Wendegedanken Über die "Not" der DDR-Bürger

Als am 23. Dezember 1989 alle zum Brandenburger Tor gefahren sind, habe ich ganz pragmatisch den ganzen Tag im Garten eine Art Vorfrühjahrsbestellung gemacht. Am 27. Dezember musste ich im Keller 15 Paar Schuhe putzen. Gute Gelegenheit, im Radio, Berichte, Reportagen und Kommentare über die wütenden, begeisterten, glücklichen, aber immer noch Not leidenden DDR-Bürger zu hören.

Dabei habe ich mir meine Gedanken gemacht über mich und uns und die Wiedervereinigung und die möchte ich jetzt von mir geben. Als chronischer Egoist habe ich erst einmal über meine persönliche Not nachgedacht und mich erst einmal selbst so richtig bemitleidet.

Schon das Weihnachtsfest war eine Zumutung. Zwei Karpfen und zwei Enten musste meine Vierköpfige Familie über Weihnachten erledigen. Meine Frau hat etwa fünf Kilo Weihnachtsgebäck gebacken (alles ohne Westzutaten), aber etwa acht Sorten mit vorzüglichem Geschmack.

Als einziges SED/PDS-Mitglied in der Runde habe ich einen richtigen diktatorischen Staatsparteiführungsstil entwickelt und meine fünf ständigen Partner, wie immer in den letzten 25 Jahren, am Ersten Weihnachtsfeiertag ihren Familien entrissen und sie zum Frühschoppen gezwungen. Dabei haben mehrere Runden Magenbitter, drei Flaschen Sekt und 30 Biere (Herrengedeck) unser tristes Dasein etwas lebenswerter gemacht.

Meinem Sohn habe ich das große Olympia-Buch 1988 und meiner Frau das große Koch- und Backbuch geschenkt. Beides für normale DDR-Bürger, auch für normale SED-Mitglieder, fast nicht zu haben. Aber die Frau eines Freundes arbeitet in einer Buchhandlung.

Die Silvesterkarten – Stückpreis 44 Mark, Gedeck 37 Mark (1988 noch 28 Mark) – habe ich wieder ohne Privilegien bekommen. Diesmal hatte die Frau eines anderen Freundes Beziehungen zum Gaststättenleiter (keine körperlichen). Das Gemüse auf dem Gedeck bestand nur aus heimischen Rohstoffen, Bohnen, Möhren, Erbsen, da hätte ein Bundesbürger wahrscheinlich die Nase gerümpft.

Mit Schrecken dachte ich damals im Dezember an den Januar. Da stand mir Furchtbares bevor. Die Familiendisziplin zwang mich an einem groß angelegten 60. Geburtstag teilzunehmen. Dann hatte ich selbst meinen 53. Mindestens zweimal musste ich zum Dessauer Karneval (unsere Tanzgirls sind besser als die aus Köln oder Mainz.)

Dann haben wir schnell noch eine Danke-Schön-Feuerzangenbowle für unsere am Ersten Weihnachtsfeiertag kochenden Ehefrauen organisiert. Die wollten nämlich mit dem Schild – "Wir sind die Ehefrauen" – vor unserer Kneipe demonstrieren. Und da wir noch lernfähiger sind als das alte Politbüro, haben wir mit der Feuerzangenbowle das Schlimmste verhindert.

Und nun muss ich hungern, hungern und nochmals hungern. Nicht, weil wir schon polnische Verhältnisse haben. Die erwarte ich erst Ende des Jahres, sondern weil ich zu fett geworden bin.

Als stinkarmer DDR-Bürger habe ich ein Auto, zwei Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, zwei Tiefkühlschränke (wegen der unsicheren Versorgungslage), alles mit einer geschickten Einkaufsstrategie irgendwann und irgendwo bekommen. Da in meiner Familie, alle zwischen 18 und 80 Jahre, ständig für ein Auto angemeldet sind, bekomme ich alle 8 Jahre ein Auto, obwohl die Anmeldefristen 16 Jahre betragen.

