Bericht Leben im Sperrgebiet

Die frühen Jahre

Meine Mutter wurde 1923 in Königsberg geboren und die Familie wohnte bis 1944 in bescheidenen Verhältnissen in Maulen bei Königsberg. 1944 rückte die sowjetische Front immer näher, die Firma meines Großvaters und er wurden nach Doberlug-Kirchhain bei Cottbus evakuiert. Meine Großmutter wollte nicht mitgehen und so kam es, wie es kommen musste.

Meine Großmutter und Mutter wurden von der Front überrollt und auf einen Todesmarsch nach Osten geschickt (ca. acht Wochen Fußmarsch ohne jegliche Verpflegung und Unterkunft bei minus 20 Grad quer durch Ostpreußen. Die Verpflegung war Getreide, das der Treck in Scheunen fand, in die er getrieben wurde. Morgens konnten Alte und Kleinkinder oft nicht mehr weiter, sie blieben einfach liegen. Die russischen Wachmannschaften hatten nicht mal eine erlösende Kugel, die gequälten Kreaturen mussten erfrieren.

Ich wurde 1947 in Budwethen Kreis Tilsit-Ragnit geboren. Ich hatte Glück und überlebte die schweren Jahre in Ostpreußen. Im September 1948 wurden wir auf Stalinerlass hin ausgewiesen. Wir waren der letzte Transport aus diesem Kreis. Nach uns gab es keine deutsche Bevölkerung mehr. Über verschiedene Stationen kamen wir 1950 nach Sülzhayn im Harz, Kreis Nordhausen.

Im Sperrgebiet

Sülzhayn lag unmittelbar an der Demarkationslinie zwischen Thüringen und Niedersachsen. Meine Eltern und ich waren 1950 über Walkenried (Niedersachsen) nach Ellrich eingereist. Ellrich war zu dieser Zeit noch ein offizieller Personenübergang. Es war ein sehr bekannter Übergang für alle Leute, die in den Westen wollten, ob für immer oder nur zur Lebensmittelbeschaffung, aber auch für alle möglichen "dunklen Elemente".

Im Jahr 1952 wurde auf Weisung der sowjetischen Besatzungstruppen ein ca. fünf km breites Sperrgebiet entlang der Demarkationslinie eingerichtet. Am 26. 5 1952 ging die Regierung der DDR durch Weisung des damaligen Ministers für Staatssicherheit, Zaisser, zur Tat über. Da es für die betroffenen Einwohner nicht unerhebliche Einschränkungen der persönlichen Freiheiten gab, wurde vom o. g. Minister am 1.6.52 eine Anordnung über "Vergünstigungen" für die in der Sperrzone lebenden Einwohner herausgegeben. Es handelte sich um finanzielle Verbesserungen. Das Sperrgebiet bestand aus drei Teilen. Dem Fünf-Kilometer-Streifen, dem 500-Meter-Streifen und dem Zehn-Meter-Streifen.

Man benötigte zum Betreten einen Passierschein bzw. einen besonderen Vermerk im Ausweis für das Fünf-Kilometer-Gebiet, einen weiteren Passierschein für das 500-Meter-Gebiet. Häuser im Zehn-Meter-Streifen wurden im Laufe der Jahre abgerissen. In Ellrich gab es mehrere Häuser, die unmittelbar an der Demarkationslinie standen. Man scheute sich auch nicht, Häuser des ehemaligen Konzentrationslagers Juliushütte auf beiden Seiten der Grenze abzureißen und quer durch das KZ die Grenze zu bauen (das ehemalige KZ lag teilweise auf thüringer Gebiet und teilweise auf niedersächsischem).

Wie die Situation im Sperrgebiet kurz nach der Einrichtung war, stelle ich im Folgenden an einer Beschwerde meines Vaters an den Kommandeur der Grenzpolizei Nordhausen dar.

Der Brief meines Vaters

"Am 10. 4. 1954 hatte ich eine dringende Fahrt nach Benneckenstein. Ich fuhr über Rothesütte. Als ich an der Kontrollstation ankam, stieg ich aus meinem Pkw und zeigte dem Dienst habenden Posten meinen Ausweis. Dieser erklärte mir sofort, ich könnte über Jägerfleck nach Benneckenstein fahren.

Ich hatte in meinem Ausweis zwar nur die Eintragung für die Fünf-Kilometer-Zone, war aber deshalb sicher, weil wir schon vorher hin und wieder mit unserem Lastwagen und der Fußballmannschaft aus Sülzhayn den Jägerfleck nach Zusage passieren durften. Als ich nun am Jägerfleck ankam, wurde ich von dem Streifenposten angehalten.

Da ich in der Kurve stand, fuhr ich - weil ein Motorradfahrer dicht hinter mir in schnellem Tempo kam – aus der Kurve heraus und hielt hinter der Kurve auf der rechten Straßenseite. Der Posten verlangte meinen Ausweis und fragte, wie ich dazu käme, in die 500-Meter-Zone zu fahren? Ich erklärte ihm, dass ich ordnungsgemäß meinen Ausweis an der Kontrollstation vorgelegt habe und man mir erlaubte durchzufahren.

Ich erklärte dem Posten weiter, dass ich es sehr eilig habe, nach Benneckenstein zu kommen. Ich bin zurzeit der einzige Arzt in meiner Abteilung und habe sehr schwer kranke Kinder liegen, so dass ich nicht lange von Sülzhayn fort kann. Der Posten erklärte mir aber, ich müsse zurückfahren, nahm die Ausweise meiner Frau und von mir ab und sagte, ich sollte langsam vorfahren.

