Lexikon Feiern

Feiertag | Demonstrationen | Jugendweihe | Heiligabend | Weihnachten | Ehrentag

In der DDR wurde gern, häufig und vor allem feuchtfröhlich gefeiert. In keinem anderen Bereich wurde die Parteiparole, von der Sowjetunion zu lernen, so freimütig und mit solch hohem persönlichem Einsatz befolgt. 1970 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier bei 95,7 Litern, 1955 waren es noch 68,5 Liter. An Spirituosen wurden im gleichen Jahr pro Kopf 6,6 Liter hinter die Binde gekippt (1955 waren es 4,4 Liter). Bei alkoholfreien Getränken verspürten DDR-Bürger nicht ganz so viel Durst.

Ehrentage, Betriebs- und Brigadefeiern

Für die richtigen Anlässe war in der DDR reichlich gesorgt worden. Der Kalender strotzte nur so vor Ehrentagen der Werktätigen. Keine Berufsgruppe schien leer ausgegangen zu sein. Am beliebtesten war der Lehrertag. Dann schleppten die Schülerinnen und Schüler, vor allem der Unterstufe, Blumensträuße in die Klassenzimmer. Ein lohnender Aufwand, denn der Tag war gelaufen. Es gab keine Leistungskontrollen, manchmal fiel sogar eine Unterrichtsstunde aus. An solchen Ehrentagen regnete es Aktivistennadeln. Und es bot sich Gelegenheit zu einer Betriebs- oder Brigadefeier. Die Prämie für die Aktivisten bildete dabei oft den Grundstock für das feuchtfröhliche Treiben mit Kollegen und Kolleginnen. Die Liste der Ehrentage war lang. Da gab es den Tag des Metallarbeiters, den der NVA, der Eisenbahner, des Bergmanns, des Chemiearbeiters, der Beschäftigten der Leichtindustrie, der Mitarbeiter des Handels, der Mitarbeiter des Gesundheitswesens, der Beschäftigten der Hochseereederei und Fischerei - und der Stasi.

1. Mai: Freibier auf der Demo

Die alljährliche Demonstration zum "Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen" war aus Sicht der SED die wichtigste Gelegenheit des Volkes, sich mit "Winkelementen" bei den führenden Genossen auf den Tribünen in den Städten und Gemeinden wofür auch immer zu bedanken. Und damit auch jeder wusste, wie man sich korrekt zu seinem sozialistischen Vaterland bekannte, druckten die SED-Zeitungen Ende März die offiziellen Losungen ab. Sie wurden auf Transparente übertragen, die später keiner tragen wollte. Es gab Großbetriebe, die tief in die Tasche griffen, damit die Kollegen am 1. Mai durch die Straßen demonstrierten: Es gab Freibier, Bockwurst und hier und da auch mal einen Zehnmarkschein aus der Gewerkschaftskasse. Doch es half nichts, vor allem mit Beginn der 80er Jahre wurden die Demonstrationszüge zusehends kürzer.

Dem 1. Mai am ähnlichsten gestaltete sich der Jahrestag der Republikgründung, an dem die Partei- und Staatsführung in erster Linie sich selber feierte, besonders, wenn es sich um einen der "runden Geburtstage" der DDR handelte. Sowohl zum 1. Mai als auch zum 7. Oktober schüttete die Führung Orden und Auszeichnungen aus – über fleißige Werktätige als auch Funktionäre, die gerade einen runden Geburtstag gefeiert hatten. Dazu der Volksmund:

Mit Orden ist es wie mit Bomben. Sie fallen ins Hinterland und treffen die Unschuldigen.

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Jugendweihe und Co.: Es wird aufgetafelt

Auch für Familienfeiern gab es nicht wenige Anlässe. Allerdings ging es bei Hochzeiten, Geburtstagen und Einschulungen zu, wie in anderen Ländern auch. Eine Besonderheit der DDR war die 1955 wiederbelebte Jugendweihe. Anders aber als in den 20er Jahren wurde sie in der DDR vom Staat vereinnahmt. Und diese nun staatliche Jugendweihe wurde bewusst zum Instrument, Konfirmation und Kommunion zurückzudrängen.

Die Jugendweihe bekam einen besonderen Stellenwert. Im ersten Jahr nahmen 52.322 Mädchen und Jungen teil. Später schnellten die Zahlen nach oben, wurden die kirchlichen Jugendfeiern tatsächlich an den Rand gedrängt. Sanfter und weniger sanfter Druck sorgten dafür. Ohne Jugendweihe keine EOS, ohne Abitur kein Studium, galt das ungeschriebene aber eherne Gesetz für Heranwachsende. Die Jugendlichen gelobten dem Sozialismus und der DDR die Treue.

Ein Schwur ohne Wert. Den Jungen und Mädchen, die an diesem Tag in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden, waren die Geschenke wichtiger als angebliche Werte des Sozialismus. Doch nicht nur die Gaben wurden von Jahr zu Jahr immer wertvoller, auch die Dimensionen der Familienfeiern näherten sich mittleren Dorfhochzeiten. Ähnliches ließe sich über Einschulungen in den späten DDR-Jahren sagen.

Kirchenfeste: Weihnachtsabend statt Heiligabend

Der Heiligabend hatte im offiziellen Sprachgebrauch einen wertneutraleren Namen bekommen: Weihnachtsabend.

Seinen Reiz und seinen Wert für die Familie büßte der Heiligabend durch seine Umbenennung nicht ein. Weihnachten war das besinnlichste Familienfest - auch in der sozialistischen DDR. Am Abend trafen sich Kinder, Eltern und Großeltern unterm Weihnachtsbaum, sangen weihnachtliche Lieder und verbrachten gemeinsam gemütliche Stunden.

Mitunter trieb es am Heiligabend auch manchen Genossen in die Kirche zum Gottesdienst. Weihnachten zugunsten der Arbeitstage zu reduzieren, wagte der Staat nicht. Von den hohen kirchlichen Festen blieb auch Pfingsten unangetastet. Das war mit dem Osterfest anders. Dort wurde der freie Festmontag kurzerhand gestrichen, als im August 1967 die Fünf-Tage-Arbeitswoche eingeführt wurde. Auch dem Himmelfahrtstag, naturgemäß bei Männern besonders beliebt, erging es, staatlichem Willen gemäß, nicht anders. Doch die Vatis ließen sich ihren Tag nicht verderben und nahmen künftig Urlaub.

Blick ins DDR-Lexikon: Gesetzliche Feiertage Weltliche oder religiöse Festtage, für die gesetzliche Arbeitsruhe festgelegt. Seit Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche sind in der DDR Feiertage: 1. Januar, Karfreitag, Ostersonntag, 1. Mai, Pfingstsonntag, Pfingstmontag, 7. Oktober, 25. und 26. Dezember. Für an Feiertagen ausfallende Arbeitszeit erhält der Werktätige einen Ausgleich in Höhe des Tariflohnes. (Quelle: MEYERS UNIVERSAL-LEXIKON, Band 1, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1980, S. 698)

Blick ins DDR-Lexikon: Aktivist Werktätiger, der bei der Erfüllung des Planes außerordentliche Leistungen im sozialistischen Wettbewerb vollbringt, beispielgebend bei der Entwicklung, Anwendung und optimalen Nutzung von Wissenschaft und Technik, der Verbesserung der Arbeitsorganisation, der Durchsetzung neuer Arbeitsmethoden wirkt und dafür mit dem Staatstitel Aktivist der sozialistischen Arbeit geehrt wird. (Quelle: MEYERS UNIVERSAL-LEXIKON, Band 1, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1980, S. 56)