Alltagsgeschichte Die Sache mit der "Balkanziege"

von Michael Krusche

Mein Name ist Michael Krusche und ich wohnte bis zur Wende in Bleicherode im Landkreis Nordhausen (Thüringen). Ich machte damals - wie heute immer noch – Musik in einer Amateurrockband. Dieser Umstand allein war Anlass genug für zahlreiche Geschichten, Anekdoten, böse Überraschungen etc., mit denen man sich als Musiker in der DDR zwangsläufig auseinandersetzen musste. Eine besonders einprägsame Geschichte sei im Folgenden erwähnt.

Im Juli 1983 las ich eine interessante Annonce. Ein privater Händler aus Burg verkaufte einen TV (kleiner Lkw – die Red.), im Volksmund "Balkanziege" genannt, da die Dinger in Rumänien gebaut wurden. Vergleichbar war dieses Gefährt eventuell mit einem VW LT 4. Wir brauchten so ein Ding wirklich dringend, denn mit den Hängern war der Transport unserer Band-Technik kaum noch zu bewerkstelligen. Nur, wie ein solches Fahrzeug zugelassen bekommen?

Ich stellte mich dumm, rief beim Rat des Kreises, Abteilung Transportwesen an, erklärte, dass wir einen LKW in Aussicht hätten und fragte, wie es denn mit der Zulassung aussehe. Und dort machte der zuständige Sachbearbeiter den wohl größten Fehler seines Lebens. Vielleicht erfasste er nicht, dass wir Privatpersonen waren oder was auch immer. Er sagte mir, dass wir den LKW ruhig kaufen sollten. Wir kriegen ihn dann schon zugelassen.

So kauften wir also das Teil. Am darauf folgenden Dienstag wollten wir ihn in Nordhausen zulassen. Man schaute uns ungläubig an und erklärte uns, dass dies für Privatpersonen nicht möglich sei und wir eine Genehmigung vom Rat des Kreises benötigten. Die bekamen wir von dem "netten" Herrn, mit dem ich telefoniert hatte, jedoch nicht. Offenbar war ihm auf einmal die Tragweite seiner mündlichen Zusage bewusst geworden und er machte einen Rückzieher.

Wir hatten jedoch die Karre am Hals. Uns blieb nichts weiter übrig, als damit ohne Ummeldung zu fahren. Das ging wohl so zwei Jahre lang gut. Dann beschwerte sich jemand aus "Fischis" Siedlung bei der Polizei ("Fischi" war der Spitzname unseres Tontechnikers), dass da seit etlichen Monaten ein Lkw mit Magdeburger Kennzeichen steht. Die Polizei setzte uns eine Frist von zwei Wochen, das Ding umzumelden. Wir hatten also die Pistole auf der Brust und überlegten krampfhaft, was wir tun könnten.

Uns blieb kein anderer Ausweg, als eine Staatsratseingabe zu verfassen. Die richteten wir an Honecker und wir schilderten von der Zusage, die uns der Bearbeiter beim Rat des Kreises gemacht hatte. Nur auf dieses Versprechen hin hatten wir schließlich den LKW gekauft. Wir wussten, dass eine Vorgabe existierte, solche Beschwerden innerhalb von zwei Wochen zu bearbeiten. Was wir damit lostraten, glich einem Erdbeben.

Der Fall ging natürlich gleich zurück, jedoch auf die Bezirksebene. Ich bekam erst einmal Bescheid vom Staatsrat, dass die Sache in Bearbeitung sei und an den Bezirk weitergegeben wurde.

Kurze Zeit später meldete sich der Rat des Bezirkes Erfurt. Ein Doktor "Sowieso" rief mich an und machte mich erstmal total zur Sau, weil ich mich gleich nach oben gewandt hatte. Das hätte man doch auch so regeln können. Schließlich wollte man sich mit mir treffen und die Sache besprechen.

An einem Freitag erschienen dann auch zwei Herren aus Erfurt bei mir zu Hause. Heute weiß ich, dass die sich mit ihrem Besuch lediglich nach meinem sozialen Verhalten und Umfeld in Kenntnis setzen wollten. Das war mir damals jedoch nicht bewusst.

Einige Tage später teilte man mir dann telefonisch mit, dass wir den LKW aufgrund der mündlichen Zusage des Kreises zugelassen bekommen. Welch ein Erfolg! Welch ein Jubel unter uns!

Ich bin später irgendwann mal wieder beim Rat des Kreises, Abteilung Kultur, gewesen. Da lief mir zufällig der Typ über den Weg, der mir damals die Zusage gegeben hatte. Der schaute mich nicht mehr mit dem Arsch an. Der war stinksauer. Ich denke, dass durch unsere Geschichte einige Köpfe gerollt sind. Das war uns jedoch so was von egal... Wir hatten bekommen, was wir wollten.

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2004, 14:35 Uhr