Anekdote Der Glückstag

von Lotti Buchwald

Es vergingen einige Jahre. Alfred war inzwischen verheiratet und kam nun ins Lauben- und Datschenbau-Alter. Fast jeder ausgewachsene Mann träumte hier in diesem entlegenen Teil der Welt von seiner eigenen Datsche, bedeutete sie doch ein Stückchen Freiheit und Glück.

Eines Tages machte er sich mit seinem Freund Bernd auf die Suche nach einem geeigneten Gärtchen. Bald wurden die beiden auch fündig, denn gerade vor kurzem war ein größeres Stück Ackerland vom zuständigen Amt ihres Heimatortes in kleine Gartenflächen aufgeteilt und einer beachtlichen Riege von Interessenten als Schrebergartenanlage zur Verfügung gestellt worden. Mit der Gartenbeschaffung gab es für Alfred also weiter keine Probleme.

Mit dem Zement, den er nun zum Bauen der Laube brauchte, war das anders. Den gab es nämlich nicht, da saß der Teufel drauf und hielt ihn fest. Man musste auf der Hut sein und wie ein Schießhund aufpassen, wenn sich im Zementlager der Bau und Handelsgenossenschaft, kurz BHG genannt, etwas rührte.

Wie bei hundert anderen Lauben- und Datschen-Bauherren auch, fing alles mit der Suche nach einem funktionierenden Telefonapparat in seinem Betrieb an. Tagsüber musste er hier nämlich anwesend sein, und zu Hause hatte er sowieso keinen Anschluss. Erst in zehn Jahren war er damit an der Reihe, und so lange konnte er nicht warten. Also beginnen wir mit dem

Ersten Tag:
Nach längerem Suchen funktionierendes Telefon gefunden.
Anruf bei der BHG: "Haben sie Zement?"
"Nein, rufen sie morgen wieder an."

Zweiter Tag:
Nach Telefonsuche wie beim ersten Mal
Anruf bei der BHG: "Ist der Zement heute gekommen?"
"Nein, rufen sie morgen wieder an."

Dritter und vierter Tag:
Dasselbe

Fünfter Tag:
Nach Telefonsuche
Anruf bei der BHG: "Ist der Zement heute gekommen?"
"Ja."

Alfred erschrak heftig und stotterte aufgeregt:
"Wie...wie...wie...viel kann ich bekommen?"
"Fünf Zentner."

Aufgeschreckt und im höchsten Grade erregt, fegte er durch den Betrieb. "Mensch Jungs", schrie er, "ihr glaubt es nicht, es gibt Zement. Was sagt ihr nun?!"

Da er mindestens fünfundzwanzig Zentner für seine Laube brauchte, mussten rasch vier weitere Kollegen aktiviert werden. Die fanden sich auch schnell. Gegenseitige Hilfe war oberstes Gebot. Beim nächsten Mal brauchte man vielleicht selbst Unterstützung.

Doch es war gar nicht so einfach, alle loszueisen und den Arbeitsplatz zu verlassen. Zuerst musste noch ein unterschriebener "Ausgangsschein" beim Vorgesetzten beschafft werden, damit sie ungehindert am Pförtner vorbeikamen. Also machte sich Alfred mit wehenden Rockschößen auf die Suche nach dem Chef. Endlich hatte er alles in der Tasche. Wie elektrisiert quetschten sich die fünf Kameraden in den Kleinwagen der Marke "TRIBA", und raus ging’s aus dem Betriebsgelände; zuerst einmal in Richtung Kaserne, denn die Baugenossenschaft lag etwas abseits.

Die Zeit eilte. Vor dem Kasernengebäude wurden sie abrupt gestoppt, und der verkehrswidrig mit fünf Männern besetzte Wagen musste halten. Alles war abgesperrt. Eine Soldatenkolonne aus der Armee des "Großen Bruders" marschierte, von einem glatzköpfigen Wachtposten streng beaufsichtigt, laut singend durch das Kasernentor.

Tschirokastranamojarodnaja... Alfred wurde unruhig.

Vor ihm in der Autoschlange zählte er sieben weitere Pkws, alle auf dem Weg zur Zementgenossenschaft.Er rechnete kurz durch:

Sieben Autos á fünf Männer = 35 Männer

pro Mann fünf Sack Zement = 175 Säcke

Alfred begann zu schwitzen. Hundertfünfundsiebzig Säcke vor ihm, da blieb für ihn wohl kaum was übrig. Unruhig klopfte er aufs Lenkrad. Den vier anderen Herren brach nun ebenfalls der Schweiß aus, denn Alfred ließ kampfentschlossen den Motor wieder an, machte einen Blitzstart und schoss unbeirrt an dem verdutzten Wachtposten, an der Marschkolonne und an den fünfunddreißig in Warteposition verharrenden Zementaspiranten vorbei.

Fünfunddreißig böse Blicke folgten ihm durch die geschlossenen Autofenster. Der Wachtposten starrte mit offenem Mund hinterher und fuchtelte wild mit seiner roten Kelle. Doch das kümmerte Alfred nicht. Am Ziel der dramatischen Tour stellte er sich aufatmend mit seinen Kameraden in die bereits geduldig ausharrende Käuferschlange.

