Steiners ABC Stabile Preise

Sie waren die heiligen Kühe der DDR und damit tabu, niemand durfte die Preisbildung kritisieren oder gar ändern, obwohl viele es wollten.

Im ökonomischen System der DDR, das man wohl am besten als "zentralisierte Planwirtschaft" beschreibt, wurden natürlich auch die Preise geplant, d.h. festgesetzt. Anfangs (die HO-Preise seien hier beiseite gelassen) blieben Löhne und Gehälter konstant, die Preise bestimmter Waren und Dienstleistungen aber wurden von Zeit zu Zeit gesenkt.

Ein Beispiel dafür: Ich hatte während meines Studiums (1951 bis 1954) in den Semesterferien gearbeitet und mit vom Arbeitslohn einen Fotoapparat zum Preis von 500 Mark gekauft. Zwei Wochen später kostete der gleiche Apparat nur noch 200 Mark. Ohne Ankündigung waren Fotoapparate und optische Einrichtungen im Preis heruntergesetzt worden, und zwar deutlich, wie ich zu meinem Leidwesen feststellen musste. Monate später waren andere Waren an der Reihe und so weiter.

Nach dieser Methode kamen alle Bevölkerungsschichten in den Genuss der Preissenkung, was aber plötzlich nicht mehr im Sinne der Partei- und Staatsführung lag. Sie wollte stattdessen gezielt bestimmte Gruppen der Werktätigen erreichen, nehmen wir an, die Arbeiter und Angestellten der chemischen Industrie. Folglich wurden von da an konstante stabile Preise propagiert und dafür Lohnerhöhungen in Aussicht gestellt.

Ein Fünfjahrplan versprach "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit", was mit einer umfassenden Lohnsteigerung in der chemischen Industrie gekoppelt wurde. Von Umweltschutz war übrigens damals noch keine Rede.

Honecker war ein glühender Verfechter stabiler Preise. Tatsächlich sprach auch manches dafür: Der Durchschnittsbürger (was nicht diskriminierend gemeint ist) wusste, dass die Wohnungsmiete, die Heizungskosten, der Preis für Einkellerungskartoffeln und alle Grundnahrungsmittel und manches andere im nächsten Jahr genau so hoch sein würden wie in diesem und konnte demzufolge in Ruhe planen. Das erzeugte soziale Sicherheit.

Jede Lohnerhöhung, wusste er, würde seinen Lebensstandard erhöhen. Er hätte allerdings auch merken müssen, dass es sich um künstliche, festgeschriebene Preise handelte. Ein kleines Brötchen kostete im Laden fünf Pfennige, in Wirklichkeit hätte man mehr als 20 Pfennige hinlegen müssen, um dem Bäcker eine nicht nur kostendeckende, sondern auch gewinnbringende Arbeit zu ermöglichen.

So erhielt der das fehlende Geld aus dem großen Topf, wie man Subventionierung auch nennen kann. Aber wer finanzierte den Topf? Sehr vereinfacht dargestellt geschah das auf folgende Weise: Die volkseigenen Betriebe kalkulierten die Preise ihrer Produkte genau so, wie es in der heutigen BRD jeder Unternehmer tut: durch Ermittlung der Selbstkosten. Der Gewinn ergab sich jedoch nicht auf dem Markt, sondern wurde "von oben" vorgegeben, nehmen wir an 10 Prozent. Die Rechung konnte dann (in Mark pro Erzeugniseinheit) so aussehen:

Materialkosten |100,00

+ Lohnkosten | 30,00
+ Abschreibungen | 40,00
+ sonstige Kosten | 20,00
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= Selbstkosten |190,00
+ 10 Prozent Gewinn | 19,00
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= Betriebspreis |209,00
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Diesen Preis legte der Betrieb einem staatlichen Preisbildungsorgan vor. Befand die Kommission, das Erzeugnis sei wichtig und nötig für die Bevölkerung, aber entschieden zu teuer, so senkte sie den Preis auf beispielsweise 160 Mark. Der Betrieb verkaufte also das Produkt zum Industrieabgabepreis (IAP) von 160 Mark und erhielt pro Erzeugniseinheit 49 Mark vom Staat.

Um diesen Zuschuss beschaffen zu können, mussten andere Produkte über dem Betriebspreis verkauft werden, was z. B. auf Autos und – man höre und staune – Damenstrumpfhosen zutraf.

Die Preisdifferenz floss in den Staatshaushalt. Auf diese Weise sollen zeitweise 96 Milliarden Mark zum Preisausgleich durch die Volkswirtschaft bewegt worden sein.

Eine wichtige Erkenntnis der ML-Theorie, das Wertgesetz besagt, dass die Summe aller Preise gleich der Summe aller Werte sein muss. Ist das nicht gewährleistet, so setzt sich das Gesetz spontan durch und stört den geplanten Warenaustausch.

Ob Partei- und Staatsfunktionäre die Theorie beherrscht haben, weiß ich nicht, fest steht jedoch, dass die sicher gut gemeinten sozialen Maßnahmen immer mehr kosteten, so dass immer öfter Mittel ausgegeben wurden, die noch gar nicht erarbeitet worden waren – die DDR verschuldete.

Eine weitere Folge dieser Verfahrensweise war die Verschwendung der künstlich verbilligten Güter, denn "sie kosteten ja nichts". Es soll Leute gegeben haben, die altbackene Brötchen als Feueranzünder verwendeten; sie brannten gut und waren billiger.