Über die Bildung der sozialistischen Persönlichkeit Theater in der DDR

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Kulturpolitisch sollte das Theater zur Bildung der sozialistischen Persönlichkeit beitragen. Der sozialistische Held sollte dem Publikum den Weg vom Ich zum Wir vor Augen führen. Dass die Darstellung solcher Menschen oft emotionslos und leer wirkte, verwundert nicht.

Jeder soll sich Theaterbesuche leisten können

Schon am 16. Mai 1945 erteilte die sowjetische Militärverwaltung den Berliner Theatern Spielerlaubnis. Vielfalt und Vitalität begünstigten die Entfaltung einer hohen Theaterkultur. Die deutsche Erstaufführung von Brechts "Mutter Courage" am Deutschen Theater in Berlin war der Höhepunkt der Saison 1948/49. Das Stück bettete sich hervorragend in die kulturpolitischen Forderungen an das Theater ein: Abgesehen von der Rezeption des klassischen Erbes sollten sich die Bühnen der Werke der Exil-Autoren, wie eben von Bertolt Brecht oder Friedrich Wolf, annehmen.

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 hatten sich die Künstler auf eine sozialistische Perspektive zu besinnen. Übersetzt bedeutete dies, dass die Theater aufgerufen waren, das Publikum über die Vorzüge des jungen Staates aufzuklären. Die Arbeiter und Bauern sollten bewusst an die Kultur herangeführt werden. Dies sollte nicht nur mit entsprechenden Themen verwirklicht werden, sondern auch mit einem differenzierten Anrechts- und Preissystem sowie durch generell niedrige Eintrittspreise. Jeder sollte sich den Theaterbesuch leisten können.

Wenn Brecht-Ehefrau Helene Weigel als Mutter Courage ihren Karren über die Bühne des Berliner Ensembles (BE) zog, hatte dies durchaus Symbolkraft. Nachdem das Paar 1948 nach Ost-Berlin übersiedelte, war die künftige Arbeiter- und Bauern-Republik um eine künstlerische Attraktion reicher. Das Theater am Schiffbauerdamm erreichte bald internationalen Ruf. Gastspiele des BE in aller Welt ließen Devisen in der Staatskasse klingeln. Aber schon 1951 trübte sich das Verhältnis zwischen Brecht und dem neuen Deutschland. Als er sich weigerte, den Text der Oper "Die Verurteilung des Lukullus" dem Parteikurs anzupassen, verschwand das Stück aus dem Spielplan. Vielleicht das prominenteste Beispiel für das zwiespältige Verhältnis zwischen Partei und Theater. Das großzügige staatliche Mäzenatentum sorgte für eine der dichtesten Theaterlandschaften der Welt.

Ausrichtung der Dramatik auf den Marxismus-Leninismus

Angesichts der zunehmenden Spaltung Deutschlands wurde der Gedanke eines sozialistischen Nationaltheaters geäußert. Für die Spielpläne bedeutete das eine Ausrichtung der traditionellen Dramatik auf die Grundsätze des Marxismus-Leninismus, andererseits sollte aber auch die Gegenwartsdramatik in den Mittelpunkt rücken.

Typisch für die kritische Dramatik der DDR ist der Verweis auf die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit, mal verschlüsselt, mal direkt, wie es Peter Hacks in "Die Sorgen und die Macht" zeigte: "Kommunismus, wenn ihr euch/Den vorstelln wollt, dann richtet eure Augen/Auf, was jetzt ist, und nehmt das Gegenteil." Das Stück hatte im Mai 1960 Uraufführung am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg unter der Regie von Klaus Gendries. Zuvor war das Stück im Deutschen Theater inszeniert worden, doch erlebte es dort lediglich eine als "Probeaufführung" deklarierte Vorstellung, weil es von den anwesenden Funktionären und speziell ausgesuchten "Arbeitern" ablehnend diskutiert worden war.

Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit

In Senftenberg kam es wohl nur deshalb zur Aufführung, da an jeder Probe Abordnungen von Brigaden und Gewerkschaftsvertretern teilnahmen, die das Stück im Senftenberger Industriegebiet populär machten. Mit dem Bitterfelder Weg sollten auch die Theatermacher den Arbeitern näher kommen. Die Einrichtung von Arbeitertheatern in vielen Betrieben schuf nicht nur Gelegenheit für laienhaftes Spielen, sondern gab den Anstoß zur Beschäftigung mit professioneller Theaterkunst.

Obgleich sich einige Vorstellungen der SED mit dem Bitterfelder Weg nicht realisieren ließen, behielt sie die Kultur der Arbeiter im Auge. Der FDGB etwa veranstaltete jährlich, ab 1972 alle zwei Jahre, Arbeiterfestspiele, auf denen die Aufführungen der Arbeiter- und Amateurtheater zu sehen waren. Die Bearbeitung von Mythen- und Geschichtsdramen (Heiner Müller, Peter Hacks) bot Gelegenheit, um von einer normierten Gegenwartsdramatik abzuweichen. Durch eine zeitgemäße Interpretation auf der Bühne warfen diese Stücke Schlaglichter auf die Gesellschaft der DDR.

