Anekdote Der Kleingärtner

Die Jahre kamen und gingen ins Land. Nichts hatte sich geändert. Doch die Menschen passten sich den oft schwierigen Problemen und Situationen immer wieder aufs neue an. Zu schlauen Füchsen hatten sich viele entwickelt, und manche verfügten über ein besonders sensibles Gespür für Mängel und deren mehr oder weniger konsequente Beseitigung.

So spielte sich jedes Jahr zur Weihnachtszeit das Gleiche ab. Kaum waren Südfrüchte, wie Apfelsinen, Bananen oder Mandarinen in den Geschäften eingetroffen, fragten sich alle:

"Kriege ich auch genug davon ab?"

Zu anderen Jahreszeiten war es ja kaum möglich, mal eine Banane zu erhaschen, es sei denn, man hatte den obligatorischen Bekannten unter dem einschlägigen Verkaufspersonal. Unterm Ladentisch war auch hier so ab und an für verhandlungsbereite Freunde und Verwandte etwas vorhanden.

Zu Weihnachten war es anders. Da stand den Familien eine bestimmte Menge zu. Und was eine bestimmte Menge war, das setzten die staatlichen Planer und Lenker für alle fest. Jeder Haushalt hatte jedoch seine eigenen Vorstellungen, und die stimmten merkwürdigerweise mit den offiziellen selten überein. Aber dieses Problem war recht einfach zu lösen. Wenn die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte - und sie funktionierte fast immer -, hörte man recht schnell vom Eintreffen der weihnachtlichen Früchtelieferung.

Dann kam heftige Nervosität auf. "Susiii, Klausiii", schrie Mutter lauthals aus dem Fenster. Wenn alle oben in der Wohnung angekommen waren, wuselten sie erst einmal hektisch durcheinander.
"Wo ist der Beutel? Wo ist das kleine dehnbare Netz? Gestern hing es doch noch hier am Haken! Ausgerechnet heute ist es nicht da, Potzdonnerwetter! - Wer geht zuerst?"

Mutter rannte schon los, denn nicht nur sie stellte sich dann in die Schlange vor der Kaufhalle. Auch Vater und die Kinder, bis zum Kleinsten, wenn es schon laufen konnte, mussten ran. Brav und artig wartete man mit versteinertem Gesicht, sprach kein Wort miteinander und kannte sich plötzlich nicht mehr. Es musste ja niemand wissen, dass man zusammengehörte.

Nach etwa einer Stunde waren alle bis zu den Obstkisten vorgerückt, und jeder bekam die festgelegte Ration. Wer dann noch ganz mutig oder so richtig ausgehungert war nach frischen Vitaminen, der brachte seine Obsttüte nach Hause und stellte sich ganz unauffällig noch einmal an.

Aus diesem Grunde wurde der sechsjährige Klaus in einem ziemlich mager bestückten Obstjahr mit der heiklen Aufgabe betraut, möglichst rasch eine zweite Bananenration einzuheimsen. Mutter drückte ihm einen Schein in die Hand, und maulend schlich er zum Laden zurück. Hier standen die Kunden noch immer dicht an dicht in einer langen Reihe. Lustlos stellte sich Kläuschen dazu und beäugte verdrossen die schweigende Schlange. Der menschliche Lindwurm kroch nur langsam voran, und die dumme Warterei war absolut nicht sein Fall.

Ungeduldig spähte er nach vorn. Plötzlich traute er seinen Augen nicht: Da, gleich neben der Eingangstür war Unruhe entstanden. Ein Junge, nicht viel älter als er, verkaufte irgend etwas Interessantes. Neugierig eilte der Kleine nach vorn. Er ließ Bananen Bananen sein, denn etwas ganz Aufregendes lag dort in einem hölzernen Kästchen: Fotos von Alf, dem außerirdischen Katzenfresser.
Der erschien doch immer in dem Fernsehsender, den man eigentlich gar nicht sehen durfte.

Begehrliche Blicke streiften die Kiste. Anstehen und warten musste Klausi hier nicht, und die Gelegenheit war äußerst günstig. Nach eingehender Verhandlung wurden sich die Knirpse einig. Ruckzuck verschwand Mutters Geldschein in der Hosentasche des pfiffigen Händlers. Klaus nahm beglückt die Fotos entgegen.

Mutter konnte es nicht glauben und fasste sich an den Kopf. Das schöne Geld! Still trauerte sie den Bananen nach, denn die waren natürlich inzwischen von der Bildfläche verschwunden.

Im Sommer sah die Sache anders aus. In dieser Zeit legte die Regierung des Landes besonders großen Wert auf die flächendeckende Versorgung ihrer Bürger mit frischen Lebensmitteln.

In riesigen Staatsbetrieben wurde das Obst und Gemüse angebaut und die Verteilung von zentraler Stelle aus gelenkt. Aber wie es so geht im Leben, Gott lenkt und der Denker denkt, nur denkt er eben ganz anders.

