Erinnerungen eines Jugendweihe-Teilnehmers "Jugendweihe - gleichbedeutend mit Kassettenrecorder"

Martin Seffner, geboren am 27.1.1967 in Leipzig, erinnert sich an seine Jugendweihe im Frühjahr 1981: "Das Schönste waren die Geschenke."

MDR: Was fällt Ihnen spontan zum Thema Jugendweihe ein?

Martin Seffner: Für mich und für die meisten meiner Kumpel war "Jugendweihe" gleichbedeutend mit "Kassettenrecorder".

Wie das?

Alle wollten einen Recorder haben, der früher nicht gerade billig war. Zur Jugendweihe gab es zum ersten Mal ausreichend Geld. Klar, dass das meistens dafür draufging.

Dann war die eigentliche Bedeutung der Jugendweihe, also die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, eher nebensächlich?

Genau. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, es ist mehr von der Party abends und den Geschenken hängen geblieben ist, als von der Feierstunde.

Wie lief die ab?

Wir mussten eine Stunde früher da sein. Dann wurde der Ablauf noch mal geprobt, also das Betreten der Bühne und ordentliche Hinstellen. Jeder schaute in den Spiegel, ob die Sachen, die er für teures Geld aus dem Intershop oder dem Exquisit bekommen hatte, auch richtig saßen. Na ja, und dann wurde das Gelöbnis gesprochen.

Wie ging's dann weiter?

Wir sind zum Mittag in den "Schwarzen Schlips" gegangen.

"Schwarzer Schlips"?

Eine Gaststätte am Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Die hieß im Volksmund so, weil dort gewöhnlich Trauergesellschaften vom Südfriedhof hinkamen. Es war schön, alle Verwandten und Freunde an diesem Tag zu sehen. Ich durfte auch mal "öffentlich" Wein trinken. Außerdem gab es noch einen anderen guten Aspekt an der Jugendweihe: Man konnte die Lehrer prima vorführen, weil sie uns ab diesem Tag mit "Sie" in der Schule ansprechen mussten. Es war schon eine Genugtuung, Ihnen zu gestatten, weiterhin beim "Du" zu bleiben! Aber eigentlich ging es hauptsächlich um die Geschenke.

Hat's denn bei Ihnen wenigstens geklappt mit dem Recorder?

Es war knapp, aber ich habe die 1.200 Mark für den Sternrecorder zusammenbekommen. Eine Woche später stand das Ding in meinem Zimmer. Ein Wahnsinn, wenn man heute darüber nachdenkt. Und dann noch mono. Was man allerdings nicht einkalkuliert hatte, waren die Kassetten, und die kosteten im Schnitt auch 20 Mark!

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2005, 13:45 Uhr