Bericht Von der GST zur NVA

Meine Tätigkeit im Tauchsport bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) brachte es mit sich, dass Schulungen und Taucheinsätze militärisch organisiert wurden.

Bekanntlich verschärfte sich der "Kalte Krieg" Ende der 50-er Jahre, dies führte auch zu einer allgemeinen Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens. An den Hochschulen der DDR wurde die vormilitärische Ausbildung für alle Studenten obligatorisch. Meine Kenntnisse in der Schieß- und Exerzierausbildung veranlassten die GST-Leitung, mich zum Kommandeur einer Einheit an der Verkehrshochschule zu ernennen.

Sorgen um einen Arbeitsplatz für Hochschulabsolventen musste man sich in der DDR nicht machen. Wir hatten die Möglichkeit, unser Arbeitsleben als Diplom-Ingenieure zu beginnen bei der Deutschen Reichsbahn (DR), bei Werkbahnen großer Industriebetriebe, bei Städtischen Nahverkehrsunternehmen sowie bei verschiedenen Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Als Berufsanfänger hätte ich bei der DR netto ca. 530 M/Monat verdient, weniger als mancher Rangierleiter. Die Perspektiven waren für mich nicht sehr gut. So kam der Vorschlag der GST-Leitung, zur NVA zu gehen, mir nicht ungelegen. Allerdings sollte ich bei der Volksmarine Kampfschwimmer ausbilden. Ich kannte die sehr hohen gesundheitlichen Anforderungen durch den Tauchsport nur zu gut. Auf Dauer wäre ich diesen Bedingungen nicht gewachsen gewesen.

Ich willigte ein, zur NVA zu gehen, wollte aber im erlernten Beruf bleiben. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht, sollten sich doch meine Lebensumstände dadurch wesentlich ändern. Einerseits wollte ich meinen Dank für die während der Ausbildung genossene Förderung durch die DDR abstatten, andererseits sah ich die deutlich besseren Berufsperspektiven für mich.

Siegfried Kuner, ein Kommilitone aus dem vorhergehenden Studiengang, war als erster ausgebildeter Diplom-Ingenieur zum Militärtransportwesen (MTW) der NVA gegangen, ich war der zweite. Die anderen Offiziere des MTW waren Praktiker aus anderen Waffengattungen oder von der Deutschen Reichsbahn ohne akademische Ausbildung. Als Unterleutnant verdiente ich bereits ca. 200 M/Monat mehr als bei der DR. Geld spielte für mich immer eine große Rolle, da ich seit Beginn meines Studiums für mich allein sorgen musste und keine Zuschüsse von meinen Eltern erwarten konnte.

Im Dezember 1959 begann ich meinen Dienst als Unterleutnant in der Transportabteilung Greifswald. Die Transportabteilungen der NVA bei den Reichsbahndirektionen hatten die Aufgabe, Truppen-, Versorgungs- und Mannschaftstransporte der NVA und der anderen bewaffneten Organe der DDR zu planen, zu organisieren und zu überwachen. Die Diensträume befanden sich im Gebäude der jeweiligen Reichsbahndirektion, auf einem Flur mit dem "Büro des Präsidenten" und der sowjetischen Transportkommandantur, kurz "WOSO" genannt nach der russischen Bezeichung für MTW (Wojennyje Soobschtschenija).

Wir waren sieben Offiziere (Leiter, Stellvertreter, Arbeitsgruppe Dispatcher, Oberoffizier Bau) und vier Zivilbeschäftigte (Sachbearbeiter Straßenwesen, Sachbearbeiter Militärfahrkarten, Leiter VS-Stelle (VS=Verschlusssachen) und ein Kraftfahrer.

Vor Aufnahme meines Dienstes in Greifswald wurde ich in das Eisenbahn- Pionierausbildungs-Regiment nach Doberlug-Kirchhain kommandiert, wo ich die ersten Grundlagen als Soldat lernen sollte. Wir waren eine Gruppe von 10 jungen Unterleutnants, die anderen Mitglieder dieser Gruppe hatten schon eine drei-jährige Ausbildung als Offiziersschüler an der Pionierschule Dessau hinter sich. Hier lernte ich die wichtigsten Regeln kennen, um als Offizier auf die Öffentlichkeit losgelassen zu werden.

Die meiste Zeit dieses Vierteljahres verbrachte ich mit der Fahrschulausbildung und als Lehrer für Mathematik für Offiziere des Regiments, die sich auf die Ablegung der mittleren Reife vorbereiteten.

Aus heutiger Sicht möchte ich diesen älteren Männern, die schon eine große Verantwortung trugen, meine Hochachtung ausdrücken, parallel zur Alltagsarbeit die im und nach dem Krieg versäumte Ausbildung nachzuholen. Die meisten brachten es bis zum Fachschul-Ingenieur.

Aus der Rolle als "Junger Spund" mit guter Ausbildung ergab sich ein besonderes Verhältnis Vorgesetzter - Unterstellter, was mich viele Jahre meines Dienstes in der NVA begleitete: Einerseits verfügte ich als junger Offizier mit niedrigem Dienstgrad über eine hohe Qualifikation, andererseits fehlte meinen Vorgesetzten, die im Dienstgrad weit höher standen als ich, die notwendige Ausbildung. Dies hat mich charakterlich sehr, vielleicht zu sehr selbstbewusst werden lassen, in vielen Beurteilungen werde ich als überheblich charakterisiert.

Dadurch musste ich manche Schikane von Vorgesetzten, besonders Parteifunktionären einstecken, wenn ich aus den durch die Partei festgelegten Regeln ausbrach oder diese kritisierte.