Irgendwo fehlte es jedenfalls immer an irgendwas, und kaum jemals reichte alles auch für alle. Doch es wurde geplant und überlegt, das kann man nicht anders sagen, und eines Tages fand man ihn, den Retter der Nation.

Den Kleingärtner !!

Nein, er war nicht der Mörder, er war der richtige Mann, um Schwung ins volkseigene Gemüseleben zu bringen. Er sollte schnellstens die Produktion in seinem Garten steigern, um die leeren Regale in den Geschäften zu füllen.

Und das tat er auch, denn der Staat versüßte ihm sein Pflichtgefühl durch Subventionen und stützte die Preise für seine Produkte. Ihm war es schließlich zu verdanken, dass die Obst- und Gemüsewirtschaft überhaupt aufrecht erhalten werden konnte.

Und das soll hier am Beispiel von Udo einmal festgehalten werden.

Udo wohnte seit seiner Geburt in einer hübschen kleinen Stadt, die ihren mittelalterlichen Charme über Jahrhunderte hinweg bewahren konnte. Er besaß ein altes Häuschen und einen schönen großen Garten. Beides hatte er von seinem Großvater geerbt.

Es war Erntezeit, und die Stachelbeeren hatten in diesem Jahr besonders gut angesetzt. An der staatlichen Aufkaufstelle für Obst und Gemüse war man gerüstet und harrte der Lieferanten, die die Beeren in ihren Haus- und Datschengärten ernteten. Udo hatte die ersten zwanzig Kilo gepflückt, lud den Korb auf sein Moped und machte sich auf den Weg.

In der Annahmestation wurde alles noch einmal gewogen. An der Kasse konnte er einen recht ansehnlichen Betrag in Empfang nehmen.

Im Obstgeschäft ein paar Straßen weiter sah er im Vorbeifahren, dass Stachelbeeren angeboten wurden. Ahnungslos hielt er an und starrte verblüfft auf den Preis. Dort im Laden kosteten sie weniger als die Hälfte von dem, was er dafür bekommen hatte

Wie ist das möglich, überlegte er angestrengt und dachte an Adam Riese.

Nun sind Kleingartenbesitzer ja schließlich auch nur Menschen. Man sollte sie wirklich nicht so offensichtlich in solch arge Verlegenheit bringen.

Udo konnte der lockenden Versuchung jedenfalls nicht widerstehen, der innere Schweinehund war einfach übermächtig und siegte auf der ganzen Linie. Ohne viel Federlesen erstand er neun Kilo von den frischen Beeren, brachte sie nach Hause und besuchte noch zwei weitere Geschäfte. Hier kaufte er rasch die restlichen Früchte auf und schüttete sie zu seinem Vorrat.

Doch was wollte er mit dem ganzen Zeug?
Richtig!

Im Garten rüttelte er die Beeren ein bisschen durcheinander, arbeitete ein paar frische grüne Blättchen dazwischen und besprengte alles mit etwas kaltem Wasser. Am nächsten Tag stand er wieder an der Aufkaufstelle.

Freudig nahm man ihm dort die neue Lieferung ab, zum mehr als doppelten Preis, den er im Laden dafür bezahlt hatte. Von nun an wiederholte sich dieses fabelhafte Spielchen mehrmals in jedem Sommer und verhalf Udo zu einem netten Zubrot.

Da andere Lebensmittel, vor allem Brot, ebenfalls subventioniert wurden, konnte man seine Grundnahrungsmittel sehr preiswert einkaufen.

Darüber freute sich ganz besonders der fleißige Gockel mit seinen sieben Hühnchen, die Udo in seinem Garten hielt. Jeden Tag pickten sie, liebevoll in feine Bröckchen zerteilt, ein leckeres knuspriges Laib aus dem Bäckerladen vom Boden ihres Pferches. Und jedes Jahr zur Frühlingszeit wurde in allen großen und kleinen Bäckereien ein merkwürdiges Phänomen beobachtet. Schlagartig stieg der Absatz von Weißbrot und Brötchen in die Höhe.

Waren plötzlich alle magenkrank?

Im Gegenteil! Neue, fidele Bewohner drängten ans Licht der Welt. In der Natur war das Leben erwacht und überall schlüpften die Küken aus ihren Schalen, um sich die kleinen hungrigen Mägen auf angenehme Weise voll zu schlagen. Und auch die beiden Schweinchen, die Udos Familie im kleinen Stall hinterm Haus Jahr für Jahr aufzog, waren verwöhnte Damen. Täglich ein frisches knackiges Brot, direkt aus der Backstube in den Schweinetrog, schon lange bestanden Jolanthe und Bernhardine auf regelmäßige Labung mit dieser schmackhaften Sättigungsbeilage.

Bei einem Brotpreis von achtundsiebzig Pfennig brauchten sie keine Gewissensbisse zu haben. Das war wesentlich billiger als teures Schweinemastfutter aus der bäuerlichen Genossenschaft.