Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz
Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz Bildrechte: IMAGO

Erziehung à la DDR Wie aus Chemnitz "Karl-Marx-Stadt" wurde

Am 10. Mai 1953 wurde die Stadt Chemnitz auf Beschluss der DDR-Regierung in "Karl-Marx-Stadt" umbenannt. Begründung: Karl Marx sei der größte Sohn des deutschen Volkes.

Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz
Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz Bildrechte: IMAGO

Am 1. Januar 1953 erklärte das Zentralkomitee der SED das neue Jahr zum Karl-Marx-Jahr. Anlässlich seines 135. Geburtstages plante man, den Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus mit einer Reihe von Maßnahmen zu ehren. Gleichzeitig wurde den "Spielarten des Sozialdemokratismus" der Kampf angesagt: "Die Hauptaufgabe im Karl-Marx-Jahr besteht darin, dem deutschen Volke die Augen zu öffnen über die welthistorische Bedeutung dieses größten Sohnes der deutschen Nation und die werktätigen Massen im Geiste des unversöhnlichen Kampfes für die sozialistische Gesellschaftsordnung zu erziehen."

Umbenennungen als Erziehungsmaßnahmen

Im Laufe des Jahres konkretisierten sich die "Erziehungsmaßnahmen". Die Umbenennung der Universität Leipzig, das Aufstellen von Karl-Marx-Büsten in Berlin und Jena und nicht zuletzt eine Sonderserie von Briefmarken sollten "dem deutschen Volke die Augen öffnen." Den dauerhaftesten Eindruck des Karl-Marx-Jahres hinterließ der 10. Mai 1953. An diesem Sonntag wurden Stadt und Bezirk Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt.

Dabei war die sächsische Arbeiterstadt allenfalls die dritte Wahl. Ursprünglich war Eisenhüttenstadt dafür vorgesehen, ab 1953 den Namen des großen Theoretikers zu tragen. Doch der Tod des "Vaters aller Werktätigen" im März des Jahres ließ dieses Vorhaben platzen: Aus der ersten sozialistischen Stadt wurde kurzerhand Stalinstadt.

Leipzig außen vor

Das in der Wunschliste des Zentralkomitees folgende Leipzig blieb durch seine lange Messetradition und die vorgesehene Rolle als Tor zur Welt vor einer Umbenennung verschont, obwohl man auch mutmaßte, dass Walter Ulbricht persönlich den Plan zu Fall brachte, um später selbst Namenspatron seines Geburtsortes zu werden. So mussten sich nun die Chemnitzer Bürger, die erst Ende April von ihrer Ehre erfuhren, des Namens Karl-Marx-Stadt für würdig erweisen.

Ministerpräsident Otto Grotewohl feierte mit 180.000 Werktätigen auf dem Stalinplatz die Umbenennung. Der Festakt wurde einmal mehr zum Anlass genommen, die Verbundenheit von SED-Regierung und Bevölkerung zu demonstrieren.

Der "Nischel"

Von Lew Kerbel geschaffenes Karl Marx Denkmal, 1971
Das Karl-Marx-Denkmal, der "Nischel", zum Zeitpunkt seiner Einweihung Bildrechte: IMAGO

Am 9. Oktober 1971 erhielt die Stadt eine monströse Porträtbüste ihres Namenspatrons. Die Sachsen tauften das gewaltige Prophetenhaupt respektlos "Nischel". Während die Stadt bereits am 1. Juni 1990 auf Wunsch der Bürger den Namen Chemnitz zurückerhielt, blieb der "Nischel" am alten Orte stehen und ist inzwischen zur Touristenattraktion geworden.

Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE im: TV | 08.05.2018 | 21:15 Uhr

(zuerst veröffentlicht am 09.02.2005)

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 10:23 Uhr