Lexikon des Alltags Kirche in der DDR

Christen | Religion

Kennzeichnend für die Rolle der Kirchen war der elementare Zwiespalt, als Institution weitgehend an den Rand einer insgesamt eher säkularisierten, d.h. "entkirchlichten" Gesellschaft gedrängt zu sein, während andererseits ihre Gebäude in allen Städten und Dörfern zentral lagen. Wer die Kirchen betrat, betrat eine fremde Welt, in der die Allmacht des Staates endete.

1989 hatte der Bund evangelischer Kirchen in der DDR 5,1 Mio. Mitglieder. Das entsprach entsprach ca. 30 Prozent der Gesamtbevölkerung und bedeutete genüber 1950 einen enorme Rückgang. Damals bezeichneten sich noch 80,4 Prozent der Einwohner der DDR als evangelische Christen. Die evangelischen Landeskirchen umfassten 7.385 Gemeinden mit 4.704 Pfarrstellen, von denen 684 (14,5%) vakant waren. Somit entfielen auf einen Geistlichen durchschnittlich 1.300 Gemeindemitglieder.

Gekennzeichnet war die Entwicklung seit Mitte der 80er Jahre durch eine stetig abnehmende Zahl an Taufen, kirchlichen Eheschließungen, Konfirmationen und Bestattungen, während die Gottesdienste nach Schätzungen von 1981 und 1986 von ca. 1,8 Mio. Gläubigen besucht wurden. Nachteilig für die Kirche wirkte sich aus, dass lediglich die reichliche Hälfte der Mitglieder die ohnehin niedrige Kirchensteuer entrichtete. Da sie nicht der Staat erhob, war sie faktisch eine freiwillige Spende, die bestenfalls höflich angemahnt wurde, um nicht weitere Austritte zu provozieren.

Die katholische Kirche verfügte nur im Eichsfeld, in der Oberlausitz und in einigen größeren Städten über einen traditionellen Anhang, der 6,1 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Sie umfasste 834 Pfarr- und Seelsorgestellen. Die katholische Kirche befand sich zwischen Atheisten und Protestanten in einer Art doppelter Diaspora und spielte anders als in Polen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen kaum eine Rolle, wenngleich ihre Gemeinden mehr inneren Zusammenhalt gegenüber dem staatlich betriebenen Säkularisierungsdruck bewiesen.

Einbeziehung der Kirchen in den Aufbau des Sozialismus

In der Kirchenpolitik der SED sollten die Christen entsprechend den sowjetischen Erfahrungen keinesfalls offen verfolgt, sondern in den antifaschistisch-demokratischen Neuaufbau einbezogen werden, weshalb auch der kirchliche Landbesitz bestehen blieb. Außerdem verfügten die Protestanten über konfessionelle Schulen, eine eigene Nachrichtenagentur, fünf Wochenblätter mit einer Gesamtauflage von 157.000 Exemplaren und zwei Verlage (Evangelische Verlagsanstalt in Berlin und Evangelische Hauptbibelgesellschaft in Altenburg). So konnte man in christlichen Buchhandlungen der DDR die Bibel sowie theologische und kirchengeschichtliche Literatur erwerben, was in anderen kommunistischen Staaten keineswegs selbstverständlich war.

"Urchristliche Gemeinde im Innern kommunistisch“

Der Konflikt zwischen Christentum und Sozialismus wurde auch von kirchlicher Seite immer wieder versucht zu überwinden, indem selbst Theologieprofessoren wie Emil Fuchs oder Hanfried Müller von der Kanzel verkündeten, dass die urchristliche Gemeinde in ihrem innersten Wesen kommunistisch gewesen sei, weil sie das Eigentum abgelehnt habe, dass der Sozialismus von allen Gesellschaftsordnungen der Bergpredigt am nächsten komme und dass im Kampf um den Weltfrieden Christen und Marxisten an einem Strang ziehen müssten. Es waren Versuche, sich irgendwie mit dem sozialistischen Staat zu arrangieren, um die permanenten Repressionen einzudämmen.

Kirche mit unterschiedlichsten Funktionen

Als "Kirche im Sozialismus" geduldet, soweit es um Seelsorge ging, brauchbar in karitativer und diakonischer Arbeit (betrieb 130 Heime und über 50, das staatliche Gesundheitswesen entlastende Krankenhäuser) diente sie auch als nützliches liberales Feigenblatt. Die Formulierung "Kirche im Sozialismus" geht auf die Entschließung der Eisenacher Bundessynode von 1971 zurück: "Eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft von Kirchen in der DDR wird ihren Ort genau zu bedenken haben: In dieser so geprägten Gesellschaft, nicht neben ihr, nicht gegen sie. Denn sie ist durch ihren Auftrag allein an den gebunden, der als der menschgewordene Gott zur Rettung seiner Kreatur zu uns kam. ... Wir wollen nicht Kirche neben, nicht gegen, sondern Kirche im Sozialismus sein."