Den Tiefkühlschrank habe ich aus Berlin geholt, den Farbfernseher in Dresden. In Berlin bin ich durch Zufall dazu gekommen. Man muss ja wenigstens einmal im Leben Glück haben. In Dresden hatte die Enkelin unserer 80-jährigen Nachbarin ihre Hand im Spiel, weil wir der Oma immer mal behilflich sind. Bei der neuen Couch ist meiner Frau zugute gekommen, dass im Gespräch mit dem Verkäufer herauskam, dass sie und die Frau des Verkäufers vor 28 Jahren gemeinsam in der Frauenklinik entbunden haben.

Beim zweiten Tiefkühlschrank sind wir zirka 30-mal in die Verkaufstelle gelaufen und haben natürlich der Verkäuferin etwas zugesteckt. Das ist natürlich ein furchtbarer Stress. Deshalb wäre es besser in Panama, Chile, Rumänien, Armenien oder Vietnam zu leben, da hat man diese Probleme nicht. Außerdem wäre man von der BRD weit genug weg und bräuchte nicht immer neidisch über den Zaun zu sehen.

Ich glaube, wir sind die wohlhabendsten Unzufriedenen, die reichsten Bettler der Welt und damit berechtigt, in das Guiness-Buch der Rekorde zu kommen.

Auch ich bin hier und da unzufrieden. Ich hätte zum Beispiel gern einmal Mariacron-Weinbrand getrunken. Ich ärgere mich deshalb, dass ich nicht auch auf die Idee gekommen bin, in einer BRD-Zeitung eine Annonce aufzugeben, etwa mit dem Text: "DDR-Bürger, 40 Jahre lang zum Trinken von DDR-Fusel verurteilt, wünscht sich als kostenloses Geschenk eine Flasche Mariacron-Weinbrand, um seine neue Freiheit begießen zu können", oder so ähnlich.

Das soll bei mitleidigen BRD-Bürgern unheimlich wirken. Einer hat um einen kostenlosen gebrauchten Farbfernseher per Annonce gebettelt und soll 37 erhalten haben. Die hat er für 3.500 Mark das Stück verkauft und hat ... (ich habe keinen Taschenrechner, rechnen sie selbst nach) ... verdient.

Weiter mit dem Mitleid. Da ich nach 1945 noch für 40 Pfennig die Stunde und eine "Bemme mit Stalinfett" (so hieß ein Brotaufstrich) aus Zwiebeln, Öl, Mehl und ein bisschen Schweinefett beim Bauern Rüben verzogen habe, kann ich den Ärger der heute 20 bis 30-Jährigen so richtig verstehen, die feststellen, dass sie 40 Jahre betrogen worden sind. Sie werfen uns Älteren berechtigterweise vor, dass wir es nicht geschafft haben, die DDR in ein Schlaraffenland zu verwandeln, wo die gebratenen Tauben herumfliegen.

Der Versuch "E.H.'s", ihnen mit Baby-Jahr, unkontrolliertem Schwangerschaftsabbruch, Jugendtourismus und Pfingsttreffen Würfelzucker hochkant in den Hintern zu drücken, hat ihnen nur denselben verletzt, worüber sie berechtigt unzufrieden sind.

Wie gut haben es da unsere Rentner. Ihre Rentenhöhe schützt sie davor, hinter so genannten Luxusartikeln hinterherzulaufen. Ihnen reichen ja die subventionierten Grundnahrungsmittel Brot, Butter, Milch und Bratwurst. Damit können sie friedlich in den Tag hinein leben und brauchen nicht mehr nach den Westen abzuhauen. Es sei denn, Söhne und Enkel schleifen sie mit nach der BRD, um das Begrüßungsgeld zu kassieren.

Das habe ich natürlich auch in Empfang genommen. In einer Filiale der Deutschen Bank in Westberlin, ohne anzustehen, wofür mich alle beneiden (für das Nichtanstehen).

