Bericht "Kaderrucksack" West-Opa

Ich wurde im Februar 1944 geboren. 1949 trennten sich meine Eltern. Der Vater zog nach Düsseldorf. Alimente hat er in einer für mich seltsamen Form gezahlt. In Bitterfeld wohnte eine Schwester von ihm, meine Tante. Sie bekam im Wert von 15 D-Mark ein Päckchen und meine Mutter bekam für mich 30 Mark der DDR. Nur durch diese Tante erfuhr ich, wie es ihm ging. Mit einem Mündel durfte ich als 12-Jährige meinen Vater in Düsseldorf besuchen.

Danach wurden jegliche Beziehungen abgebrochen, weil ich Streitpunkt der Eltern war. Mein Vater warf meiner Mutter vor, mich in den ältesten Sachen zu ihm geschickt zu haben, damit er mir einiges kauft. Ich habe mich in den neuen Westsachen sehr wohl gefühlt. Ich sehe heute noch das schöne rote Kleid und die braunen Schuhe vor meinem geistigen Auge. Es muss ihm aber sehr schwer gefallen sein. Es gab also ein Ende und ich hatte zu niemandem väterlicherseits Kontakt.

Nun zu meiner eigentlichen Geschichte: Ich habe 1963 geheiratet und wohnte mit meinem Mann bei meiner Mutter und dem Stiefvater. 1965 wurden wir eine kleine Familie, denn unser Sohn Steffen wurde geboren.

Eines Tages suchte ich meine Tante in Bitterfeld auf, um meinen Vater an meinem Glück teilhaben zu lassen und ihm ein Bild zu schicken. Er hat sich wohl auch gefreut, denn ich erhielt Post von ihm. Zweimal im Jahr kam dann auch ein kleines Päckchen, eins zu Ostern und eins zu Weihnachten. Besuchen wollte er uns nicht, weil wir im Hause meiner Mutter wohnten.

Unser Sohn wuchs heran und wir stellten fest, dass er musikalisch ist. So kamen wir gemeinsam mit der Musikschule auf die Idee, dass er einmal den Weg eines Berufsmusikers gehen könnte. Er lernte in seiner Freizeit Akkordeon, Geige, Fagott und Klavier.

Mit diesem Rüstzeug und der Empfehlung der Musikschule bewarb er sich beim Wehrkreiskommando um eine Ausbildung zum Militärmusiker und einen entsprechenden Studienplatz in Prora. Begeistert nahm das Wehrkreiskommando diese Bewerbung an.

Wir als Eltern waren glücklich, eine Zukunft für unseren Sohn zu sehen. Es wurde uns mitgeteilt, dass er alles in allem 10 Jahre bei der Armee bleiben muss und dann selbst über seine Zukunft entscheiden kann.

Als er kurz vor dem Abschluss der 10.Klasse stand, kam ein Anruf vom Wehrkreiskommando, dass wir dort zu erscheinen hätten. Es wurde uns mündlich mitgeteilt, dass in Prora kein Ausbildungsplatz mehr frei wäre. Wir sagten dann: "In Ordnung, wenn in diesem Jahr kein Platz mehr frei ist, dann geht er ein Jahr arbeiten und fängt im nächsten Jahr an.“

Erst daraufhin wurde mir mitgeteilt, dass ich mich von meinem Vater lossagen müsste. Um unserem Sohn die Zukunft nicht zu verbauen, unterschrieb ich.

Leider gab es auch in meinem Beruf als Kindergärtnerin Spitzel in nächster Nähe. Eine ehemalige Kollegin fragte mich: "Sage mal, wie machst Du das, wenn Dein Vater schreibt oder gar ein Päckchen schickt?" Ich sagte zu ihr: "Zurückschicken kann ich es nicht, weil ich ihm damit weh tun würde!"

Etwa drei Wochen nach diesem Gespräch wurde ich wieder zum Wehrkreiskommando bestellt. Da wusste ich, was die Stunde geschlagen hat: Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn nicht in diesem Jahr, nicht im nächsten Jahr und überhaupt nicht in der Armee als Militärmusiker dienen kann.

Nun begann für uns eine schwere Zeit. Alle Bewerbungen waren erfolglos, weil die Zeit der Bewerbungen vorüber war. Durch Beziehungen und sehr viel Engagement schafften wir es dann doch noch kurzfristig, für unseren Sohn einen Ausbildungsplatz am Institut für Lehrerbildung zu bekommen. Nebenbei bemerkt ist er heute Grundschuldirektor.