Anekdote Weihnachtliches

von Karl Heinz Winkler

Die Vorweihnachtszeit soll ja angeblich die schönste Zeit im ganzen Jahr sein. Mag auch stimmen, wenn es nicht Umstände gäbe, die einem diese Zeit zur Qual werden lassen. Alles in allem konnte man aber zufrieden sein. Der Baum war im wahrsten Sinne des Wortes "erstanden", Wurst und Fleischwaren bestellt, das Karnickel bekam man vom Nachbarn, das Westgeld in Forumschecks getauscht, und, was auch sehr wichtig war, die Westpäckchen waren da. So konnte meine Frau mit dem Backen beginnen.

Auf den ersten Blick schien alles in Butter, wenn ..., ja wenn die Südfrüchte nicht gewesen wären. Dem geneigten Westleser sei erklärt, dass die Südfrüchte bei uns nur Südfrüchte hießen, weil sie Südfrüchte heißen. Uns wurden die Apfelsinen zum Beispiel aus Kuba geliefert. Dort hatten sich nun die sozialistischen Plantagenarbeiter das ganze Jahr geplagt, diese Früchte anzubauen, um den sozialistischen Arbeitern in unserem Ländle zu Weihnachten was Gutes zu tun.

Und da diese kubanischen Genossen nicht das ganze Jahr für uns Zeit hatten, bekamen wir besagte Früchte in der Vorweihnachtszeit. Der entscheidende Unterschied zwischen östlichen und westlichen Apfelsinen war der, dass man westliche schälen musste, das ging bei den kubanischen nicht. Die wurden aufgeschnitten und ausgepresst. Sie waren auch viel saurer, da schmeckte man die Vitamine richtig raus. Die Bananen dagegen kamen meist aus dem Westen. Aber das nur nebenbei.

Nun war mir in der Familie die Aufgabe zu Teil geworden, diese Früchtchen zu besorgen, aber nicht die kubanischen, sondern die aus dem Westen, die es Weihnachten auch ab und zu mal gab. Das hatte einen triftigen Grund. Ich kannte den Kellner Kalle recht gut, der ja logischerweise einen heißen Draht zu allen Geschehnissen der HO hatte. Der rief in meinem Betrieb an (dem lieben Leser sei gesagt, dass unsere Betriebe damals tatsächlich Telefone hatten) und sagte mir in welchem Gemüseladen, und davon hatten wir vier Stück in unserer Stadt, gerade eine Lieferung angekommen war.

Unter dem Vorwand in einem anderen Betriebsteil nach dem Rechten zu sehen, ging ich los, um die begehrten Vitaminträger zu ergattern. Das war aber nicht so einfach. An dem belieferten Geschäft angekommen, standen da zu meinem Glück höchstens zweihundert Menschen vor mir. Nun kamen erst einmal die Frauen mit Kindern dran. Sie mussten beweisen, wie viele Gören sie hatten, und bekamen dann pro Kind ein Kilogramm des begehrten Artikels.

Nach dieser Prozedur standen weitere zweihundert Menschen hinter mir. Die Wartezeit wurde mit reger Kommunikation verkürzt. Hauptthema vor Weihnachten war natürlich das Essen. Man berichtete stolz, welche Fleisch- und Wursterzeugnisse ergattert wurden und prahlte mit seinen guten Beziehungen. Einen großen Raum bei diesen Gesprächen nahmen die Rezepte ein. Es muss Hunderte Varianten der Rot- und Weißkrautzubereitung gegeben haben, denn die Damen fanden kein Ende. Ohne mich an den regen Diskussionen zu beteiligen, konnte ich doch so manche gute Idee mit nach Hause bringen.

Nun ruckte es in der Reihe und in mir stieg eine Angst auf, eine Angst bei der ich dachte Ameisen im Gedärm zu haben und ich müsse jeden Moment aufs Klo rennen. Das ging aber nicht, denn erstens wäre ich meinen Platz los gewesen, außerdem gab es kein Klo in der Nähe. Mit jedem Platz, den ich weiter vor rückte, stieg diese Angst und das hatte seinen Grund. Immer und immer wieder passierte es, dass, kurz bevor ich an der Reihe war, die Südfruchtfachverkäuferin ihr hochrotes Gesicht hob, mit dem Finger auf mich zeigte und schrie, so dass es auch der Hinterste in der Reihe hören konnte: "Dieser lange Herr hier bekommt die Letzten."

Erst trat absolute Stille ein, dann ein leises drohendes Gemurmel, welches sich bis zu den wüstesten Beschimpfungen und Prügelandrohungen steigerte. Die Gesichter waren Wut verzerrt und hießen mir, mich ja nicht wieder blicken zu lassen. Einmal hörte ich sogar wie eine junge Mutter zu ihrem Kind sagte: "Komm mein Kind, hier brauchen wir nicht zu warten, da steht wieder der lange Arsch, der immer die Letzten bekommt."

Doch dieses Jahr war alles anders. Ich saß unterm Weihnachtsbaum, lachte immer noch Tränen und war mit mir und der Welt zufrieden. Denn, als ich diesmal wieder anstand und fast dran war, passierte es, dass die Südfruchtfachverkäuferin ihren hochroten Kopf hob, (mir rutschte schon wieder das Herz in die Hose) auf einen kleinen Dicken vor mir zeigte und schrie, so das es auch der Hinterste in der Reihe hören konnte: "Dieser kleine dicke Herr hier bekommt die Letzten."


(Die Geschichte ist im Buch "Kellner Kalle" von Karl Heinz Winkler im Schleierweltenverlag erschienen)

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2005, 11:23 Uhr