Lexikon Gespräch mit Frau Held, ehem. Zeltplatzleiter-Gattin

Isolde Held ist die Frau eines ehemaligen Zeltplatzleiters aus Pegau bei Leipzig.

MDR: Frau Held, stellen Sie sich vor, wir haben jetzt August 1979. Ich möchte ein paar Wochen auf Ihren Zeltplatz "Lindenmühle" verbringen. Was kostet mich der Spaß?

Held: Hängt davon ab, ob Sie allein kommen oder mit Kind und Kegel.

Sagen wir mit Kind und Kegel und zwar den ganzen Sommer!

Dann kommen Sie auf 40 Mark pro Erwachsener, 20 Mark pro Kind und 10 Mark für das Auto. Dazu kommen noch mal 10 oder 15 Mark Stromgeld, je nachdem, ob Sie einen Kühlschrank haben, oder nicht. Also 125 Mark für eine kleine Familie. Damit sind die Kosten für die gesamte Saison gedeckt, vom 1. Mai bis zum 30. September.

Nicht schlecht. Was erwartet mich bei Ihnen in Malitsch?

Ein schöner und sauberer Zeltplatz. Mein Mann hat in seiner Zeit als Zeltplatzwart von 1978 bis 1989 zweimal ganz vorne im Bezirkswettbewerb gelegen. Einmal ein erster und einmal ein zweiter Platz. Jedes Jahr gab es Auszeichnungen, weil alles so schön in Schuss war. Zu seinem 70. Geburtstag wurde er vom Rat der Stadt sogar als "Aktivist" ausgezeichnet.

Er hatte den Platz gut im Griff?

Kann man sagen. Ich will ihn in dieser Beziehung nicht loben, aber ich glaube, er war vorrangig mit dem Zeltplatz verheiratet, dann kam ich (lacht). Er kannte jeden Halm und die Camper sowieso. Da war mal einer, der hatte fünf Kinder, und die waren wie die Raben. Die mussten dann natürlich gehen. Aber sonst war die Atmosphäre sehr harmonisch.

Harmonisch, weil es still war, oder wurde bei Ihnen auch mal auf die Pauke gehauen?

Klar. Es gab einen Grillplatz, da konnte jeder, der wollte, grillen. Außerdem gehörte das Waldbad mit der Gaststätte zum Zeltplatz. Dort fanden die Strandfeste, Kinoveranstaltungen und vor allem der Tanz statt. Mindestens drei bis vier Mal pro Saison. Das war so vorgeschrieben.

Die Tanzabende waren vorgeschrieben?

Ja. Vom Rat der Stadt. Hing alles mit den kulturellen Aufgaben zusammen und dem Wettbewerb. Aber das hat keinen groß gestört. Es gab viele kollektive Sachen, zum Beispiel den Frühjahrsputz. Wir haben den Zeltplatz gemeinsam gesäubert und dabei "Auf die Bäume, ihr Affen" gesungen. Da haben alle mitgemacht. Als Belohnung gab's was zu trinken und eine Bockwurst, mehr nicht.

Klingt nach großer Familie ...

... nicht unbedingt. Aber wir hatten 141 Stellplätze, die hauptsächlich von Dauercampern genutzt werden. Meistens Leipziger, hier und da auch jemand aus Halle oder Dessau. Da bleibt es nicht aus, dass man sich näher kennen lernte. Da zog dann jeder einfach mit! Aber ganz von selbst. Ein Beispiel: Am Anfang waren die sanitären Verhältnisse nicht so optimal. Da wurden die Toiletten und die Wasseranlage in Eigeninitiative erneuert. Gleiches galt für den Strom.

Sind die Gedanken noch oft auf dem Zeltplatz?

Nachdem mein Mann gestorben ist, habe ich unseren Bauwagen, den wir damals von der Geophysik gekauft hatten, entsorgen lassen. Wir haben bis 1996 noch regelmäßig jeden Sommer dort gewohnt, obwohl es längst einen neuen Pächter gab. Heute ist vieles anders. Dennoch schlägt mein Herz weiterhin für den Platz. Ich war gerade wieder acht Tage dort.

(Erstveröffentlichung 1999)