Steiners ABC Rituale: Der 1. Mai

Hitler war sich offensichtlich im Klaren, dass er den 1. Mai, den "traditionellen Kampf- und Feiertag des Weltproletariats" nicht ohne Schaden für die NS-Bewegung abschaffen konnte. Im Gegenteil, er übernahm ihn als Feiertag und erklärte ihn zu einem "Fest aller schaffenden Deutschen". Fortan war es der "Tag der nationalen Arbeit". Die so genante Volksgemeinschaft sollte ihn nutzen, um durch Märsche und kameradschaftliches Beisammensein ein Bekenntnis zu Führer, Volk und Reich abzulegen. Als Pimpf und (ab 1944) Hitlerjunge der HJ war ich natürlich mittendrin.

Schon als Fünfjähriger lernte ich die Prozessionen der Nazis kennen: zwei oder drei Fackelzüge, an denen wir Knirpse am Abend teilnehmen durfte, hinterließen tiefe Eindrücke. Am Fußballstadion gab es einen "Horst-Wessel-Hain" mit Birken, Büschen und Rasen. Natürlich wollte ich wissen, wer das gewesen sei. Als ich in die Oberschule kam, wurde gerade eine "Adolf-Hitler-Eiche" gepflanzt und mit Reden, Gedichten und Gesängen gefeiert.

Aus Altenburg kannte ich die zwei "Prinzeneichen", die an den Prinzenraub im 15. Jahrhundert erinnerten. Nun also eine Eiche für den Führer, das empfand ich als absolut normal. Wenige Jahre später das große Umlernen. Bald beherrschten wir die neue Funktionärssprache genauso gut wie die alte und gewöhnten uns an die neuen Rituale, die sich im Übrigen gar nicht so sehr von den vorhergehenden unterschieden.

Gott, Führer, Stalin – alle drei wurden ähnlich gefeiert. Die Maifeiern 1946 bis 1951 erlebte ich in Glauchau, das damals durch Zuwanderung von Flüchtlingen, "Bombengeschädigten" und Umsiedlern von 30.000 auf 45.000 Einwohner angewachsen war. Die Stadt war stak industrialisiert, besonders im Textilsektor.

Die Märsche, meist schlecht organisiert, endeten auf dem Markt, dessen Kopfsteinpflaster stundenlanges Stehen nicht gerade erleichterte. Die Redner erzählten jedes Jahr dasselbe, was auch auf Transparenten und in Zeitungen zu lesen war, jeweils um einige Punkte aktualisiert. Einmal trat als Hauptredner "dorr Genosse Moodern aus Drasden", zu Deutsch der Genosse Matern aus Dresden auf. Den Inhalt der Rede kannte ich und auch die Art des Vortrags, und zwar aus dem Schulunterricht und den Veranstaltungen der FDJ.

Bisher hatte ich nur Ritterkreuzträger gehört, die auf Heldenfang ausgingen - aber das war nun vorbei. Vielleicht hätte man Schauspieler engagieren sollen, denn auch Ulbricht und Grotewohl rissen kaum jemanden mit. Nach der Veranstaltung gingen die einen in die Kneipe, andere nach Hause – es blieb sicher nicht viel haften.

An die Maifeiern meines dreijährigen Studiums kann ich mich kaum erinnern, dafür aber umso besser an die Maiveranstaltungen in meinem Chemiebetrieb als Ingenieur. Hier gab es wirkliche Arbeitskollektive. Wir verfolgten damals mit echter Sorge die Entwicklung in der BRD, wussten wir doch, dass zahlreiche Spezialisten aller Couleur aus der Nazizeit wieder agierten. Das konnte man, bei allen Vorbehalten, nicht gutheißen.

Übrigens: Das Mitmaschieren am 1. Mai war Pflicht! Ich weiß nicht, wie viele sonst zu Hause geblieben wären. Diese Tatsache nimmt den Demonstrationen natürlich ihren Wert. Von 1956 an bis zur so genannten Wende war ich als Lehrkraft zunächst an einer Ingenieurs-, dann an einer Ingenieurshochschule und schließlich an einer Technischen Hochschule. Übrigens im gleichen Büro, denn die drei Bildungsanstalten entstanden im Rahmen einer Schulreform.

Nun genoss ich die alljährigen Maiumzüge in der Großstadt Leipzig, mit viel mehr Teilnehmern, aber noch immer nach dem gleichen Schema. Man versuchte, mit der Straßenbahn den Stellort zu erreichen, verbrachte dort bis zu zwei Stunden, bevor sich der lange Zug Richtung Hauptbahnhof wälzte, immer wieder durch Stockungen unterbrochen. Endlich erreichten wir die Haupttribüne, von der aus verdiente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens huldvoll winkten.

Im Zug verteilte Musikkapellen intonierten schmissige Marschmusik. Die jeweils an der Tribüne vorbeidefilierenden Marschblocks wurden durch Lautsprecher angekündigt, einschließlich ihrer Verdienste und neuen Verpflichtungen.

Dann löste sich der Zug auf und wir trafen uns im engen, ausgesuchten Kreis zum fröhlichen Schoppen im "Hotel zum Löwen", Jahr für Jahr. So wurde dieser Tag zwar keine hochpolitische, aber doch stimmungsvolle Veranstaltung, die so bestimmt nicht im Sinne der Partei- und Staatsführung war.

Bis etwa 1970 hatte ich nur mit Studenten des Abend- und Fernstudiums zu tun, also mit Erwachsenen. Dann aber wurde ich "Seminargruppenberater" der jungen Studenten, die durchaus nicht immer bereit waren, eine "festen Klassenstandpunkt" zu beziehen. Sie wollten eben nicht unbedingt Reserveoffiziersanwärter werden oder am 1. Mai Fahnen und Transparente tragen. Mir blieb nicht anderes übrig, als sie zu Dingen zu überreden, die ich selbst nicht mochte.

Natürlich hätte ich mich weigern können, man hätte mich nicht erschossen, aber sollte ich deshalb das private Glück, das ja auch mit Beruf und Geld zu tun hat, aufs Spiel setzen? Diese meine Haltung dürfen nur diejenigen verurteilen, die unter gleichen Bedingungen abgelehnt haben – aber ich kenne kaum welche.

Im Laufe der Jahre wurden die Feiern zum 1. Mai immer mehr zur Gewohnheit. Ein wirkliches Ritual war es wohl nur für die Ehrengäste auf den Tribünen. Ihr Winken bedeutete: So lange die marschieren, bleiben wir an der Macht und am Futtertrog. Aber langsam änderte sich die Stimmung. Vielleicht so ab 1985 waren die Studenten immer schwerer politisch zu aktivieren. In den Marschblöcken entstanden Lücken, aber erstaunlicherweise wurde der Druck von oben nicht stärker (wie in der NS-Zeit der letzten Jahre), sondern schwächer. Zuletzt erstarb alles in Sprachlosigkeit.

Schon deshalb ist die "Wende" nicht mit dem Abtreten der Nazis zu vergleichen. Noch einige Jahre später wussten manche gar nicht mehr, was DDR überhaupt bedeutete. Und zur Maidemonstration gehen nur noch die ideologisch Bewussten, ob das nun gut ist oder schlecht...