Wendegedanken Über die neue Hymne, die Wahl und die Rechten

Gedanken mache ich mir auch über die künftige Nationalhymne. "Einigkeit und Recht und Freiheit" brauchen wir dann nicht mehr herbei zu singen, die haben wir ja dann alle. "Auferstanden aus Ruinen", die alte DDR-Hymne brauchen wir dann wahrscheinlich zunächst auch nicht wieder zu singen. "Freude schöner Götterfunken" wird den meisten Deutschen zu pazifistisch sein.

Ich würde deshalb beim Deutschlandlied bleiben, um aber die Nachbarn nicht zu sehr zu erschrecken zunächst die 2. Strophe wählen: "Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein (dafür "Fleiß" einsetzen) und deutscher Sang (dafür "Mann" einsetzen) sollen in der Welt erhalten ihren alten guten Klang."

Das reißt auch die härtesten Stammtischbiertrinker von den Sesseln, das geht aufs Gemüt, das trifft ins Herz. Damit wir aber nicht zu weich werden, könnte man "deutsch" mit "t" schreiben, also "teutsch". Vor allem aber könnte man sich von den vielen Ausländern abgrenzen. Wir von den Polen, Vietnamesen und Kubanern, die Westdeutschen von den Türken, Jugoslawen und Italienern. Die Ausländer werden hoffentlich unser gemeinsames, diplomatisches, zart angedeutetes "Ausländer raus" heraushören.

Obwohl die Sowjetunion und Frankreich hinsichtlich der Einheit auf dem Rückzug sind, gibt es doch ein Land in der Welt, von dem eine akute Gefahr für die Einheit zwischen BRD und DDR ausgeht. Es sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Bekanntlich wollen sich die Scheichs in Europa einkaufen, weil sie das Regenwetter im Sommer in Mitteleuropa so lieben. Wenn die uns die Vereinigung mit ihnen anbieten und dafür jedem DDR-Bürger eine Apanage von sagen wir 300 Dollar pro Monat für die nächsten 50 Jahre anbieten, seid ihr in der BRD raus aus dem Geschäft, dann vereinigen wir uns mit denen ohne jedes "Wenn und Aber". Allerdings müssen sie uns unsere DDR-Droge lassen, obwohl sie Mohammedaner sind, den Alkohol.

Die erste freie Wahl wird eine Wahl der Qual. Wenn man ein Leben lang nur Einheitsbrei zum Essen bekommen hat und nun auf der Speisekarte gleich unter 20 Gerichten auswählen kann, schlägt das ganz schön auf den Appetit. Manche sind dann vorher schon satt.

ARD, ZDF und auch die anderen Sender der BRD haben ja schon richtig Wahlkampf mit uns geübt. Ich dachte manchmal, Karl Eduard von Schnitzler hat jetzt schon einen Beratervertrag bei verschiedenen Sendern. Andere meinen, viel zu viel Kommunisten, wie zum Beispiel die Journalistin Frau D. vom DDR-Fernsehen, kommen im Westfernsehen zu Wort.

Nun geht auch bei uns der Wahlkampf richtig los. Alle sind für alles was alle wollen. Für Ökologie und Ökonomie und soziale Sicherheit und soziale Marktwirtschaft und keine Arbeitslosigkeit und so weiter und so fort. Vor allem für viel Geld, nach Möglichkeit aus dem Westen. Da das nur über die Einheit zu bekommen ist, sind natürlich alle für die Einheit.

Als historisch interessierter Mensch hat mich immer interessiert, wie es im deutschen Reichstag zwischen 1918 und 1933 zugegangen ist. Das werde ich ja nun demnächst bei den Volkskammersitzungen nachvollziehen können. Ich glaube bestimmt, dass die Übertragungen aus der Volkskammer, die des Bundestages bei weitem übertreffen werden (an Spannung) und möglicherweise sogar "Denver-Clan" und "Die Guldenburgs" in der Zuschauerresonanz in den Schatten stellen.