Als alle Freunde dann endlich, endlich einen Lieferschein für je fünf Sack des ach so kostbaren Pulvers in der Hand hielten, sammelte er die Zettel freudestrahlend ein. Triumphierend nahm er am Nachmittag fünfundzwanzig Zentner in Empfang, um sie peu à peu in seinem himmelblauen TRIBA zu verladen. Nach fünf oder sechs Hin- und Herfahrten stand das mühsam erkämpfte Baumaterial zum guten Schluss fein säuberlich aufgestapelt und sorgsam abgedeckt an Ort und Stelle. Welch ein Glück! Die Arbeit an der Laube konnte beginnen.

Am gleichen Tage verbuchte Christine, Alfreds Frau, ebenfalls einen großartigen Erfolg. In ihrem Betrieb hatte sie Sensationelles gehört: Chinesische Kindercordhosen, weinrote, blaue und grüne soll es gestern gegeben haben. Endlich mal wieder! Der Kleine war längst raus gewachsen aus seiner alten aber farbenfreudigen Importhose. Schade, dass sie ausgerechnet gestern nicht in der Stadt war!

Christine kannte zwar keine Verkäuferin vom Kinderkaufhaus, aber eine chinesische Kindercordhose, die musste sie auf jeden Fall für ihren Sohn beschaffen. Sie wusste genau: Von außergewöhnlichen Wareneingängen legte das Verkaufspersonal für Freunde und gute Kunden vorsichtshalber immer etwas zur Seite. Mit einem Trick wird es vielleicht klappen, machte sie sich selber Mut.

Also zuerst einmal weg von der Arbeit und hin zum volkseigenen Kinderladen. Hier war alles ruhig; keine Schlange, keine Aufregung, kein Gewühl wie am Vortage, als die Hosen eingetroffen waren. "Ich hätte gern die zurückgelegte Kindercordhose", sagte sie forsch und ohne mit der Wimper zu zucken. "Gestern hatte ich leider kein Geld dabei."
"Wie ist ihr Name?" fragte die Verkäuferin. Christine nannte ihn, und die Dame verschwand in einem Nebenraum. "Nein", sagte sie, als sie wieder erschien, "für sie ist nichts zurückgelegt."

"Waaas", funkelte Christine die Verkäuferin an, "das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich habe hier gestern bei ihrer Kollegin eine Hose zurücklegen lassen, und die will ich auf der Stelle haben." – "Welche Farbe war das denn?" fragte die Dame vom Verkauf irritiert. "Weinrot" kam es wie aus der Pistole geschossen. Noch einmal verschwand die Verkäuferin und wiederholte ihren negativen Bescheid.

Hochrot im Gesicht, stemmte Christine die Hände in die Hüften und erhob drohend ihre Stimme: "Also, das sage ich ihnen, wenn ich die bestellte Hose nicht auf der Stelle kriege, schrei ich den ganzen Laden zusammen." Verstört bückte sich die Frau, zog langsam eine weinrote Kinderhose unter dem Ladentisch hervor und reichte sie herüber. Christine griff entschlossen zu.

Die Cordhose, die nie zurückgelegt wurde, war also doch für sie und ihren Sohn vorhanden. Der Trick hatte ja niemand geschadet, Christines Kleinem aber sehr geholfen. Glücklich klemmte sie das Hosenpaket unter den Arm und eilte zurück zum Dienst.

Diese sagenhaften Momente gingen in die Familiengeschichte ein und am Abend wurde gebührend gefeiert; in aller Ruhe, mit leckeren Süßigkeiten und einer Tasse gutem schwarzen Kaffee. Am Morgen dieses Glückstages war ganz überraschend ein Päckchen von "drüben" gekommen, mit Veniva-Creme, Schokolade und Kaffee der Marke ILDA.

Denn eines muss man Alfred lassen, er hatte günstig eingeheiratet: In eine kleine Familie, die aber mit westlicher Verwandtschaft gesegnet war. Und so kam er eines Tages auch recht schnell zu einer Bohrmaschine, auf die Normalsterbliche ohne entsprechende Beziehungen lange warten mussten. Immer wieder fragte er sich: "Wie sieht es eigentlich aus hinter diesem steinernen Vorhang?"

Dort herrschte zwar ein ganz anderes gesellschaftliches System, und er hatte schon die schlimmsten Horror-Geschichten gehört, aber warum gab’s da so viele Bohrmaschinen und andere nützliche Dinge, die man zum Bau auch einer noch so kleinen Laube einfach brauchte? Er würde es nie erfahren, denn eine Reise in dieses sagenhafte Land durften nur die Alten und Kranken antreten.

Er war erst Ende zwanzig und kerngesund. Aber da er ja nun klug geheiratet hatte, hoffte er doch insgeheim, dass sich eines Tages auch für ihn die verriegelten Gitter und Tore einen kleinen spaltbreit öffneten. Schließlich wurden die Verwandten irgendwann einmal fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre alt. Zu solchen Geburtstagen durften auch jüngere Leute hinter die Mauer schauen.

In seiner Phantasie plante er nun die Reisen, die er sich mit seiner Frau in den nächsten vierzig Jahren teilen würde, denn beide zusammen hatten keine Chance. Einer musste immer als Pfand zurückbleiben. Bis dahin wollte er seine ganze Kraft der Laube widmen, denn er ahnte, was beim Bau derselben noch alles auf ihn zukommen würde.

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2005, 12:40 Uhr