Anekdote Der Goldfisch im Tintenfass

1973, es war die Zeit der Jugend-Weltfestspiele in Ost-Berlin: Meine liebe Oma, die nur eine kleine Rente bezog, wollte meinen Eltern und mir eine Freude bereiten und uns ein West-Paket schicken. Dafür machte sie nebenher für ein Mark in einem Supermarkt sauber.

Wir warteten ungeduldig auf das Eintreffen des Paketes, besonders ich, denn sie hatte mir eine große Überraschung vorhergesagt. Und dann war es soweit. Das Paket stand auf dem Wohnzimmertisch und wir alle voller Vorfreude davor. Mein Vater griff zur Schere und öffnete es. Das erste was ich sah, war ein leuchtendes Rot. Das war es, das war das Hemd, was ich mir beim letzten Besuch meiner Oma von ihr gewünscht hatte! Vorn auf der Brust links und rechts waren auch noch gelbe Stickereien eingearbeitet. Das Hemd war der Hit!

Aber unter dem Hemd lag noch etwas für mich. Mir verschlug es die Sprache. Mein Vater holte aus dem Paket einen hellen Leinenanzug hervor mit breiten, braun abgesetzten Reißverschlüssen und einer Hose mit einem riesigen Schlag. Mir war, als wenn Ostern, Pfingsten und Weihnachten auf einen Tag fielen!

Nachdem ich meiner Freude lautstark Ausdruck verliehen hatte, wollte ich mich mit den neuen Sachen natürlich überall zeigen und Eindruck machen. Da waren ja die Weltfestspiele der Jugend und ich wollte mal sehen, was da so läuft. Aber da waren sie auch schon wieder, die Probleme mit der Mangelwirtschaft. Ich besaß keine passenden Schuhe und würde auch nirgendwo welche bekommen.

Die Schuhe, die ich hatte, waren aus dem Kaufhaus Aufbau aus der Frankfurter Allee und knarrten fürchterlich beim Gehen und sahen auch nicht gerade modisch aus. Mir blieb nichts weiter übrig, ich zog das neue rote Hemd und den hellen Anzug an, schnürte mit die Schuhe, die ein Orthopäde designed haben musste, zu und lief ein paar Meter im Zimmer auf und ab. Ich hörte das knarrende Geräusch meiner Schuhe kaum noch.

Zu meiner Freude dämmte der große Schlag in der Hose das Knarren und gleichzeitig verdeckte er die Schuhe. Ich schaute in den Spiegel. Durch meine Arbeit im Tiefbaukombinat Berlin, wir arbeiteten bei schönem Wetter immer mit freiem Oberkörper, war ich bereits sehr braun gebrannt. Der helle Anzug, das rote Hemd und meine braune Haut harmonisierten gut mit einander. Stolz wie ein Spanier verließ ich die Wohnung und lief zum U-Bahnhof Frankfurter Allee.

Überall auf dem Weg dorthin und auf dem U-Bahnhof tummelten sich Gruppen von FDJlern. Ich ging die Stufen hinunter zum Bahnhof und tauchte ein in das "blaue Meer", so bezeichneten die Herren Genossen gerne ihre junge Garde mit den blauen Hemden und ich kam mir dabei vor wie ein Goldfisch im Tintenfass. Überall standen Agitationsgruppen und aus der Ferne hörte ich die Lieder der Freien Deutschen Jugend. Ich stand nur da und wartete auf die Bahn.

Plötzlich kam eine Gruppe Jugendfreunde aufgeregt mit ausgestreckten Armen und Händen – in denen sie Tücher und Schreibzeug hielten – auf mich zu und bedrängten mich von allen Seiten. Alle schrieen wild durcheinander und auf mich ein. Ich war vollends verdattert und handlungsunfähig. Langsam dämmerte es mir, was die Blauhemden von mir wollten: Sie hielten mich für den, für den ich mich selbst vor meinem Spiegel zu Hause hielt, für einen stolzen Spanier. Bei den FDJlern war es große Mode auf den Weltfestspielen Autorgramme zu sammeln, hauptsächlich von Gästen aus dem Ausland und mich sahen sie als solchen Gast.

Der Zug lief in den Bahnhof ein. Um mich aus der Gruppe zu befreien, krakelte ich in unleserlicher Schrift schnell ein paar Namenszüge auf einige Tücher und sprang schnell in die Bahn, die auch sofort losfuhr. Mit Tränen in den Augen und mit Bauchkrämpfen erreichte ich den Alexanderplatz. Vor einem Restaurant überlistete ich noch ein paar der wartenden Gäste, ich drängelte mich vor bis zur Bar und erst nach dem dritten Glas konnte ich mich beruhigen und hörte langsam auf zu lachen...