Lexikon Interview mit Evelyne Marwitz, Kindergärtnerin

Der Kindergarten gehörte in der DDR ganz selbstverständlich zum Alltag. Doch die meisten Kindergärten standen unter staatlicher Trägerschaft, kirchliche Einrichtungen waren eher die Ausnahme. Evelyne Marwitz arbeitete seit Mitte der 1970er Jahre als Erzieherin im Kindergarten der evangelischen Kreuzgemeinde in Magdeburg.

MDR: Wie kamen Sie in einen kirchlichen Kindergarten?

Marwitz: Eigentlich mehr zufällig. Ursprünglich war ich Schaltanlagenmonteur in einem Magdeburger Großbetrieb. Nach der Geburt meines Sohnes war ich zweieinhalb Jahre zu Hause. Da bot sich die Möglichkeit, in dem kirchlichen Kindergarten anzufangen. Die Atmosphäre dort sagte mir zu und ich beschloss einen beruflichen Neuanfang, den ich bis heute nicht bereut habe.

Haben Sie dafür eine weitere Ausbildung absolviert?

Ja, natürlich. Allerdings erfolgte die in kirchlichem Rahmen, was bis zur Wende ein Problem darstellte. Für staatliche Kindergärten galt diese Qualifikation nicht. Wie meine Kolleginnen erhielt ich die Anerkennung dafür erst nach der Vereinigung.

Wo lag denn der größte Unterschied zwischen den Kindergärten des Staates und denen der Kirche?

Zuerst natürlich in der religiösen Ausrichtung. Wir sprachen mit den Kindern über biblische Themen, bei der Spielzeugauswahl blieben Panzer und Pistolen vor der Tür. Ich glaube, das war vielen Eltern wichtig.

Also waren es hauptsächlich Christen, die ihren Nachwuchs zu Ihnen brachten?

Keinesfalls, wir standen allen offen. Selbst SED-Mitglieder und Polizisten kamen mit ihren Kindern zu uns. Oft konnten wir gar nicht alle aufnehmen, der Zuspruch war sehr groß.

Dabei war der Besuch der staatlichen Kindergärten kostenlos?

Ja, bei uns war es wesentlich teurer. Zwar mussten die Eltern fürs Essen der Kinder wie überall nur 35 Pfennig am Tag bezahlen, aber die Betreuung kostete extra, lag im Durchschnitt bei etwa 40 Mark pro Monat. Die Summe war von Kirchgemeinde zu Kirchgemeinde unterschiedlich und wurde auch sozial gestaffelt.

Griff der Staat denn nicht in Ihr Erziehungskonzept ein?

Eigentlich nicht. Wir wurden in Ruhe gelassen, man akzeptierte uns, warum auch immer.

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2004, 19:14 Uhr