Aus diesem Anspruch ergaben sich für die Kirche in der folgenden Zeit mehrere konfliktbeladene Interpretationsmuster: Die einen sahen darin eine Loyalitätsbekundung und eine Kapitulation vor dem Herrschaftsanspruch des Staates. Andere interpretierten diese Aussagen als Absage an die Unterordnung unter den SED-Staat, als Weigerung, Kirche für den Sozialismus zu sein. Wieder andere verstanden sie als Aufforderung, nicht abseits zu stehen bei den Bemühungen um einen menschlichen und demokratischen Sozialismus. Und wieder andere interpretierten sie als reine geographische Ortsbestimmung, das heißt, die Kirche geht von der Existenz des Staates DDR und ihrer Gesellschaftsordnung aus und richtet sich darauf ein, unter diesen Bedingungen die Botschaft des Evangeliums zu verkünden.

DDR-Gegenöffentlichkeit in den Kirchen

Innerhalb der Kirche formierte sich im Laufe der Zeit eine recht starke Gegenöffentlichkeit in Form von Künstlerauftritten und Diskussionen, wodurch ihre Häuser oftmals brechend voll waren. Andererseits entstanden aber auch Konflikte, denen man jedoch versuchte, aus dem Weg zu gehen, wie beispielsweise bei Biermanns erstem öffentlichem Konzert 1976 nach elf Jahren Auftrittsverbot im September 1976 in der Nikolaikirche zu Prenzlau. er selbst schrieb darüber: "Eine riesige schöne alte Kirche ohne Kirchturm... und gerammelt voll mit jungen Leuten... Das Ganze lief als Gottesdienst. Auf diese Weise ersparten sich die Kirchenleute die polizeiliche Anmeldepflicht und brauchten für meinen Auftritt nicht um eine Genehmigung nachzusuchen."

Gleichzeitig baute sich eine neue Koalition junger Christen und nachdenklicher Marxisten auf, so dass Biermann von einer Kirche sprach, die "... eine christlich-kommunistische Kritik an unseren Verhältnissen übt und so eine Position einnimmt, die wirklich fortschrittlich und aufbauend ist." In einem "Brief an seine Mutter" (kurz darauf in den westdeutschen Medien veröffentlicht und vom SFB gesendet) fügte er hinzu: "Ich weiß nicht, ob meine Genossen im ZK, Abteilung Kirchenfragen, entzückt über eine solche rote Kirche wären." Trotzdem konnte auch die "Kirche im Sozialismus" die vielfältigen Benachteiligungen, die sich vor allem in Zugangsverweigerungen zu den Erweiterten Oberschulen oder Studienplätzen ausdrückten, christlicher Jugendlicher in den Schulen und Universitäten nicht verhindern.

1978: Einige Grundsätze und Erleichterungen vereinbart

Eine Entkrampfung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche trat nach dem Spitzengespräch am 6.3.1978 zwischen Honecker und dem Vorstand des Kirchenbundes ein, in dem einige Grundsätze geregelt und Erleichterungen für die Kirchen geschaffen wurden. Dies betraf die Altersversorgung von Pfarrern, Pachtzahlungen für von LPG genutztes kirchliches Ackerland, Erleichterung für konfessionelle Kindergärten und die Möglichkeit, monatlich jeweils eine Stunde Sendezeit in Hörfunk und Fernsehen zu beanspruchen. Wenngleich dies sicherlich kein "Sieg" der Kirche darstellte, so erkannte der Staat die Kirche immerhin öffentlich als eine Art gleichberechtigten Partner an.

Die Kirchen untergruben allein durch ihre Existenz das ideologische Wahrheitsmonopol der SED, forderten die Staatsmacht heraus und wurden damit - ob sie es wollten oder nicht – zu einer Art offenen Fensters in der geschlossenen Gesellschaft der DDR.. Die Tradition Martin Luthers (freie Gewissensentscheidung) lebte zumindest in einer Minderheit der Protestanten im Streben nach geistiger Unabhängigkeit, ethischen Prinzipien und Zivilcourage weiter. Seit Ende der siebziger Jahre formierten sich im Schutzraum der Kirchen Frieden-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, die zur Keimzelle der Opposition wurden. So war zwar der Aufbruch 1989 sicher keine protestantische Revolution, aber sie wäre ohne die evangelische Kirche in dieser Form kaum denkbar gewesen.

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2009, 13:56 Uhr