Lexikon Gespräch mit Marion Blumeyer, Verkäuferin

Verkäuferin und Kundschaft im Konsum von Schenkenberg - DDR 1981
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Marion Blumeyer war jahrelang Fleischfachverkäuferin in einer Konsum-Kaufhalle. MDR: Frau Blumeyer, wurde immer alles geliefert, was Sie bestellt haben?

Marion Blumeyer: Nein. Schweinefilet, Kassler, Rouladen wurden kaum geliefert, die Sachen haben wir mit "nein" verkauft. Schnitzel, Bauchfleisch und Innereien waren immer zu haben - aber wer wollte die schon immer essen? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In der DDR musste niemand hungern. Wenn es keinen Kassler gab, dann gab es auf dem Mittagstisch eben Schnitzel - wenn nicht gerade Spargelzeit war. Nicht die Menge, sondern die Auswahl war eher gering.

Wie oft kamen die Leute in ihre Kaufhalle und fragten: "Haben Sie?"

Das kam zigmal am Tag vor. Es war wirklich so, dass Familien ihre Oma vorschickten, damit die herausfand, wo es etwas gab. So kam diese Oma vier- bis fünfmal am Tag zu uns und fragte nach. Wir kannten daher auch unsere Stammkunden genau und konnten später sogar die Uhr nach ihnen stellen. Nur bei Bananen und Ähnlichem funktionierte das nicht, denn diese wurden nur gegen die Vorlage des Personalausweises vergeben, auf dem die Kinderzahl vermerkt war. Je mehr Kinder, desto mehr Bananen. Aber für alle Kunden haben die paar Bananen sowieso nie gereicht. Da standen die Kunden ewig in der Schlange und als sie dann endlich dran waren, gab es keine mehr. Da war immer "Stimmung".

Da wir gerade über die Mangelwaren wie Bananen sprechen, wie war das nun mit "unter dem Ladentisch"?

Wenn begehrte Waren ankamen, wurde meistens ein Viertel einbehalten und unter uns Verkäuferinnen verteilt. Unsere Chefin dagegen hatte sogar ein eigenes Lager, und wenn zu Weihnachten Pfirsiche oder Ananas in Büchsen kamen, so ging gleich alles in ihr Lager, und sogar wir Verkäuferinnen konnten nur betteln, ob wir auch eine Büchse abbekommen konnten. Den Rest haben wir teilweise zurückgelegt und in kleine Tüten mit Preisschild verpackt, damit es nicht auffiel. Aber ich glaube, jeder Kunde wusste ganz genau, was in den Tüten drin war.

Für wen haben Sie diese Sachen zurückgelegt?

Einerseits für Bekannte und Verwandte. Mein Opa hat sich zum Beispiel jeden Freitag eine Flasche Weinbrand geholt und drei Schachteln Filter-Zigaretten einer bestimmten Marke. Die habe ich ihm immer in einer Tüte gegeben. Andererseits wurden wir von unseren Kunden angesprochen: "Wir haben da eine Feier und hätten gern Kochschinken oder Schinkenspeck, und wenn Du mal einen Anorak brauchst, dann kommst du zu mir." Man kannte seine Kundschaft ja.

Gab es nie Probleme mit den Kunden, die leer ausgingen?

Doch natürlich. Manche Kunden waren traurig, andere wurden aggressiv. Sie schoben sich dann gegenseitig die Einkaufswagen in die Hacken und haben sich um bestimmte seltene Sachen richtig geprügelt. Jeden Samstagmorgen haben wir die Reste von der Freitagslieferung verkauft und wenn wir um 7.00 Uhr geöffnet haben, dann standen um 6.30 Uhr schon die Kunden in einer richtig langen Schlange, um darauf zu warten, dass wir öffneten. Jeder wollte der Erste sein und es wurde gerempelt und gedrängelt, dass es nicht mehr schön war. Wenn es mal Bananen gab, standen die Leute schon vor dem leeren Obststand Schlange, bevor wir wussten, dass eine Lieferung unterwegs war.

Sie hatten den Wagen gesehen und sind alle zu uns gelaufen. Dann klopften Sie an die Scheibe und wurden regelmäßig ausfallend. Es wurde allerdings nie ein Transporter überfallen, sondern die Leute haben sich immer diszipliniert in eine Reihe gestellt.

Verbesserte sich die Versorgungslage mit der Zeit oder nicht?

Sie verschlechterte sich stetig. In den Siebziger Jahren konnten wir noch Obst verkaufen, das gab es später fast nur noch an Feiertagen. In den letzten Jahren vor der Wende haben wir unsere Warenangebote immer mehr strecken müssen, damit wir die Regale überhaupt noch voll bekamen. Das heißt wir dehnten den Platz für Marmelade, Mehl, Reis und Nudeln immer mehr aus, weil wir nicht mehr genug Backmischungen, Erbsen, Linsen, Waffeln oder gar Ketchupflaschen hatten.

Unter diesem Eindruck der stetigen Verschlechterung, würden Sie sich da eher als "Verkäuferin" oder als "Verteilerin" bezeichnen?

Ich war eine Verkäuferin! Trotz des Mangels hatten wir ein festgesetztes Umsatzziel und um das zu erreichen, mussten wir unsere Waren auch anpreisen, bzw. die unbeliebten Sachen den Leuten schmackhaft machen. Es gab auch richtige Werbeplakate oder Aktionstage, wie "Hausschlachtefeste" oder ähnliches. Es ist bei uns nie etwas schlecht geworden.

Waren Sie glücklich in ihrem Beruf?

Ja, ich war zwanzig Jahre lang glückliche Verkäuferin.