Erinnerungen Von einem geborgten Damenrad und der Fußball-WM '54

Frank Giesmann kommt 1944 in einem Dresdener Luftschutzkeller zur Welt. In seinen Erinnerungen beschreibt er eine unbeschwerte, fröhliche Kindheit in Weixdorf bei Dresden. Obwohl das Leben in den fünfziger Jahren für seine Familie mit großen Entbehrungen verbunden war, denkt Frank Giesmann heute noch gern an diese Zeit zurück.

Im Mai 1954 war Dresden Etappenziel bei der Friedensfahrt der Radfahrer. Mit Arndt Peschel war ich Zuschauer auf der Ostraallee. Wir staunten nicht schlecht, als Gösta Petterson auf einem Damenfahrrad daher kam. Eine Passantin hatte es dem schwedischen Fahrer geborgt, als seines zu Bruch ging. So war das damals - heute unvorstellbar!

Mit Arndt war ich auch zum Pressefest der SZ. Wir waren im Heinz-Steyer-Stadion. Zum Vorspiel traten Bäcker gegen Schornsteinfeger an. In Zunftkleidern liefen sie ein. Der Ball hatte eine weiße und eine schwarze Hälfte. Dann zogen sie sich aus und wir sahen ein schönes Spiel. Die Bäcker siegten 1:0. Danach spielte Rotation Dresden 1:1 gegen den SV Spandau. Das Stadion war brechend voll.

Dann kam dieser denkwürdige 4. Juli 1954. Es war ein warmer Sommertag. Ich war auf dem Hof, als das WM-Fußballfinale zwischen Deutschland und Ungarn angepfiffen wurde. Vati schaute plötzlich aus dem Fenster und rief mir zu: "1:0 für Ungarn!" Ich war so enttäuscht, dass ich unten auf dem Hof blieb. Da schaute er schon wieder heraus. Das 2:0 war gefallen. Mein Freund Arndt Peschel sagte nur, das war’s. Ich widmete mich nun ganz meinem 24er Fahrrad (Vorkriegsmodell Wanderer), das ich im Juni zu meinem zehnten Geburtstag bekommen hatte.

Da hörte ich Vaters Torschrei. Wir hatten durch Max Morlock den Anschlusstreffer erzielt! Nun packte es auch mich und ich ging nach oben. Wie haben Vater und ich geschrieen – als das 2:2 durch Helmut Rahn fiel. Dann kam die 84. Minute. Rahn schoss ein 3:2 für uns. Vater sah sich nicht mehr ähnlich. Er riss mich vom Stuhl, schrie Tor und schüttelte mich durch, so groß war die Begeisterung. Dann drückten wir nur noch die Daumen und das half: Wir waren Fußball-Weltmeister! Die Erwachsenen feierten, wir aber spielten Fußball. Jeder wollte Fritz Walter oder Helmut Rahn sein...