Kampagnen, Rituale und sprachliche Kostbarkeiten Steiners ABC: Einführung

Wie war es "wirklich", damals in der DDR? Zu dieser Frage, die offensichtlich auf wachsendes Interesse stößt, äußern sich in den Medien Zeitzeugen, also Leute, die dieses Leben am eigenen Leibe verspürt haben. Wimmelte es tatsächlich überall von Spitzeln, da die Stasi doch "flächendeckend" ermittelte? Musste man bei jeder Gelegenheit seine Treue zum Staat unter Beweis stellen? War das Parteibuch der SED Voraussetzung für eine gute berufliche Ausbildung? Wurden tatsächlich alle jungen Leute zum Eintritt in die FDJ gezwungen?

Natürlich war es nicht so, in gewisser Weise aber doch. Die Zeitzeugen werden manches bestätigen, anderes verneinen, aber jeder wird seine Wahrheit verkünden. Es lässt sich kaum vermeiden, dass der Zeuge die Fakten nicht nur schildert, sondern auch interpretiert. Daran muss man bereits bei der Formulierung der Fragen denken. Was würde man wohl über die Feiern zum 1. Mai in der DDR erfahren von Leuten, die an den Märschen und Veranstaltungen selbst teilnahmen, sie also mitgestaltet haben?

In zahlreichen Fakten werden sie übereinstimmen: in den Teilnehmerzahlen, der Zeitdauer der Umzüge, der Länge der Marschroute, der Verwendung von Fahnen, Spruchbändern und Bildern, im Verhalten der Teilnehmer im Marschblock, der Existenz von Ehrentribünen und anderem mehr.

Das Ergebnis der Zeugenbefragung ginge kaum über das hinaus, was die Medien anderentags über ein solches Ereignis berichten. Der 1. Mai ist aber mehr als ein Volksfest - er war und ist eine politische Demonstration, eine ideologisch durchdrungene Veranstaltung mit dem Ziel, bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse und Veränderungen zu beschwören und auch für die Zukunft zu stabilisieren. So entstehen Rituale.

Es interessieren eben nicht allein die Äußerlichkeiten des Festes, sondern auch die Haltung der Teilnehmer, die zwischen totaler Zustimmung und völliger Ablehnung schwanken kann. Lässt ein Regime freie Meinungsäußerungen nicht zu, so werden renitente Zeitzeugen entweder heucheln, wenn sie Nachteile für sich befürchten müssen, oder sich auf die oben genannten Fakten beschränken, die dann aber diesen Namen nicht mehr verdienen. In beiden Fällen verlieren die Zeugenaussagen an Wert.

Politische Systeme, die ihren Herrschaftsanspruch ideologisch begründen, sind auf die Mobilisierung der Menschenmassen angewiesen, sie müssen sie dauernd zu bestimmten Aktionen veranlassen. Das geschieht beispielsweise durch gezielte Kampagnen.

Zeitzeugen mögen sich an die 12 Jahre Nationalsozialismus erinnern: Autobahnbau, KdF-Volkswagen, Eintopfsonntag, Winterhilfswerk, Reichsberufswettbewerb, Sammelaktionen, Volkssturm, Werwolf-Bewegung - und das alles eingerahmt von Fahnenappellen, Demonstrationen ("Großkundgebungen"), Rundfunkveranstaltungen und Filmen.

Wie von selbst entstanden Werbesprüche, die jedem etwas sagten und so ihre Wirkung nicht verfehlten. Das Staatswesen der DDR setzte ebenfalls auf das Mitmachen seiner Bürger. Die "Partei- und Staatsführung" (erst die Partei, dann der Staat!) wurde nicht müde zu verkünden, welch starke gesellschaftliche Triebkräfte die Übereinstimmung der persönlichen Interessen der Bürger mit den Interessen der Gesellschaft hervorbringe - aber ohne dauernde politische Belehrung (Staatsbürgerkunde, Vermittlung der Thesen des Marxismus-Leninismus) lief nichts.

Wollen heute Nicht-DDR-Bürger etwas über das Leben in der DDR erfahren, so sollten sie sich mit der neuen Sprachregelung im Lande beschäftigen und die dort gepflegten Rituale studieren.

Als im Oktober 1945 unsere Schulen wieder öffneten, mussten wir Oberschüler von heute auf morgen alle politischen Begriffe und Schlagworte des NS-Katalogs vergessen und ohne Übergang eine völlig anders geartete Politsprache erlernen. Kein nationalsozialistischer Lehrer wurde übernommen! Eins aber blieb: die zentral verordnete einheitliche Sprachregelung.

Wir gewannen bald den Eindruck, ein in sich geschlossenes Lehrsystem philosophischer, historischer, politischer und wirtschaftlicher Theorien vor uns zu haben. Da Lenin als Fortsetzer der Lehren von Marx und Engels galt, sprach man von Marxismus-Leninismus (ML). Dem wurde der Rang einer Wissenschaft zugewiesen: ML galt als die wissenschaftliche Weltanschauung der internationalen Arbeiterklasse, als eine Wissenschaft von den allgemeinen Entwicklungsgesetzen in Natur, Gesellschaft und Denken sowie als wissenschaftliche Begründung revolutionärer gesellschaftlicher Umgestaltungen.

Die praktische Lehre konzentrierte sich auf vier Schwerpunkte. Es waren

  • der Dialektische Materialismus (mit der Dialektik Hegels),
  • der Historische Materialismus (mit dem Materialismus Feuerbachs),
  • die Politische Ökonomie (von Marx im "Kapital" begründet) und
  • die Lehre vom Klassenkampf (in der Anwendung auf die Geschichte der Arbeiterbewegung).

