Lexikon Gespräch mit P. Matzke, Ex-Jugendklub-Programmdirektor

Peter Matzke war langjähriger Programmdirektor des Jugendklubs Moritzbastei in Leipzig.

MDR: Welche Rolle haben Jugend- bzw. Studentenklubs im Leben von Jugendlichen in der DDR gespielt?

Peter Matzke: Im Großen und Ganzen spielten diese Jugendklubs eine ähnliche Rolle wie heute. Noch heute spricht man von einem Klub oder einer Diskothek, die der durchschnittliche Jugendliche vor allem am Wochenende besucht. Und genau das taten die Jugendlichen in der DDR auch. Meiner Meinung nach spielten die Jugendklubs damals sogar eine größere Rolle, die Jugendlichen gingen auch unter der Woche öfter aus, während sie das heute hauptsächlich am Samstag tun.

Gab es denn neben den Tanzveranstaltungen weitere Angebote in den Jugend- und Studentenklubs der DDR?

Es gab in nahezu allen Jugendklubs über die Tanzveranstaltungen hinaus ein relativ breit gefächertes Angebot. Die Leiter der Klubs wurden gezielt dazu angehalten. Speziell in der Moritzbastei war von Beginn an, also ab 1979, ein breites Angebot das Ziel. Das ist uns auch gelungen und im Großen und Ganzen hat es sich vom heutigen Programm kaum unterschieden. Die Bandbreite unserer Veranstaltungen reicht noch heute von Lesungen, Theaterinszenierungen bis hin zu Filmen und Live-Konzerten von Jazz bis Rock. Die Partys und Diskos spielten dabei immer eine zentrale Rolle. Damals war das Amüsierbedürfnis genauso groß wie heute. Heute kommt diesen Veranstaltungen außerdem die besondere Rolle zu, die anderen Angebote finanzieren zu müssen.

Vor der Wende wurden Jugend- und Studentenklubs offiziell von der FDJ geleitet. Nutzte die FDJ ihren Einfluss auf das Angebot, mussten Veranstaltungen im Vorfeld angemeldet werden?

Das ist in der Tat eine diffizile Frage. In der DDR war formell und auf dem Papier vieles geregelt, doch in der Realität sah es oft ganz anders aus. Irgendwie musste man sich mit den bestehenden Verordnungen arrangieren. Zum Beispiel musste man sehr genau wissen, an wen man sich am besten wendet. Es gab durchaus Unterschiede zwischen der Organisation FDJ einerseits und dem einzelnen FDJ-Funktionär andererseits. Da konnte man natürlich an solche und solche geraten.

Die Wortangebote und unser gesamtes Programm mussten immer eingereicht werden und wurden von der FDJ-Kreisleitung offiziell abgenickt. In vielen Fällen verlief diese Absegnung aber sehr mechanisch, sodass wir unsere Sachen dann doch weit gehend autonom regeln konnten. Bei manchen Veranstaltungen wurden die "Gutachter" dann aber doch sehr hellhörig. So mussten wir bei einem geplanten Literarischen Kabarett 1987 oder 1988 auch Texte einreichen. Letztendlich wurde die Veranstaltung verboten.

Es gab also tatsächlich eine gewisse Kontrolle. Wurde denn auch die Bestimmung kontrolliert, dass das Verhältnis von Ost- zu Westmusik 60 zu 40 Prozent sein musste?

Kontrollen gab es, glaube ich, schon, doch zumindest waren offizielle Kontrollen selten. Es gab damals ein sehr großes Klubaktiv, und da gab es auch Leute, die "angezapft" worden sind. Wir haben das mitgekriegt, da offizielle Stellen bei Auseinandersetzungen ganz offensichtliche Einblicke in Interna hatten, Informationen, die sie eigentlich gar nicht hätten haben können. Es muss da also jemanden gegeben haben, der die Behörden unterrichtet hat, und insofern wurden auch wir kontrolliert. Das war wohl in den meisten Klubs die gängige Praxis.

Diese 60 zu 40-Prozent-Regelung war ein klassischer Papierparagraph. In den 70er Jahren, als in der DDR Diskotheken aufkamen und diese Verordnung eingeführt wurde, gab es wohl tatsächlich ein paar Kontrollen, aber von der Moritzbastei ist mir kein solcher Fall bekannt. Möglicherweise haben damals die Greise im Politbüro geglaubt, dass diese Verordnung wirklich durchzusetzen ist, aber schon die Leute von der FDJ-Kreisleitungsebene wussten genau, dass die 60 zu 40-Prozent-Regelung nicht durchzusetzen ist. Denen war auch klar, dass kein Mensch mehr in die Disko kommt, wenn da nur die Puhdys laufen. Diese Regelung wurde im Prinzip nie eingehalten, und wir wurden dafür auch nie gemaßregelt.

Gab es damals für die DJs bzw. die Diskotheker irgendwelche Bestimmungen oder konnte jeder problemlos mal auflegen? Wie schwierig war es, an Platten ranzukommen?

Offiziell mussten sich Diskotheker damals bei einer Kommission bewerben, und bekamen dann, genauso wie Musiker, einen Erlaubnisschein. Diese "Einstufung" berechtigte die Person dazu, eine Disko zu betreiben und Platten aufzulegen. Es war auch festgelegt wie viel Gage die Person verlangen durfte. Um diesen Schein zu bekommen, musste man bis in die 80er Jahre hinein eine Art Prüfung ablegen. Man musste dabei vor irgendwelchen offiziellen Kulturheinis eine halbe Stunde lang auflegen. In dieser halben Stunde haben sich selbstverständlich alle an die 60 zu 40%-Regelung gehalten. Natürlich gab es aber auch, ebenso wie heute, ganz viele Leute, die ihre Diskos einfach so betrieben haben und nicht im Besitz der offiziellen Erlaubnis waren.

Natürlich musste ein DJ sein Handwerk verstehen – und vor allem musste er Tonträger haben. Damals wurde auch in Diskos hauptsächlich mit Kassetten aufgelegt, die DJs hingen nächtelang am Radio und nahmen die Lieder auf. Oder man musste die vorhandenen Beziehungen nutzen, um an die Originalplatten ranzukommen.

Waren die Leiter und Mitarbeiter der Jugend- und Studentenklubs vor der Wende fest angestellt oder wurde hauptsächlich ehrenamtliche Arbeit geleistet?

Es gab in allen Klubs fest angestellte Mitarbeiter. Hier in der Moritzbastei waren es ungefähr zwölf bis 15 Leute. Ehrenamtlich waren Tätigkeiten an Abendveranstaltungen, zum Beispiel die Arbeit hinter der Theke. Eben die Bereiche, für die wir heute Studenten bezahlen. Ich war Leiter der Ordnungstruppe, die damals ebenfalls noch aus Studenten bestand. Man brauchte noch keine professionellen Rausschmeißer an der Tür.

Wir mussten unsere Leute auch nicht händeringend suchen, vielmehr wurde uns die Bude eingerannt, wir konnten uns die Leute aussuchen. Die unbezahlten Jobs waren heiß begehrt, es hat Spaß gemacht, war ein Erlebnis. Außerdem fiel für die Mitarbeiter der Eintritt weg. Vor der Wende war es sehr viel schwieriger, in die Moritzbastei reinzukommen. Aufgrund feuerrechtlicher Bestimmungen durften wird nur sehr viel weniger Leute als heute reinlassen.

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2005, 16:43 Uhr