Ich bat ihn noch, bei mir einzusteigen, damit wir schneller zurückfahren könnten. Dies verweigerte er mir, da er allein ein Auto nicht besteigen dürfe, was ich auch vollständig einsah. Daraufhin fuhr ich los und nachdem wir so 500 Meter gefahren waren, sagte mir mein Junge – ich hatte noch außer meiner Frau meine beiden Kinder mit – dass geschossen würde.

Ich hielt an, stieg aus dem Wagen und sah in einer Entfernung von ca. 500 Metern zwei bis drei Posten mit dem Hund, konnte mir aber nicht erklären, dass der Schuss mir galt. Daraufhin stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr weiter.

Als ich unten an die Kontrollstation kam, berichtete ich dem Dienst habenden Posten, dass ich trotz seiner Zusage oben angehalten wurde und man mich zurückgeschickt hätte und fragte noch den Posten, ob man eventuell auf mich geschossen hätte, weil Schüsse abgegeben worden seien.

Der Posten erklärte mir, der Schuss gelte nur der Station, damit die Ausweise abgeholt werden sollten. Er sagte mir, er würde einen Posten mitschicken und ich könnte dann die Ausweise in Empfang nehmen und weiterfahren.

Inzwischen aber traf der Posten vom Jägerfleck mit den Ausweisen ein. Daraufhin wurde ich zu dem Dienst habenden Oberleutnant gerufen und der Posten machte seinen Bericht, in dem er unter anderem mitteilte, ich habe oben nicht sofort gehalten.

- Die Erklärung hierfür habe ich bereits angegeben. – Weiterhin habe er zwei Schüsse abgegeben, worauf ich zwar angehalten hätte, aber dann weitergefahren wäre.

Es war für mich vollkommen unklar, weshalb man noch Schüsse auf mich abgab, da bereits meine Papiere in den Händen des Postens waren und ich andererseits ja auf jeden Fall unten an der Kontrollstelle anhalten musste, da dort eine Barriere ist und meine Papiere sich ja nicht mehr in meinem Besitz befanden.

Ich glaube kaum, dass hier je der Gedanke eines Fluchtversuches bei dem Posten aufkommen konnte und ich andererseits nicht weiß, wie ich mich hätte verhalten sollen, nachdem ich erste die Zusage erhielt und später auf diese Art behandelt wurde.

Ich möchte noch erwähnen, dass – als ich die Bemerkung machte, wie der Posten mich nun nach meinem Befragen durchlassen konnte – mir erwidert wurde, dass dort ein neuer Posten stehe, der über die Vorschriften noch nicht genau Bescheid wisse und als der Posten angesprochen wurde – wie er meinen Ausweis kontrollierte, erwiderte er, ich habe den Fünf-Kilometer-Stempel vermerkt und konnte eben hier passieren.

Aus allem ist ersichtlich, dass beiderseits ein Missverständnis vorgelegen hat. Ich sehe auch das Verhalten des Postens auf dem Jägerfleck für richtig ein, dass er mich anhielt, die Papiere abnahm und mich zurückschickte. Was mir aber unverständlich ist, ist, dass die Schüsse als Warnschüsse für mich bestimmt waren.

Der leitende Arzt Oberarzt Dr. Meyer."

An diesen Vorfall kann ich mich noch bestens erinnern. Ich war es, der meinen Vater auf die Schüsse aufmerksam gemacht hat. Die Reaktion meines Vaters war nicht so harmlos, wie in dem Schreiben. Man musste doch sehr vorsichtig sein. Wegen einer solchen Lappalie wurde auf eine vierköpfige Familie geschossen. Besonders erbost war mein Vater über die Aufforderung, auch noch die Munition zu bezahlen. Es sind damals auch mehr als zwei Schüsse gefallen.

Man muss dazu sagen, dass die Ausbildung der Grenzpolizei nicht so besonders war und die geistigen Fähigkeiten, besonders der Offiziere, auch nicht allzu hoch waren. Zum Jägerfleck wäre noch zu sagen, dass die Straßen nach 1961 für jeglichen Verkehr gesperrt wurden und die Straße Sülzhayn – Benneckenstein bis heute gesperrt ist.

Die Aktion "Ungeziefer"

Eng verbunden mit der Einrichtung des Sperrgebietes sind die Aussiedlungsaktionen aus dem Sperrgebiet, die unmittelbar nach 1945 begannen und erst mit Aufhebung des Sperrgebietes zur Wende endeten. Einzelaktionen gab es immer, so lange die DDR existierte. Darüber hinaus gab es noch zwei große Aktionen. Die erste war im Juni 1952 und hatte den sinnigen Namen "Ungeziefer".

Die zweite große Aktion hatte den Namen "Festigung" (in Thüringen "Kornblume") und war im Oktober 1961. Nach stalinistischer Art wurden über Nacht unliebsame Personen ausgewiesen. Ihr Eigentum wurde verladen und die Menschen abtransportiert. Sie kamen in Kreise, die nicht an der Grenze lagen. Aus dem Kreis Nordhausen kamen die Ausgewiesenen z. B. nach Sömmerda oder Neustrelitz.

Bei der Aktion "Ungeziefer" wurden aus dem Kreis Nordhausen aus 17 grenznahen Orten insgesamt 143 Familien mit insgesamt 521 Personen ausgewiesen. Die gesamte Aktion muss relativ planmäßig gelaufen sein. Trotzdem sind mehrere Familien, die von der Aktion "Wind bekamen", republikflüchtig geworden. Im Einzelnen waren dies aus:

Mackenrode: sechs Familien und eine Einzelperson
Ellrich: sechs Familien
Rothesütte: zwei Familien
Sülzhayn: eine Familie
Benneckenstein: zwei Familien
Jützenbach: zwei Familien.