Um einen Begriff zu geben vom Umfang dieser Lehre, sei darauf verwiesen, dass die Marx-Engels-Werke (MEW) 42 dicke Bände füllen und eine im Entstehen begriffene Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) noch wesentlich umfangreicher sein wird. Die BRD beteiligt sich daran, was man wohl als Zeichen der Anerkennung dieses Gedankengebäudes werten darf.

Zwar erwies sich die Praxis als schwächer und auch Lenins Gedanken treten zurück, aber der Marxismus existiert weiter. Im Rahmen unserer Ausführungen benutzen wir weiterhin die Bezeichnung ML. Die neuen Theorien kamen 1945 über uns wie ein Wasserschwall, warfen uns aber nicht gleich um. Die Aufgabe des nationalen Bezugs ("Deutschland, Deutschland über alles...") zugunsten internationaler Betrachtungsweise ("Proletarier aller Länder...") enttäuschte und befremdete, die Darstellung der menschlichen Geschichte als eine Folge von Klassenkämpfen (an Stelle von Rassenauseinandersetzungen) hingegen leuchtete schon eher ein.

Von nun an begleitete die neue Lehre (als ML, Staatsbürgerkunde oder Gewi = Gesellschaftswissenschaften) nahezu jede Qualifizierungsmaßnahme in der SBZ bzw. DDR. Grundschulen, Oberschulen, Erweiterte Oberschulen, Berufsschulen, Arbeiter- und Bauern-Fakultäten, Fachschulen, Ingenieurschulen, Ingenieurhochschulen, Technische Hochschulen und Universitäten, Betriebsakademien, Volkshochschulen, Urania-Gesellschaft und Kammer der Technik - sie alle lehrten die neue Weltanschauung zentral gesteuert mit genau definierten Begriffen, nur dem jeweiligen Ausbildungsniveau angepasst.

Partei (SED) und Gewerkschaft (FDGB) zogen ebenfalls mit, genau so Zeitungen (die sich in der Darstellung politischer Zusammenhänge kaum noch unterschieden) und Rundfunk.

Nur in der Kunst gelang eine durchgehend marxistische Darstellung nicht allzu oft. Als später, nach Einführung des Fernsehens, noch mehr Menschen noch länger "berieselt" werden konnten, hätte sich doch der totale Erfolg einstellen müssen, aber das war inzwischen schwerer als in der Nazizeit. Der Klassengegner war auch nicht dumm und ließ sich nicht durch Störsender oder ähnliche Mätzchen ausschalten. Während wir in den Kriegsjahren kaum etwas vom Ausland erfuhren, kam es jetzt mit schönen Bildern ins Haus und deckte Widersprüche im ML-Bereich auf. Es begann der Kalte Krieg...

Der Sprachschatz der sozialistischen Funktionäre diente nicht nur der Verbreitung der marxistischen Lehre, sondern auch der Strategie und Taktik der Partei, also ihrem Verhalten auf längere Sicht. und dem in kürzeren Zeiträumen. Es gab Parolen des Tages, jährlich wechselnde Losungen und Sprüche, die immer Gültigkeit besaßen. Manche klangen vernünftig, andere pathetisch oder gar lächerlich ("Partei-Chinesisch").

Je nach Einstellung zu dieser Weltanschauung freute oder ärgerte man sich über die Formulierungen, aber daran vorbei kam man genau so wenig wie am untergegangenen NS-Deutsch. Teilweise musste man sich sogar ähnlicher Sprachwendungen bedienen. Das muss wissen, wer die DDR verstehen will!

Für die inhaltliche Richtigkeit der nun vorgestellten Vokabeln und Redewendungen bürge ich als Verfasser dieser Zeilen mit dem Anspruch eines Zeitzeugen - was das bedeutet, wurde bereits erörtert. Ich war im Gründungsjahr der DDR 19 Jahre alt, hatte das Abitur abgeschlossen und war trotz einer vierjährigen Rotlichtbestrahlung in der Besatzungszone der UdSSR durch Schule, FDJ, Presse und Rundfunk noch voller Zweifel. Ein zweites Mal wollte ich nicht hinters Licht geführt werden.

Durch ein Ingenieurstudium und anschließende Arbeitserfahrungen in einem Volkseigenen Chemiebetrieb wuchs allerdings die Einsicht in manche geschichtlichen Notwendigkeiten, woran die endgültige Spaltung Deutschlands und das Verhalten der BRD keinen geringen Anteil hatten. Doch dann kamen die von Brecht beschriebenen Ebenen voller Mühen, die offensichtliche Stagnation wurde als Weiterentwicklung ausgegeben und Fehler beschönigt.

Das groß angelegte und von vielen Menschen anfangs begrüßte Experiment des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden verlief anders als erhofft, so dass am Ende nur noch gläubige Genossen wie Honecker oder Karrieristen von Erfolg redeten.

Meine Erlebnisse als Lehrkraft an Fach- und Hochschulen ließen es einfach nicht zu, Augen und Ohren wider besseres Wissen zu verschließen. Die nun folgenden Begriffe, Slogans und Sprüche sind der Einfachheit halber alphabetisch angeordnet, in jedem Fall aber kommentiert. Die Kommentare geben meine Meinung und die meiner Freunde und Bekannten wieder.