Eine Episode ist mir in guter Erinnerung: Zu dem Übungsplatz, der dem Regiment gehörte, wurde ein neues Anschlussgleis gelegt. Hauptmann Stefan, ein fähiger Offizier und Ingenieur, leitete die Arbeiten. An der Verlegung einer Weiche entsprechend der Zeichnung scheiterte er jedoch, die dazugehörige Krümmung des Gleises klappte nicht.

Man rief mich mit der Bemerkung: "Sie sind Diplom-Ingenieur, Sie müssen das können!" Zunächst musste auch ich passen: Die Zeichnung und ihre Ausführung stimmten, das Ergebnis jedoch nicht. Glücklicherweise fand ich die Lösung: Anstelle einer Weiche mit geradem Herzstück war eine solche mit gebogenem Herzstück geliefert worden. Schnell wurde die Zeichnung korrigiert, ich hatte meinen Einstand als Fachmann erfolgreich gegeben, obwohl ich nicht als Spezialist für Eisenbahnbau, sondern für Eisenbahnbetrieb ausgebildet bin.

In der Freizeit machten wir die Kneipen der Umgebung unsicher. Neben der Kaserne war eine kleine Gaststätte. Dort trafen wir uns öfters, manchmal machten wir dort Musik. Unterleutnant Dietrich Noack (Spitzname "Benno") spielte Akkordeon, ich klimperte auf dem Klavier, einer spielte Schlagzeug. Die Freundschaft mit Benno war eine große Bereicherung meiner 30-jährigen Armeezeit, obwohl wir selten in einer Einheit dienten, lösten wir viele praktische und wissenschaftliche Aufgaben bei nationalen und internationalen Übungen und der Ausarbeitung von Vorschriften gemeinsam.

1990 wurden wir als promovierte Oberste an der Fakultät für Militärisches Transport- und Nachrichtenwesen der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden gemeinsam "abgewickelt" und treffen uns noch heute regelmäßig.

Im März 1960 kehrte ich nach Greifswald zurück. Schnell arbeitete ich mich in meine Aufgaben ein und fand gute Kontakte zu den Eisenbahnern und den sowjetischen Genossen. Meine Vorgesetzten und Mitstreiter gaben sich viel Mühe, aus mir einen Militär zu machen. Dabei kam es jedoch auch zu Konflikten. Eigentlich hätte ich in das Wohnheim der Militärmedizinischen Fakultät der Universität Greifswald ziehen sollen, mit Unterstützung der Reichsbahndirektion besorgte ich mir ein Privatzimmer in der Stadt und wohnte dort ganz zivil.

Für junge Offiziere herrschte damals in der NVA Uniformzwang. Nun war unsere Uniform recht unbequem. Meist waren Stiefel zu tragen, die Uniformjacken waren bis zum Kragen zugeknöpft, in die Kragen wurden weiße Kragenbinden eingenäht. Besonders im Sommer und beim Ausgang bildete die Uniform keine gute Freizeitkleidung.

Wollte man den Standort, also die Stadt Greifswald verlassen, benötigte man einen Urlaubsschein mit dem Vermerk "Zivilgenehmigung erteilt: ja/nein."

Eines Sonnabendabends ging ich ins Greifswalder Theatercafe. Der stellvertretende Leiter, Hauptmann Grundmann, beobachtete hinter einer Hecke, ob der Zimmermann wohl die Uniform an hatte. Ich bat meine Begleiterin, eine halbe Stunde zu warten und ging zu Grundmann in die Wohnung. Ich meldete: "Genosse Hauptmann, hier bin ich in Zivil, für den Fall, dass Sie mich hinter der Hecke nicht richtig gesehen haben!" Am Montag musste ich antreten und erhielt einen Verweis wegen unbefugten Tragens von Zivil.

Zu meinen Pflichten gehörte die Kontrolle von Ver- und Entladungen von Truppentransporten. Gleich meine erste Kontrolle war eine Katastrophe. Mein Vorgesetzter, Hauptmann Kullmann und der Verantwortliche für Militärtransporte (VMT) der DR, Busch, waren dabei. Auf einem RRym-Wagen, einem Flachwagen mit 89 t Lademasse und zwei dreiachsigen Drehgestellen, waren ein Panzer mit etwa 36 t und ein leichter Panzer mit 12 t symmetrisch verladen. Die Besatzungen begannen, die Fahrzeuge mit Vorlegeklötzern zu befestigen.

Ich bemerkte, dass das eine Drehgestell wesentlich stärker als das andere belastet war und befahl dem Panzerkommandanten, weiter in die Mitte zu rücken, um die Lastverteilung gleichmäßig zu gewährleisten. Der Panzer bewegte sich noch nicht, beim Einlegen des Ganges wippte er. Das reichte, um einen Soldaten, der vor dem leichten Panzer hockte und das Kommando zum Herausgehen überhört hatte, einzuquetschen. Er starb später im Krankenhaus.

Gegen mich ermittelte der Militärstaatsanwalt wegen fahrlässiger Tötung. Durch den VMT, der unmittelbar neben mir stand, und andere Zeugen konnte festgestellt werden, dass ich korrekt gehandelt hatte. Glücklich war ich, als die schriftliche Mitteilung kam, dass das Verfahren gegen mich eingestellt wurde. Dieses Vorkommnis war eine eindringliche Lehre für mich, Weisungen in Zukunft bei Verladungen konsequent nur dem Transportleiter der Truppe zu geben, auch wenn sich dadurch die Ausführung der Weisung verzögert.

Für einen Offizier der NVA war es selbstverständlich, Mitglied der SED zu sein. So stellte ich den Aufnahmeantrag und wurde als Kandidat aufgenommen. Als Diplom-Ingenieur gehörte ich nicht mehr in diesem Sinne zur Arbeiterklasse sondern zur Intelligenz, deshalb betrug meine Kandidatenzeit zwei Jahre.