Steiners ABC Von der FDJ und Frida Hockauf

von Walter Steiner

Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) gibt es seit dem 7. März 1946, einige Wochen später trat ich als 16-Jähriger ein. Die ersten Eindrücke waren keineswegs umwerfend. Für Veranstaltungen stand die schön eingerichtete Villa eines enteigneten Unternehmers zur Verfügung. Wir waren etwa 30 junge Leute, durften uns leger benehmen (im Gegensatz zur HJ!) und tun, was wir wollten, aber keiner wusste, was. Bald sank die Teilnehmerzahl, so dass die Leitung Programme vorgeben musste.

Das Gelbe vom Ei ist es nie geworden, aber keiner wurde zu etwas gezwungen. Als 1951 die Weltjugendfestspiele im geteilten Berlin stattfanden, fuhren Tausende in Güterwagen der Reichsbahn hin: die einen begeistert von den Veranstaltungen, die anderen (und das waren mehr!) vom gastfreundlichen Westteil der Stadt. Der Vergleich mit den DDR-Verhältnissen hat sicher viele von der sozialistischen Bahn abgebracht.

Jahre später lernte ich die FDJ-Arbeit an Fach- und Hochschulen kennen. Auch hier fehlte die Selbstständigkeit, dauernd mussten wir "anleiten". Nein, diese "Kaderschmiede" der Partei löste ihre Aufgaben im besten Fall genügend, und das war zu wenig.

Frida-Hockauf-Bewegung

Es klang eigentlich nicht wie die Entdeckung des Jahres: "Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben". Mit diesen Worten rief die gelernte Weberin 1953 eine Wettbewerbsbewegung ins Leben, die von Anfang an ihren Namen erhielt.

Es handelte sich um das Credo der DDR-Gesellschaft, so dass einige Betrachtungen angebracht sind.

  • Nicht Einzelne, sondern alle ("Wir") sind angesprochen. Es geht also um die Gesellschaft!
  • Daraus erwächst für jeden die Pflicht zur Arbeit und darauf gründet sich das Recht auf Arbeit. Jeder erhält die Möglichkeit zu arbeiten und ist schon moralisch angehalten, diese zu nutzen.
  • Offensichtlich wird die Entwicklung des Lebensniveaus nur vom Arbeitswillen der Menschen bestimmt, so dass Erscheinungen wie Konjunktur und Wirtschaftskrisen nicht einmal erwähnt werden.
  • Geld und Wohlstand werden durch Arbeit erworben, nicht durch dunkle Geschäfte und auch nicht durch Glücksspiele. Lotto und Toto gab es anfangs nicht, dann musste man wohl einlenken, hielt aber die Gewinnssummen in Grenzen. Aus Gewinnen durfte man kein Unternehmen gründen, weil durch die Entlohnung von Arbeitskräften die Ausbeutung von Menschen gefördert worden wäre.
  • Da Stillstand als Rückschritt galt, musste immer effizienter gearbeitet werden. Daher tauchten bald weitere Losungen auf:

- die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik,
- die Lösung der Hauptaufgabe,
- das Produktionsaufgebot,
- die ständige Erhöhung der Arbeitsproduktivität,
- die ständige Senkung der Selbstkosten.

Diese und weitere Slogans folgten gebetsmühlenartig aufeinander, so dass sich ihnen auf Dauer niemand entziehen konnte. Wurde die Arbeit auch nicht zum Lebensbedürfnis, so doch zu einem wichtigen Bestandteil des Lebens. Den Frauen erleichterte sie die Selbstverwirklichung. Menschen bis zum Jahrgang 1980, die in der DDR wohnten, haben heute sicher große Schwierigkeiten, den Sinn ihrer heutigen sozialen Umwelt zu erkennen.

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2005, 17:36 Uhr