Erfahrungsbericht "Bitte warten, Sie werden plaziert!"

Hotels und Gaststätten in der DDR

von Horst Zimmermann

Am liebsten aßen und tranken wir in kleinen Landgaststätten (Konsum, LPG oder privat). Leider wurden es immer weniger. Hotelrestaurants und Bars konnte man meist nur mit Voranmeldung betreten. Sie waren voll besetzt. Unsere bevorzugten Restaurants bzw. Bars waren unter anderem der Chemnitzer Hof, die "Mazurka" in Dresden, das Hotel Stadt Schwerin und der Palast der Republik in Berlin.

Machte man einen Ausflug ins Grüne oder in eine Stadt und bekam Hunger, musste man Zeit mitbringen. Ein bis zwei Stunden Wartezeit vor der Gaststätte waren normal. Am Eingang wurde der Gast mit einem Schild begrüßt: "Bitte warten, Sie werden plaziert!" Hier musste man stehen, auch wenn die Gaststätte nur halb besetzt war.

Meine Geduld war dann oft am Ende und wir suchten eine Imbissbude. Solche gab es in einigen Ausflugs- und Stadtzentren. Hier konnte man nach nur 10 bis 20 Minuten Wartezeit eine Bock-, Curry- oder Bratwurst erstehen und aus Pappbechern wässrige Limonade oder Bier trinken. Damit war dieses Angebot meist erschöpft.

Eine Episode war charakteristisch für die gehobene Gastronomie in der DDR: Meine Frau Hannelore hatte zu Pfingsten 1974 ihren 32. Geburtstag. Wir wollten ihn im Hotel Neptun in Warnemünde feiern, wo es uns sehr gut gefiel. Zu diesem Hotel, in dem auch Zimmer für FDGB-Urlauber reserviert waren, gehörte eine Schwimmhalle und eine Dachgartenbar, deren Dach bei schönem Wetter geöffnet wurde.

1973 bestellte ich schriftlich ein Zimmer für eine Nacht und Karten für die Bar. Die Empfangschefin teilte mir mit, "dass in den Monaten Juni bis September Bestellungen nur von ausländischen Touristen und anderen Vertragspartnern realisiert werden." Mit anderen Worten, das Hotel war für den normalen DDR-Bürger verschlossen.

Darüber beschwerte ich mich bei der Bezirksleitung der SED Rostock, da ich dieses Vorgehen als politische Diskriminierung empfand. Meine Beschwerde wurde bearbeitet und in einer Parteiversammlung der Genossen des Hotels ausgewertet. Ich erhielt vom Hotel das gewünschte Zimmer und einen ausführlichen Brief des Direktors mit einer Entschuldigung. Grundsätzlich geändert hat meine Beschwerde jedoch nichts.

Diese Episode verdeutlicht an einem kleinen Beispiel die Allmacht der alleinführenden Partei. Jede übergeordnete Parteileitung hatte das Recht, sich in die Angelegenheiten aller Betriebe und Organisationen einzumischen und den Willen der Partei über die Grundorganisation der SED durchzusetzen. Allerdings kümmerte sich die Partei oft auch um die Sorgen der Bürger und um bürokratische Missstände. Weisungen der übergeordneten Parteileitungen waren unbedingt zu befolgen.

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2004, 14:18 Uhr