Lexikon Wissenschaft

Elektronik | Raumfahrt | Robotron | Technik

Wissenschaft und Technik im Verständnis des DDR-Sozialismus, das waren mehr als nur Instrumente des Fortschritts. Die Anwesenheit von Wissenschaft und Technik schien im Sprach- und vermutlich auch Denkgebrauch der Parteiideologen Fortschritt selber zu bedeuten.

1978 griff die DDR-Wissenschaft zu den Sternen: Sigmund Jähn aus Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland wurde als erster Deutscher in den Weltraum geschossen. Die Sympathie war dem NVA-Offizier sicher. Der wissenschaftliche Wert des Flugs trat hinter dem propagandistischen zurück. Das Flugticket kostete 82 Millionen DDR-Mark, denn so teuer war die Entwicklung der MKF 6 Multispektralkamera für die sowjetischen Raumschiffe.

Elektronik und Elektrotechnik waren Lieblingskinder der DDR-Führung, mit der sie den "Wettlauf mit der Zeit" gewinnen wollte. So beschloss das ZK der SED 1977 den millionenschweren Ausbau dieses Bereichs. Das Kombinat Mikroelektronik in Erfurt entstand. Robotron in Dresden wurde mit 70.000 Beschäftigten, darunter eine Tochter Erich Honeckers, zum größten Kombinat des Landes. Andererseits konnten zahlreiche wissenschaftliche Spitzenleistungen nicht umgesetzt werden, weil es an finanzieller und materieller Ausstattung fehlte.

Den Einstieg in das elektronische Zeitalter hatte die DDR längst verschlafen. Niemand wollte es zugeben, weshalb die Statistik einmal mehr bemüht wurde, die bittere Realität zu verschleiern. Überall mussten die Roboter gezählt werden: 1980 zählte man 160 Roboter, 1981 bereits 13.000 und 1988 sogar schon 91.902. Eingeweihten gaben die Sprünge Rätsel auf. Die Warnung machte die Runde, sich nicht zu heftig zu bewegen, sonst würde man als Roboter erfasst. Über die ehrgeizige Entwicklung eines Super-Chips, mit dem man es dem Westen mal so richtig zeigen wollte, starb die DDR hinweg.

"Wissenschaft und Technik - Schlüssel zum Erfolg"

Das bekannteste Technik-Programm der DDR-Geschichte war das seit Ende der 70er Jahre gestartete Mikroelektronik- und Industrieroboter-Programm. Der Fünfjahresplan 1976-1980 gab hierzu die Vorgaben. In den folgenden Jahren – es war die Zeit der weltweiten elektronischen Revolution der 80er Jahre - ging in die Propaganda-Statistiken der DDR-Wirtschaftspolitik jede auch noch so einfache, elektronisch oder auch nur elektrisch arbeitende Maschine als "Roboter" ein.

Westliche Standards nicht erreicht

Stolz wurden die Erfolge gefeiert, wenn auch jedem kritischen Beobachter klar war, dass es trotz größter Anstrengungen besonders finanzieller Art weder gelang, westliche Qualitäts- und Leistungsstandards zu erreichen, noch mit der sich in den kapitalistischen Ländern rasant vollziehenden quantitativen Verbreitung von elektronisch gestützten Produktionsverfahren Schritt zu halten. Trotzdem blieb sich die DDR eigene Propaganda bis zum Ende treu:

Die materiell-technische Basis der Volkswirtschaft wird ständig vervollkommnet, gestärkt und modernisiert. Das ist unlösbar verbunden mit der Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. (...) Die Modernisierung der Ausrüstung erweist sich als maßgeblicher Faktor für die Steigerung der Arbeitsproduktivität. In der Industrie arbeiten heute 53 Prozent aller Maschinen und Anlagen voll- oder teilautomatisiert.

- (40 Jahre DDR, Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel, Mai 1989)

Auch auf dem Weltmarkt wollte die DDR mit elektronischen Produkten vertreten sein. Der "1-Megabit-Speicherschaltkreis" sollte der Einstieg sein. In der heißen Phase des – schließlich doch verlorenen - Kampfes um seine Serienfertigung wurde der Chip zu einer Chiffre für die Zukunft der DDR selbst. Und das nicht nur aus Gründen der Propaganda – auf der krampfhaften, von der kapitalschwachen staatlichen Industrie der DDR nicht zu leistenden technologischen Aufholjagd, manifestierte sich auf fast tragische Weise die Einsicht der DDR-Wirtschaftsführung in die Notwendigkeiten: Erneuerung der Produktionsbasis, Anschluss an den technischen Stand der kapitalistischen Wirtschaft.