Der Weg des Frank Castorf

Abseits der Theaterzentren duldete die Kulturpolitik der SED Anfang der 80er Jahre die ästhetisch-politischen Experimente des Regisseurs Frank Castorf. Er sprach in seinen Inszenierungen an, was ansonsten zensiert und tabuisiert wurde. In den Aufführungen des Anklamer Theaters schien sich ein Lebensgefühl auszudrücken, das in der DDR so nicht ausgelebt werden konnte und daher als subversiv verstanden wurde. In der Tat zog das Theater hauptsächlich junge, potentiell oppositionell gestimmte Leute an. Schließlich wurde Castorf als Oberspielleiter fristlos entlassen.

Schere im Kopf bleibt

In den persönlichen Kontakten zwischen Politikern und Theaterleuten regelte sich manches, was in den offiziellen Gremien Anstoß erregt hätte. Die Schere im Kopf blieb dennoch. Die Bedeutung der Unterhaltungsfunktion des Theaters in der DDR, ablesbar an der hohen Zahl von leichten Operetten und Komödien in den Spielplänen, zeigte sich auch in der Beliebtheit der neun Freilichttheater, die bekanntesten wohl das Harzer Bergtheater und Ralswiek auf Rügen. Hier hatte Kurt Barthels (Kuba) Ballade "Klaus Störtebecker" unter der Regie von Hanns Anselm Perten 1959 Premiere.

Eine der dichtesten Theaterlandschaft der Welt

1988 verfügten die 213 Theater der Republik über 55.568 Sitzplätze. Und die wollten besetzt werden. Dafür sorgten unter anderem die Betriebe, die Theaterbesuche für ihre Mitarbeiter organisierten. Auch viele Schulklassen waren regelmäßig zu Gast. So kam es, dass in der Statistik die Häuser oft ausverkauft waren. Das schloss nicht aus, dass so mancher Platz im Parkett oder auf den Rängen leer blieb. Bei Operetten oder Musicals war das seltener, bei manchen Werken der Gegenwartsdramatik häufiger der Fall. Das war bedauerlich für die Darsteller, denn ihre Leistungen konnten sich dank einer exzellenten Ausbildung sehen lassen. Aber auf die Spielplangestaltung hatten sie meist keinen Einfluss. Selbst der Intendant unterlag äußeren Zwängen durch die regionalen Parteiorgane.

Günstige Preise in baufälligen Häusern

Die Theater waren finanziell großzügig ausgestattet, was aber wohl eher die Preispolitik betraf, denn die bauliche Substanz und technische Ausrüstung verfielen in den 80er Jahren zunehmend, so dass man zum Teil bei laufendem Spielbetrieb renovierte oder einzelne Häuser sogar geschlossen werden mussten. Aus diesem Dilemma entwickelten sich alternative Spielstätten wie "unterm Dach", "auf der Treppe", "im Foyer", "Probebühne" oder "im Keller", die zu Publikumsmagneten wurden.

Zensur durch den Rat der Stadt oder das ZK

Die führende Rolle der SED blieb auch in den Theatern unangetastet. Auf den Bühnen selbst war sie durch Parteigruppen und Parteisekretäre vertreten. Abgesehen von einigen Theatern, die den Bezirken unterstanden, war die Mehrzahl den Räten des Kreises oder der Stadt zugeordnet.

Die Theater legten der vorgesetzten Behörde Repertoire-Konzeptionen vor, jeweils für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren mit Hinweisen auf künstlerische und kulturpolitische Ziele. Jahrespläne konkretisierten diese Vorstellungen. In der Kulturabteilung des ZK wurden Programme und Projekte in letzter Instanz geprüft, gutgeheißen oder verworfen, manchmal auf Jahre zurückgestellt. Immer kam es auch auf den Ruf eines Theaters und seiner Regisseure an. Namhafte Vertreter hatten gegenüber Unbekannten eher Aussicht auf die Verwirklichung ihrer Projekte.

Tauwetter: Doktrin vom sozialistischen Realismus fällt

Es schien Ende der 80er Jahre, auch mit Hinblick auf die Entwicklung in den anderen Ostblockländern, der Zeitpunkt gekommen zu sein, eine weichere Kulturpolitik zu fahren. Als der Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann 1988 gegenüber der Zeitschrift "Theater heute" prinzipielle Auffassungen in Frage stellte, suchte er der Stimmung im Land und am Theater offiziell Ausdruck zu verleihen. Mit Blick auf den Regisseur Alexander Lang und andere Theatermacher im Exil warb Hoffmann für Beweglichkeit.

Nicht zuletzt verabschiedete er sich von der Doktrin des sozialistischen Realismus. Der Vorstoß des Kulturministers wirkte auf die Theater, an denen das Interview in Kopien kursierte, als Hoffnungsschimmer, der zum Aufbruch ermunterte. Folglich kam die Angelegenheit vor das Politbüro. Doch Hoffmann durfte aufgrund verhaltener Selbstkritik und mit Unterstützung von Hans Modrow und Künstlern wie Willi Sitte im Amt bleiben.

Ende September 1989 verfassten auch die Theater Briefe, Resolutionen und Erklärungen zur politischen Lage. Das Ensemble des Staatsschauspiels Dresden prägte den Satz: "Wir treten aus unseren Rollen heraus. Die Situation in unserem Land zwingt uns dazu."