Kurzgeschichte Kartoffeln sammeln

Die Tür ging auf und im Halbschlaf hörte ich, wie eine vertraute Stimme rief: "Karin, aufstehen, waschen, anziehen." Die Tür ging zu. Es war viel zu früh, ich hasste diese Worte und erst nach dreimaligem Rufen stieg ich aus dem Bett, ging ins Badezimmer, zog mein Hemd, die dicke blaue Trainingshose, den Pullover und feste braune Schuhe an. Nach einem kleinen Frühstück ging ich mit meiner Mutter schnellen Schrittes aus dem Haus.

Treffpunkt Marktplatz, schon von weitem sah ich die vielen Frauen und Männer stehen, die Arbeitskollegen meiner Mutter. Wir sagten allen "Guten Morgen" und dann kam auch schon der Omnibus. Ich suchte mir ganz hinten einen Fensterplatz, um beim Fahren die Häuser und Bäume an mir vorbeiziehen zu sehen. Ganz in Gedanken versunken stellte ich mir vor, wie ich den Tag über mit meiner Freundin hätte spielen könnte. Doch statt mit Spielen musste ich meinen Ferientag mit Kartoffeln sammeln verbringen.

Auf einmal ruckte der Bus und hielt an. Wir waren angekommen. LPG "Roter Stern" leuchtete es mir entgegen. Ich lief meiner Mutter und ihren Kollegen hinterher. Nur ein paar Schritte entfernt stand eine riesige Maschine vor mir, mit einem langen Band. Ich schaute meine Mutter an, sie sagte: "Hier arbeiten wir." Sie legte ihre Sachen etwas abseits und es ging los.

Wir sollten die Kartoffeln aussortieren. Die schlechten und kleinen Kartoffeln mussten wir vom Förderband sammeln und in die Kiepen werfen. Das Band ließ die Kartoffeln kopfüber und Kopf unter Purzelbäume schlagen. Es war lustig anzusehen.

Irgendwann rief jemand: "Wir machen Frühstückspause!" Das Förderband wurde abgestellt. Wir suchten uns einen Platz unter einer dicken Eiche. Meine Mutter holte eine riesige Leberwurstklappstulle für mich aus dem Beutel, reichte mir noch ein gekochtes Ei und heißen Milchkaffee. Ich habe nie wieder mit so viel Genuss mein Brot verzehrt wie an diesem Tag. Die frische Luft, die warmen Sonnenstrahlen und die zwitschernden Vögel gaben mir so viel Ruhe und Zufriedenheit und ich aß auch noch ein zweites Brot. Die Pause war vorbei, das Kartoffelrummeln ging weiter bis zum Mittag.

Um die Mittagszeit fuhr ein Lastwagen auf den Platz und brachte uns Gemüseeintopf und Brot. Herr Meier und Herr Schulz hatten ein kleines Feuer angezündet, das wohlige Wärme verbreitete. Nach dem Mittagessen ruhten oder unterhielten sich die Erntehelfer und machten Späße. Die Arbeit ging dann weiter bis zum späten Nachmittag. Der Bus holte uns wieder ab. Ich suchte mir meinen alten Platz im Bus und merkte erst jetzt, wie mich der Tag geschafft hatte. Ich war müde, aber auch glücklich und zufrieden über diesen besonderen Oktobertag, der für mich ein unvergesslicher Tag geblieben ist.

(entstanden in der Kreativen Schreibwerkstatt Neustrelitz)