Mikroelektronik, moderne Rechentechnik und rechnergestützte Konstruktion, Projektierung und Steuerung der Produktion bestimmen mehr und mehr das Leistungsvermögen einer Volkswirtschaft. In enger Wechselwirkung damit breiten sich andere Schlüsseltechnologien aus wie flexible automatische Fertigungssysteme, neue Bearbeitungsverfahren und Werkstoffe ...

- (Aus der Rede Erich Honeckers auf dem XI. Parteitag der SED 1986)

Devisenmangel und Planwirtschaft

Die Lage war also erkannt, die Maßnahmen waren vernünftig. Wie auch bei anderen Modernisierungsversuchen zuvor, blieben die Anstrengungen allerdings auf das einzelne Objekt beschränkt. Um den "1-Megabit-Speicherschaltkreis" serienmäßig und mit Gewinn produzieren zu können, hätte es nicht nur eines groß angelegten Forschungsvorhabens und staatlicher Appelle bedurft. Der DDR fehlten die nötigen Devisen für Maschinen und Technologie, zusätzlich verhinderte das Technologie-Embargo der westlichen Welt gegenüber den Staaten des Warschauer Paktes offene technologisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit.

Prestige-Programme ohne volkswirtschaftlichen Nutzen

Letzten Endes entscheidend aber war, dass die starre, zentralistische Planwirtschaft sich auch in dieser Frage als unfähig erwies, rasche (internationale) Entwicklungen nachzuvollziehen und für die eigenen Betriebe und Institute die Voraussetzungen zu schaffen, die ein Arbeiten nach den Kriterien der Rationalität und des Gewinns ermöglicht hätten. Neue Produktionsmethoden und Technologien entpuppten sich oft als zu teuer – und so wurde auch die eigene Chip-Herstellung schließlich eingestellt. Auf dem Weltmarkt waren die DDR-Chips nicht abzusetzen, sie waren "zu alt" und erheblich zu teuer. Der Elektronik-Feldzug war zu einem teuren Prestige-Programm ohne volkswirtschaftlichen Nutzen geworden.

Die DDR hinkte im internationalen Vergleich der Industrieländer der Technologieentwicklung stets um Jahre hinterher. Das hatte Folgen für die gesamte Wirtschaft und nicht zuletzt auf den Alltag der Menschen, wie von offizieller Seite gelegentlich selbstkritisch – wenn auch schönfärberisch - eingestanden werden musste:

Eine nüchterne Bilanz ergab aber auch, dass nur etwa zehn Prozent der technisch-wissenschaftlichen Ergebnisse der DDR den internationalen Höchststand mitbestimmten.

- (Heinz Heitzer, DDR. Geschichtlicher Überblick, Berlin/Ost 1984. Hier bezogen auf die späten 70er Jahre.)

Made in GDR - teuer und veraltet

"Durch Wissenschaft und Technik sichern wir Weltmarktfähigkeit", war auf so mancher Tafel in den Straßen der DDR zu lesen. Die Realität aber sah anders aus: Die im Vergleich oft mangelhafte Qualität der Produkte – die besonders auf veraltete Anlagen und Produktionsverfahren zurückzuführen war - ließ die Absatzchancen von Produkten "Made in GDR" auf dem Weltmarkt sinken, fehlende Deviseneinnahmen machten wiederum Investitionen und ausreichende Rohstoffeinfuhr unmöglich.

Die veralteten Produktionsanlagen machten den Einsatz überdurchschnittlich vieler Arbeitskräfte erforderlich - bis zu ihrem Ende litt die DDR unter Arbeitskräftemangel. Die gemessen an der Produktion hohe Beschäftigtenzahl drückte die Arbeitsproduktivität und die Gewinne der Betriebe. Die DDR-Wirtschaft bewegte sich in einem Teufelskreis, aus dem zu entkommen nur durch radikale wirtschaftliche und vor allem politische Reformen möglich gewesen wäre. Dazu aber war die politische Führung nicht in der Lage.

Sich anbahnender wirtschaftlicher Zusammenbruch

Die DDR-spezifische Form der sozialistischen Wirtschaft war nur in den weitgehend von der Außenwelt abgeschirmten Labor-Verhältnissen des "Mauerstaates" möglich, zudem nur unter erheblichen Einschränkungen für alle Bürger. Und auch das nicht auf Dauer. Das Ende der DDR war unter anderem der sich immer weiter zuspitzenden wirtschaftlichen Misere geschuldet. Der fast vollständige Zusammenbruch der Wirtschaft nach der Öffnung der Grenzen zum Westen 1989/90 machte schließlich die über Jahrzehnte unterbliebenen technologischen Modernisierungen offenbar.

Technikbegeisterung wider Willen?

Die Bürger der DDR – durch die schlechte Versorgungslage, fehlende Ersatzteile und Reparaturdienstleistungen an den selbständigen Umgang mit der Technik gewöhnt – wurden zu "Technikbegeisterten wider Willen". Die Reparatur des eigenen Fahrzeugs, die wiederholten lebensverlängernden Maßnahmen an elektrischen Geräten wie Plattenspielern und Kassettenrecordern, das alles machte den Durchschnitt der DDR-Bürger im Vergleich zu den durch das Überangebot technischer Waren verwöhnten Bundesdeutschen zum versierten Heimwerker.

Zudem mag allein schon die Tatsache, dass die Technik-Produkte westlicher Herkunft nur schwer zu bekommen waren, eine gewisse Begeisterung für die neuesten technischen Entwicklungen ausgelöst haben. Auch ein Teil der "staatlichen Technikbegeisterung" war aus dem Mangel geboren, wenngleich auch andere Faktoren eine Rolle spielten. Zum einen war der wissenschaftlich-technische Fortschritt in einem System, das prinzipiell jeden Lebensbereich zu politisieren anstrebte, ein Teil der Politik und damit der politischen Propaganda. Und das auch im Wettbewerb der Systeme.

Zum anderen waren die Errungenschaften der DDR eigenen Wissenschaft tatsächlich für das Überleben der Wirtschaft notwendig. Steigerungen in der Produktion, Verbesserungen der Energienutzung und Innovationen auf dem (ebenfalls vom Mangel beherrschten) Rohstoffsektor waren nur auf dem Wege technischer Erneuerung zu erreichen. Nicht von ungefähr wurde wissenschaftlich-technischer Fortschritt vehement beschworen.

Überlegenheit des Sozialismus

Zum Dritten aber spielte auch die Weltanschauung der DDR-Führung eine Rolle, die aus dem 19. Jahrhundert gekommen war und sich bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein fest behauptete: der technikgläubige Positivismus Marxscher Prägung. An ihm gingen die in den 1970er und 1980er Jahren aufkommenden fortschrittskritischen Tendenzen in der öffentlichen Meinung besonders des Westens fast spurlos vorüber. Die Überlegenheit des Sozialismus beweisen, das sollte nicht nur auf dem Gebiet der Sozialpolitik gelten, wie unter Erich Honecker ab 1971 betont wurde, sondern auch für Wissenschaft und Technik. Seit dem Weltraumflug des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn an Bord einer sowjetischen Raumkapsel kam kein Bildband mehr ohne sein Foto aus.

Ein Bürger der DDR, ein Arbeitersohn und Kommunist war damit der erste Deutsche, der in den Kosmos flog. Bei diesem Unternehmen bewährten sich auch in der DDR entwickelte hochwertige Geräte, wie die Multispektralkamera MKF 6 aus dem VEB Carl Zeiss Jena.

- (Heinz Heitzer, DDR. Geschichtlicher Überblick, Berlin/Ost 1984)

In der weltanschaulichen Ausschlachtung solcher wissenschaftlicher Leistungen unterschied sich die DDR keineswegs von den Staaten der westlichen Welt. Vergleichbar sind manche Prestigeobjekte wissenschaftlich-technischer Art, deren prägnantestes Beispiel die US-amerikanische Reaktion auf das sowjetische Kosmos-Programm war: die Milliarden verschlingende Apollo-11-Mission von 1969. Durch die realen Gegebenheiten, das natürlich auch in der Bevölkerung bekannte unterdurchschnittliche technische Niveau der DDR-Wirtschaft, wirkte das frenetische Feiern der eigenen "Siege" durch DDR-Medien und Politiker jedoch nicht selten absurd, ja lächerlich.

Den Wettlauf mit der Zeit verloren

Der DDR mangelte es weder an renommierten wissenschaftlichen Einrichtungen, an Akademien und Instituten, noch an erfinderischen und risikobereiten Ingenieuren und Technikern. Auch boten einige Betriebe tatsächlich Spitzenleistungen von Weltniveau, wie die optische Industrie im VEB Carl Zeiss Jena. Eine Chance, die Leistungen der "Werktätigen" und Techniker in gesellschaftlich nutzbare Erfolge umzumünzen, bot die ideologiebefrachtete Wirtschaftspolitik der DDR jedoch zu selten.

Wissenschaftlich-technischer Fortschritt "In der DDR vollzieht sich der wissenschaftlich-technische Fortschritt auf der Grundlage und als Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderungen unter Führung der Partei der Arbeiterklasse als planmäßiger Prozess im Interesse der weiteren Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Werktätigen." (Meyers Lexikon, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1976)

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2010, 13:26 Uhr