Beneiden kann man auch den Mann, der errechnet hat, dass uns die BRD wegen nicht vorgenommener Reparationszahlungen 73 Milliarden schuldet (D-Mark natürlich). Diese Idee könnte auch von mir sein. Wenn die zur materiellen Gewalt wird, weil sie die Massen ergreift (das ist von Lenin), dann haben wir ausgesorgt. Ich frage mich, warum demonstrieren die in Leipzig immer um den heißen Brei herum? Warum rufen sie nicht "Wir wollen Westgeld" und sonst nichts. Für mich wäre das der einzige Grund mitzudemonstrieren.
Gerade am 23. Dezember konnte ich mein tiefes Mitgefühl mit den "Münchenfahrern" nicht unterdrücken. Da sind sie nun in überfüllten Zügen, die Kleinkinder im Gepäcknetz, bis zu 12 Stunden unterwegs gewesen. Innerlich waren sie schon darauf vorbereitet, nochmals drei Stunden nach 40 D-Mark von Bayern und 50 D-Mark der Stadt München anzustehen. Dabei aber schon in der Vorfreude nochmals 90 D-Mark zu haben und dann heben die Stadtväter von München ihren humanen Beschluss durch einen weisen Beschluss wieder auf. Die 50 D-Mark sind futsch - furchtbar. Nun mussten sie sich die Frauen-Kirche ansehen, damit sich die Fahrt verlohnt hat.

Wenn ich mir überlege, wie schwer es die Künstler, Handwerker und Ärzte in der alten DDR gehabt haben, kommen mir richtig die Tränen. Nur ganz wenige haben es geschafft eine Million Mark zu - nennen wir es einmal - erwirtschaften. Die meisten haben nur Konten zwischen 100.000 und 500.000 Mark. Ihre 10-Zimmer-Häuschen unterscheiden sich deutlich von Wandlitz, weil sie nur DDR-Terrazzo verwenden konnten, während dort italienischer Marmor eingesetzt wurde.

Die Söhne müssen sich für 80.000 Mark einen gebrauchten Golf auf dem Schwarzen Markt kaufen, bis jetzt wenigstens. Wenn die D-Mark-Spritzen für das Handwerk kommen, kann das anders werden.

Ihre 300.000-Mark-Datschen mussten sie an irgendeinem verseuchten DDR-See errichten und konnten nicht zum Genfer- oder Chiemsee ausweichen. Sie werden wissen warum, wegen der Mauer.

Ich könnte deshalb Bäckermeister X verstehen, wenn er in sein Schaufenster das Schild stellen sollte: "Brötchenverkauf nicht an SED-Mitglieder". Dabei haben gerade beim Bäckermeister X immer meine SED-Mitglied-Privilegien versagt. Ich musste 15 bis 30 Minuten in der Schlange anstehen, während für die Friseuse, den Frauenarzt, Autoschlosser, Klempner, die Schneiderin und was weiß ich, für wen noch alles, die vorab gepackten Brötchen über die Schlange gereicht wurden. Und das waren wahrscheinlich alles Mitglieder alter und neuer Oppositionsparteien.

Beim Fleischer habe ich dagegen weniger Probleme, denn eine Verkäuferin ist unsere Gartennachbarin. Auch Dachdecker, Fliesenleger und Klempner stehen mir gelegentlich zur Verfügung, weil ich mit vielen LDPD-, NDPD-, GDU- und parteilosen Handwerksmeistern friedliche Koexistenz zu beiderseitigem Vorteil pflege.

Ich muss aber hier eine Lanze für die Ärzte brechen, denn einem verdanke ich eine wundersame Heilung. Auch mich hatte die Managerkrankheit erwischt. Die ist systemübergreifend und trifft nicht nur Kapitalisten. Ich bekam also Herzanfälle und natürlich Angst. Deshalb bin ich zum Psychiater gegangen, privat natürlich, denn über die Sozialversicherung muss man mindestens ein dreiviertel Jahr warten. Ich habe dann meine 30 Mark bezahlt und er hat sein Schreibtischschubfach aufgezogen und die 30 Mark hinein geschmissen. Das Schreibtischschubfach war bis obenhin mit 100-, 50-, 20- und 10-Mark-Scheinen voll. Der Schock hat mich geheilt bis heute.

Der Arzt ist schon lange im Westen. Er ist wohl noch ausgeschleust worden. Ich wünsche ihm, dass er sein Schreibtischschubfach jetzt mit D-Mark bis obenhin voll hat, denn die Gesundheit ist das höchste Gut das man hat, neben der Westmark.