Lexikon Gespräch mit Katrin Müller, ehem. Wohnungsverwalterin

Katrin Müller arbeitete als Wohnungsverwalterin im VEB Gebäudewirtschaft Leipzig (GWL).

MDR: Frau Müller, wie würden Sie das Aufgabengebiet einer Wohnungsverwalterin umreißen?

Katrin Müller: Unser Ziel, so seltsam es aus heutiger Sicht vielleicht klingen mag, war neben der Mieterbetreuung die Instandhaltung und Instandsetzung von Wohnraum ...

... wieso klingt das seltsam?

Nun, wie jeder weiß, waren am Ende der achtziger Jahre ganze Straßenzüge vom Verfall gezeichnet. Insbesondere in Leipzig, das über eine hohen Prozentsatz an Altbausubstanz verfügte. Doch dieser Umstand hatte viele Ursachen, die weniger bei den Wohnungswirtschaftsunternehmen zu suchen sind.

Sondern wo?

Wie gesagt, an vielen Stellen. Ich kann Ihnen unsere Struktur einmal schildern: Innerhalb der GWL gab es verschiedene Betriebsteile, denen wiederum die Wohnungsverwaltungen unterstellt waren. Zu den Betriebsteilen gehörten dann so genannte Bauhöfe, die eigene Gewerke wie Elektriker, Klempner oder Maler besaßen, eben alles. Man betreute dann gemäß einem Schlüssel bestimmte Stadtteile. Wenn jetzt ein Auftrag kam, dann dauerte es meistens ewig. Selbst das primitivste Toilettenbecken erforderte Geduld, weil, wie es bei den Handwerkern hieß, "keine Kapazitäten" frei waren. Dazu kam das Problem mit dem Material.

... ohne das natürlich nicht saniert werden konnte. Aber gab es nicht auch andere Engpässe, beispielsweise bei den Fachkräften?

Das stimmt. Besonders im Rahmen des Bauprogramms zur 750-Jahrfeier Berlins wurden systematisch Maurer, Zimmerleute und Handwerker aus allen Städten der Republik abgezogen. Dennoch würde ich den Schwerpunkt auf das fehlende Material setzen. Ein Fenster zu bekommen war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Gleiches gilt auch für die Bautechnik. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie schnell der Bau heute mit modernem Gerät von statten geht. Das gab es bei uns einfach nicht, was alles ungeheuer verzögerte.

Stichwort Eigeninitiative. Ist es nach Ihrer Erfahrung richtig, dass immer dann, wenn von kommunaler oder staatlicher Seite wenig zu erwarten war, die Leute selbst Hand anlegten?

Ja. So schleppend die Dinge oft auch liefen, nach Feierabend ging es. Ich würde das Eine jedoch nicht gegen das Andere setzen. Beides, also öffentliche Voraussetzungen und persönliches Engagement der Menschen, gingen Hand in Hand. Da gab es beispielsweise die Reparaturstützpunkte, kurz RSP genannt. Dort konnten die Handwerker nach Dienstende eine bestimmte Zahl von Stunden ableisten, und das bei verhältnismäßig guter Entlohnung. Auch die Mieter wurden aktiv. Das nannte sich dann VMI ...

... "Volkswirtschaftliche Masseninitiative"?

Exakt. Die Wohnungen wurden ja in einem Zustand übergeben, wie der letzte Mieter sie hinterlassen hatte. Und wenn ihnen ihre roten Fensterrahmen oder blauen Türen, wie das bei Studenten oft der Fall war, nicht passten, dann mussten sie das halt ändern. Für jede Leistung gab es eine genau festgeschriebene Vergütung. Der Mieter bekam dann 50 Prozent ausbezahlt, was nicht schlecht war. So konnte er kleine Veränderungen nach seinem Geschmack vornehmen und bekam dafür Geld.

Und das Material dafür musste man sich auch besorgen?

Sie konnten in einen Laden gehen und bekamen gegen eine Quittung dann die Auslagen von uns zurückerstattet. Oder sie gingen in einen MSP, also einen Materialstützpunkt. In den MSP gab es Farben und Geräte kostenlos. Bei größeren Geschichten konnten die Mieter Aufträge an Privatfirmen erteilen, die sie dann vorfinanzierten, letztlich von uns aber ebenfalls zurückerstattet bekamen. Das lag auch an der PB 66.

Wer oder was ist die PB 66?

Die Preisbasis des Jahres 1966. Darin war festgelegt worden, dass Privatanfragen nach Material und Dienstleistungen finanziell günstiger waren, als wenn wir sie gestellt hätten. Das Prinzip der Eigeninitiative unter staatlicher Vormundschaft war, wie in jedem Bereich des Lebens der DDR, allgegenwärtig. Die Bedingungen machten erfinderisch, das Improvisationstalent der DDR-Bürger war enorm. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit ein System, das uns heute vielleicht nicht mehr verständlich erscheint, das aber funktionierte und deshalb angenommen wurde. Eines muss zur Ehrenrettung der GWL dennoch erwähnt werden: Es lief nicht alles auf Privatbasis. Wir haben Aufträge natürlich auch ausgeführt. Manchmal schneller, manchmal weniger schnell.

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2004, 22:29 Uhr