Die soziale Sicherheit, die nicht eigenhändig erarbeitet war, wirkte sich langfristig negativ auf die Leistungsmotivation aus.

… und vernachlässigt immense Verschuldung

Honeckers viel versprechendes Antrittsprogramm der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik führte letztlich jedoch dazu, dass weitaus mehr verbraucht als produziert wurde. Die hohen Subventionen für Alltagsgüter und Sozialleistungen förderten den unbedachten Missbrauch von Waren und die Verschwendung. So war es nicht ungewöhnlich, dass in der Landwirtschaft die Schweine statt mit teurem Futter mit Brot aus der Kaufhalle gefüttert wurden.

Honeckers Wirtschaftsstrategie Anfang der 70er Jahre war einfach, aber unrealistisch: Er hoffte, durch Kredite den Import moderner Technologien finanzieren zu können, um dann im Gegenzug modernste DDR-Produkte zu exportieren. Doch Ende der 70er Jahre zeigte sich, dass sein Konzept nicht aufging und der Staat sich immer mehr verschuldete.
Eine Reihe von Kombinaten (mehrere zusammengeschlossene Volkseigene Betriebe, die aber weiter unter eigenem Namen produzierten), vor allem im Maschinenbau, waren auf Zulieferungen für die Sowjetunion spezialisiert, ihre Produkte fanden nur schwerlich Absatz auf dem Weltmarkt.

Durch fehlende Investitionen wird der Anschluss verpasst

Zudem waren der Maschinenbau und auch die Elektrotechnik/Elektronik mangels Investitionen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Daran konnte auch das Mikroelektronik-Programm von 1977 nichts ändern. Auch hier entsprach der Aufwand nicht dem Nutzen. Trotzdem wurde das Programm propagandistisch hochstilisiert und als Musterbeispiel voraussehender Wirtschafts- und Strukturpolitik gefeiert.

In diesem Dossier: