Erfahrungsbericht Beziehung ist das halbe Leben

Einkaufen in der DDR

von Horst Zimmermann

Im Sozialismus war der Kunde nicht König sondern Bettler. Nur derjenige, der selbst über Produkte, Dienstleistungen oder Westgeld verfügte, galt im privaten Leben etwas. Der Bürger, der mit seiner Arbeit nur Ost-Geld verdiente, war als Kunde nur zweitrangig.

1945/46 war ich mit meiner Mutter im ersten Chemnitzer Warenhaus, der Tauschzentrale. Für die Abgabe einer Ware, z.B. von Bettwäsche, erhielt man eine Anzahl von Punkten (Wertgutscheinen). Mit diesen Punkten kaufte meine Mutter mir damals ein Paar gebrauchte Schlittschuhe.

Die Konsum-Läden oder Privatläden verkauften Waren gegen Geld in Verbindung mit Lebensmittelkarten oder Bezugsscheinen. Etwa 1949 entstanden die ersten Läden der staatlichen Handelsorganisation (HO), die Waren ohne Marken zu überhöhten Preisen verkauften. Ich erinnere mich an den Preis für eine Bockwurst: 5 Mark bei Monatslöhnen von 200-300 Mark!

Mit Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wurden die HO-Preise schrittweise gesenkt. Bei der späteren Abschaffung der Lebensmittelkarten wurden Marken- und freie Preise aneinander angeglichen. Viele Privatläden wurden von der HO übernommen, größere Geschäfte und Warenhäuser gehörten nur noch Konsum oder HO. Kleine Geschäfte und Gaststätten gaben ebenfalls meist auf, nur noch Bäcker, Fleischer und kleine Geschäfte für Textilien und Industriewaren blieben privat.

Umfangreicher wurde das System der Sonderversorgung: In größeren Betrieben und Behörden gab es Verkaufsstellen von HO oder Konsum. Besser beliefert wurden die HO-Wismut, die Militär-HO und der WOJENTORG (Militärhandel der Sowjetarmee). Sonderverkaufsstellen für hohe Funktionäre in Wandlitz (ZK der SED), Strausberg (Generäle der NVA) u.a. boten auch Westwaren zu billigen Ostpreisen an.

Eine besondere Rolle spielte GENEX. Dieser Handel verkaufte gegen ausländische Valuta DDR-Waren an DDR-Bürger. Einmal durfte ich dort einkaufen: Ich hatte mir beim Aufenthalt in Leningrad 110 Rubel gespart, dafür kaufte ich eine Erika-Schreibmaschine aus Dresden, die es im normalen Handel nicht gab.

Im Wartezimmer des GENEX-Büros in Berlin lagen Postkarten aus, deren Inhalt mich schockierte: "Lieber DDR-Bürger, wenn Sie Verwandte in der BRD haben, schreiben Sie bitte hier deren Adresse auf. Unser Vertreter wird Ihre Verwandten aufsuchen und ihnen eine Liste der Waren übergeben, die er in Westmark bezahlen und Ihnen schenken kann. Die Auslieferung der Ware erfolgt dann durch GENEX in der DDR." Für mich war dies eine ungeheuerliche ehrenrührige Aufforderung, dass DDR-Bürger bei ihren Westverwandten betteln sollen.

Ende der 60-er Jahre wurden neue Geschäfte eröffnet, in denen Mangelwaren oder manchmal auch Westimporte zu hohen Preisen angeboten wurden: "Delikat" für Lebensmittel und "Exquisit" für Textilien und Schuhe. Hier konnten alle DDR-Bürger einkaufen, wenn sie über das nötige Ost-Geld verfügten.

Anders war es mit den "Intershops". Ursprünglich nur zur Versorgung von Reisenden auf Bahnhöfen, Autobahnraststätten und Flughäfen mit Reisebedarf bestimmt, wurden diese Läden immer weiter ausgebaut. Bald hatte jede Stadt einen Intershop, wo man für konvertierbare Valuta vielfältige Waren erwerben konnte. Bürger, die kein Westgeld hatten, mussten draußen bleiben. Das betraf auch Armeeangehörige, uns war der Zutritt verboten.

Die Einrichtung der Intershops empfand ich als ideologischen Offenbarungseid der DDR. Als Diener des Staates war mir der Zutritt zu Einrichtungen meines Staates verboten, während man den "Klassenfeind" um sein Geld anbettelte.

In Berlin entstanden bald Hotels, in denen nur mit Westgeld bezahlt werden konnte. Wie armselig kam ich mir vor, wenn meine kleine Anke den Vati um ein einziges Überraschungsei für eine Westmark bat, ich ihr diese Bitte aber abschlagen musste. Anderseits kauften DDR-Künstler, die im Westen auftreten durften, sogar ihr Klopapier im Intershop.

Nach der Wende besuchten uns wieder entdeckte Verwandte aus der Pfalz in Dresden. Sie waren bass erstaunt, dass unsere Wohnung mit ordentlichen Möbeln ausgestattet war und dass wir ordentlich angezogen waren. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar Worte zu den Waren schreiben, die es in der DDR zu kaufen gab.

