Erfahrungsbericht 204 Jahre warten auf einen Neuwagen

Autokauf und Autoservice in der DDR

von Horst Zimmermann

Anfang der 50er Jahre wurde im einstigen BMW-Werk in Eisenach der EMW als Dienstwagen gebaut. In Zwickau begann die Produktion des ehemaligen DKW als IFA F 8 und später F 9. Die geringe Stückzahl war meist Ärzten, Handwerkern und anderen bedeutenden Privatpersonen vorbehalten, die Masse der Leute hatte auch nicht das notwendige Geld zum Kauf eines solchen Autos.

Die Massenproduktion begann mit dem Nachfolger des F 8, der eine neuartige Plastkarosse erhielt. Er hieß nun P 70, ihn gab es sogar als Cabrio. Im Sachsenringwerk Zwickau begann der Bau des P 50, des ersten Baumusters des legendären Trabants. Er hatte einen Zweitaktmotor mit 500 Kubikzentimetern Hubraum. In den 60er Jahren wurde daraus der P 601 mit 600 Kubikzentimetern und 23 PS, von dem nahezu unverändert bis 1988 etwa 3 Millionen Stück gebaut wurden.

Aus dem IFA F 9 wurde der Wartburg, ein Drei-Zylinder-Zweitakter mit 1000 Kubikzentimetern und 45 PS. Zunächst hatte er eine stromlinienförmige Karosserie mit der charakteristischen "Haifischschnauze", später erhielt er eine Pontonkarosserie. Auch der Wartburg wurde bis 1988 nahezu unverändert gebaut. 1988 erhielten Wartburg und Trabant anstelle des Zweitaktmotors den in Lizenz produzierten Motor des VW-Polo.

Ende der 50er Jahre begann der Import sowjetischer Pkw, zunächst des Moskwitsch in mehreren fortschreitenden Modellen, später des in Lizenz von FIAT gebauten LADA. In geringen Stückzahlen wurde auch der größere WOLGA, vor allem als Dienstwagen und Taxi importiert, aus Polen kam der Polski-Fiat, aus Rumänien der Dacia, eine Lizenzproduktion des Renault 12.

Für Autos existierte ein Bestellsystem des staatlichen Autohandels IFA-Vertrieb. In den Jahren 1960 bis 1978 betrug die Wartezeit auf einen Pkw 5 bis 10 Jahre. Eine Änderung trat etwa 1978 ein, als die Sowjetunion ihre Pkw gegen Valuta auch im westlichen Ausland verkaufte und die Importzahlen drastisch zurückgingen, andererseits der Bedarf in der DDR weiter stieg. Auch ich war davon betroffen.

Ein geflügeltes Wort lautete, dass man an seinem Auto zweimal große Freude hat, einmal beim Kauf, das andere Mal beim Verkauf. Unser Moskwitsch war sehr reparaturaufwendig und rostete schon erheblich. So war ich froh, als ich ihn 1978 an einen Handwerker zu einem ordentlichen Preis verkaufen konnte. Ich hatte noch eine Kfz-Bestellung von 1970, für die ich in Schwerin mit einem LADA-Kombi dran war. Kurz nach dem Verkauf des Moskwitsch wurde mir mitgeteilt, dass vorläufig keine LADA und Moskwitsch mehr importiert werden. Nun hatte ich gar kein Auto.

Nach etwa einem halben Jahr und vielen Rückfragen bot mir der Schweriner IFA-Vertrieb eine einmalige Chance: Für meine 1970er Bestellung war ich zwar noch nicht mit einem Dacia dran. In Schwerin war aber eine Lieferung transportgeschädigter Dacia eingetroffen, die für mich in Frage kam. Gegen 300 Mark Preisminderung nahm ich einen Wagen, der nur ein paar kleine Lackschäden unter der hinteren Stoßstange und auf der Kühlerhaube aufwies. Bis zur Währungsunion leistete uns dieses Auto gute Dienste, war aber dann schon sehr unzuverlässig und verrostet.

Mitte der 80er Jahre bemühte ich mich um ein neues Auto für unsere 1972er Bestellung! 1989 war dann folgende Situation eingetreten: Es wurden ausgeliefert Wartburgs oder LADA’s für Bestelldatum Anfang 1972. Die Auslieferungsstückzahl im Jahr reichte gerade mal, die Bestellungen eines Monats zu befriedigen. Folglich betrug die Wartezeit für einen Neubesteller 1989 gleich 17 Jahre mal 12. Das waren 204 Jahre!

Trotzdem sah man auf den Straßen einige neue Fahrzeuge. Diese waren nicht über den regulären IFA-Vertrieb sondern über Sonderkontingente ausgeliefert worden. Meines Wissens nach verfügten Vorsitzende der Räte der Kreise und Bezirke und andere leitende Funktionäre über ein solches Kontingent. Auch Arbeiter, die jahrelang im Ausland an der "Trasse", dem Bau von Öl- und Gasleitungen, gearbeitet hatten, erhielten bevorzugt einen Pkw.

Sehr viele neue Pkw wurden jedoch durch GENEX gegen Westgeld und ohne Wartezeit ausgeliefert. In den 80-er Jahren floss einmal der "Golfstrom". 20.000 VW-Golf, die mit Lizenzmotoren bezahlt wurden, waren ein Tropfen auf den heißen Stein der ausgehungerten Auto-DDR. Diese Fahrzeuge kamen nicht in den öffentlichen Handel, sondern wurden über Betriebe verteilt.

Autohandel und Instandsetzung waren in der Regel getrennt. Reparaturen erfolgten durch volkseigene Betriebe zur Kraftfahrzeuginstandsetzung (KIB) und kleine private Werkstätten. Wie so vieles gehörten Auto-Ersatzteile zu den Mangelwaren. Da es aber auch nur sehr wenige neue Autos gab, wurden die vorhandenen so lange repariert, wie es irgend möglich war. Auto-Nummernschilder und Papiere von Total-Unfallschadwagen wurden teuer gehandelt, konnte man sich damit aus Ersatzteilen doch einen neuen Wagen aufbauen.

Aggregate wurden meist nicht ausgewechselt, sondern auseinander genommen, das defekte Teil mit großer Meisterschaft der Improvisation repariert und dann baute man alles wieder zusammen. Ich erinnere mich, dass am Moskwitsch unser Auspuff mit einer Konservendosen-Blechmanschette wieder für einige tausend Kilometer flott gemacht wurde.

Im Kofferraum führte der umsichtige Autofahrer immer einige wichtige Ersatzteile mit. In unserem Moskwitsch führten wir beispielsweise ein Gurkenglas mit, da es für den zerbrochenen Ausgleichsbehälter keinen Ersatz gab.

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2005, 16:56 Uhr