Der "Runde Tisch" ist ja schon ein Vorgeschmack darauf. Ja, der runde Tisch. Den Vorsitz dort können tatsächlich nur Pastoren übernehmen. Denen ist im Rahmen ihres Theologiestudiums Demut und Geduld regelrecht antrainiert worden. Das kommt ihnen am "Runden Tisch" zugute. Vorsitzende mit Nerven würden da ausflippen.


Weil wir über Pastoren am "Runden Tisch" sprechen, fällt mir noch ein Gleichnis ein (das weiß ich noch aus meinem Religionsunterricht): Da hat eine unfähige und korrupte Schiffsführung das Schiff DDR verrotten lassen und dann noch in ein Treibeisfeld gesteuert. Überall dringt das Wasser langsam aber ständig ein. Die Lenzpumpen versagen, die Antriebsmotoren sind nur noch bedingt leistungsfähig. Teile der Mannschaft und zahlreiche Passagiere verlassen das Schiff und retten sich auf einen in der Nähe liegenden Luxusliner. Ein kleiner Teil der Mannschaft hat gemeutert und die bisherige Schiffsführung abgesetzt und eingesperrt.

Ein einsamer Steuermann versucht das Schiff auf Kurs zu halten, aber auch darauf vorbereitet, die Rettungsleinen zum Luxusliner hinüberzuwerfen, damit der sein Schiff in den Schlepp nimmt. Da bildet sich eine runde Back mit dem Anspruch, den Steuermann zu kontrollieren, damit er nicht vom Kurs abkommt. Die Runde Back besteht aus dem Schlagzeuger der Bordkapelle, einem weiblichen Friseurlehrling, dem Bordpfarrer, dem Schiffsbibliothekar und einem Oberkellner.

Und die haben Forderungen: Die Blumen in den Salons sollen aus Stein- in Holztöpfe umgetopft werden. Aus der Schiffswäsche sollen die alten Monogramme entfernt werden. Die Rote Backbordlampe soll in lila umgefärbt werden, weil sich die rote Farbe diskreditiert hat. Die Bordfunkstation wurde besetzt, weil dort eine Abhöranlage vermutet wurde. Das Wasser des Bordswimmingpools soll ab sofort mit Solarenergie beheizt werden usw. usw.

Unterdessen versuchen ein paar Millionen Trottel, wie ich, das Wasser mit durchlöcherten Eimern aus dem Schiff zu schöpfen, ohne zu wissen, ob sie eventuell trotzdem mit absaufen.

Aber wir waren ja eigentlich bei der Wahl und den Rechten. Die Rechten werden ja wahrscheinlich zunächst nicht in der Volkskammer vertreten sein, aber sie sind in der Weimarer Republik ja auch erst später dazu gestoßen. Am Ende oder am Anfang, wie man es nimmt, aber ganz groß heraus gekommen.

Ehrlich, ein bisschen Angst habe ich ganz persönlich und auch im Allgemeinen vor diesen Rechten. Deshalb haben mich auch Bemerkungen von gebildeten Menschen im DDR-Fernsehen zunächst sehr beruhigt, die festgestellt haben, dass es: 1. mit den Neofaschisten gar nicht so schlimm ist in der DDR, 2. sie ohne Schwierigkeiten mit politischen Mitteln zu bekämpfen sind, 3. nur die Kommunisten daran schuld sind, dass es Neofaschisten gibt.

Da die Kommunisten in der DDR jetzt nach und nach verschwinden, dürfte es demnach in Kürze in der DDR auch keine Neofaschisten mehr geben. Dann fiel mir aber ein, ich habe in meinen alten Geschichtsbüchern gelesen, dass die obigen Feststellungen vor 60 Jahren auch schon kluge Leute gemacht haben und in meinem Unterbewusstsein begann es zu ticken ...