Grundnahrungsmittel konnte sich jeder zu relativ niedrigen Preisen überall kaufen. Dazu gehörten Brot, Nährmittel, Wurst und Fleisch, Rotkraut, Weißkraut, Äpfel, also vieles, was in der DDR erzeugt wurde. Die Verpackungen waren gegenüber heute trist und grau, manchmal wurden auch alte Zeitungen zum Einpacken verwendet. Die Qualität einiger dieser Waren war nicht immer gut. Bier trübte sich nach wenigen Tagen, Brot in der Kaufhalle war meist altbacken, das frische nahmen erst die Verkäuferinnen, Kartoffeln stanken im Frühjahr schon in der Palette.

Engpässe und Mangelwaren gab es immer irgendwie. Zeitweise fehlten Streichhölzer, Salz, Butter usw. Diese Lücken wurden schnell wieder geschlossen. Einige Waren gab es nur manchmal: Tomatenketchup, Gurkenkonserven, deshalb wurde die Stückzahl des Verkaufs an die Kunden beschränkt. Wenn man nicht persönlich bekannt war, konnte man sich in diesem Falle zwei- bis dreimal anstellen und bedienen, solange der Vorrat reichte. Einige Waren gab es nur in der jeweiligen Saison wie z.B. Tomaten, Pfirsiche, Weintrauben oder vor Weihnachten einmal Bananen und Orangen, auch in begrenzten Mengen.

Andere Waren konnte man nur als "Bückware" (unter dem Ladentisch hervorgeholt) oder FDGB-Ware (die Bezeichnung der DDR-Gewerkschaft wurde interpretiert als "Für Die Guten Bekannten") bekommen. Das waren Schinken, Zunge, Radeberger Bier, Salami, bunte Zeitschriften u.a.

Wein und Sekt waren teuer und stammten aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien und der Sowjetunion. Rhein- und Bordeaux-Weine gab es manchmal im Delikat zu horrenden Preisen.

Kaffee war eine besondere Ware. 125 Gramm normaler DDR-Kaffee kostete 7,50 Mark bis 8,75 Mark. Manchmal gab es keinen Bohnenkaffee, wenn die Devisen knapp waren. Um den Bohnenkaffee zu strecken, wurde Kaffee-Mix, eine Mischung mit Gerstenkaffee, angeboten. Einige Zeit lang wurde für alle DDR-Betriebe und Verwaltungen festgelegt, dass in den Diensträumen nur Kaffee-Mix getrunken werden durfte.

Wenn ich heute über die vielen großen Einkaufsmärkte schlendere, frage ich mich, wie wir es in der DDR schafften, unsere Einkäufe in den kleinen Läden und Kaufhallen zu erledigen. Die Antwort ist relativ einfach: Anstellen! Jeder Wochenendeinkauf war mit stundenlangem Anstellen verbunden, vor der Kaufhalle, um einen Korb zu bekommen, in der Kaufhalle am Fleischstand, an der Kasse usw. Selbst wenn man zu anderen Tageszeiten kam, war dies meist nicht von Erfolg gekrönt: Manche Waren kamen nur zu bestimmten Zeiten und waren dann in wenigen Stunden ausverkauft.

Frische knackige Brötchen gab es nur beim Bäcker. Hier gründeten sich morgens 5.30 Uhr (Öffnungszeit 7 Uhr) die "sozialistischen Wartegemeinschaften". Hierzu hat Hermann Kant mit "Der dritte Nagel" ein anschauliches Buch geschrieben. Wenn vor einem Geschäft eine Schlange stand, stellte man sich erst an und fragte dann die anderen, was es eigentlich gäbe.

Möbel, Einrichtungsgegenstände und Haushaltwäsche waren reine Glückssache. Ein Bestellsystem gab es meist nicht, man musste entweder eine Verkäuferin kennen oder zufällig dazukommen, wenn Ware geliefert wurde. Das große Glücksgefühl: "Ich habe Bettwäsche erwischt", das man mit seinen Lieben teilte, wenn man nach Hause kam, ist uns im Kapitalismus allerdings verloren gegangen.

Um z.B. eine gewünschte Schrankwand zu erstehen, musste meine Frau mehrmals in der Woche von Strausberg nach Berlin, Spandauer Straße, mit der S-Bahn fahren, insgesamt vielleicht zehnmal, bis zufällig der Zeitpunkt der Zuteilung dieses Möbels getroffen wurde.

Gute Haushaltsgeräte gab es fast immer, anders bei Kühl- und Gefrierschränken, Radios, Fernsehern und anderer Elektronik. Wenn man einen bestimmten Typ haben wollte, brauchte man Beziehungen oder Glück.

In den 60er und 70er Jahren wurde für DDR-Erzeugnisse im Fernsehen geworben (ttt - tausend Teletipps), auch ein Versandhaus mit Katalogen existierte. Aus Warenmangel wurden beide Einrichtungen in den 80ern abgeschafft.

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2005, 17:03 Uhr